Musikindustrie, werde kreativ! – Stimmen zum Fall “Joel Tannenbaum”

500 US-Dollar waren dem Verband der Musikindustrie wohl nicht genug: Sie wollen mehr von Joel Tannenbaum, einem 24-jährigen Studenten, der vor vier Jahren mindestens sieben Songs heruntergeladen und 816 Songs auf der Filesharing-Plattform Kazaa bereitgestellt haben soll. Bis zu einer Million US-Dollar Schadensersatz möchte die RIAA nun aus dem jungen

nesson.jpg500 US-Dollar waren dem Verband der Musikindustrie wohl nicht genug: Sie wollen mehr von Joel Tannenbaum, einem 24-jährigen Studenten, der vor vier Jahren mindestens sieben Songs heruntergeladen und 816 Songs auf der Filesharing-Plattform Kazaa bereitgestellt haben soll. Bis zu einer Million US-Dollar Schadensersatz möchte die RIAA nun aus dem jungen Mann herausholen. Sein Anwalt, Charles Nesson, seines Zeichens Harvard-Professor und kein Unbekannter auf dem Prozess-Parkett, stellt sich jetzt allerdings quer: “Er macht geltend, dass die gesetzliche Grundlage für die Forderungen der Musikindustrie, der ‘Digital Theft Deterrence and Copyright Damages Improvement Act‘ von 1999, verfassungswidrig sei”. Nicht nur Joel Tannenbaum kommt angesichts solch exhorbitanter Summen ins Schwitzen. Auch die deutschen User zeigen sich zu großen Teilen empört über das unverhältnismäßig harte Vorgehen.

“Was ist eigentlich mit den deutschen Profs?”

So stellt etwa “esopherah” in einem Kommentar auf stern.de ganz lapidar fest: “das ist das einzige was gegen die mafia organisationen der musik industrie noch hilft. Weltweit haben kriminelle die politik bestochen um sich selbst gesetze zu schreiben (auch in deutschland).” Seine Forderung: “Es bleibt nichts anderes über, als keine einzige cd mehr zu kaufen und auch itunes und co zu meiden. Denn das geld wird gegen uns verwendet werden.” Von einer ganz anderen Seite sieht es dagegen “Ratatata”, der auf board.gulli.com mehr Einsatz von hiesigen Gelehrten einfordert: “Was ist eigentlich mit den deutschen Profs? Alle am ducken und innerhalb ihres Instituts am Grabenkämpfe liefern?”

Während sich unter der Mehrzahl der Artikel allerdings bis dato nur einige wenige Kommentare finden, ist die Diskussion bei heise.de bereits in vollem Gange. Aktuell befinden sich an die 170 Beiträge unter dem entsprechenden Text. Von “moderner Ritterlichkeit” des Anwalts ist dort ebenso zu lesen wie ein Aufruf an Barack Obama persönlich.

“Um Himmels Willen – wo ist da die Verhältnismäßigkeit?”

Man könne “den Eindruck gewinnen, die Musikindustrie wolle demnächst gar keine Musik mehr anbieten, sondern Einnahmen ausschließlich aus Schadenersatzzahlungen erzeugen”, schreibt etwa Arnd Jaekel. Und auch “exil” zeigt sich in Anbetracht der Schadensersatzforderung entsetzt: “um Himmels Willen – wo ist da die Verhältnismäßigkeit?”, ruft er in die Runde.

Doch neben vielen Stimmen des Zuspruchs sind auch Meinungen zu hören, die in die gegenteilige Richtung schlagen. So bohrt zum Beispiel Norbert Eusendotter tief in die Wunde derer, die Sympathie für Joel und seinen Anwalt empfinden. Er schreibt: “Ich weiß, ich treffe nicht den Tenor dieses Forums damit. Aber ich hoffe der Filesharer muss zahlen, vorausgesetzt er hat das getan was man ihm vorwirft.” Er hält das Vorgehen von RIAA für legitim und sagt: “Soll er doch richtig in die Tasche greifen müssen und seine Finanzplanung für den Rest seines Lebens ausgelöscht sein. Eine Millionen-Dollar. Das wäre abschreckend und der nächste sollte direkt ähnlich bluten. Auch wenn es mir um die Leute Leid tut – sie sind selbst schuld. Vielleicht würde es abschrecken und der ill. Austausch von Musik und Filmen endlich aufhören.” Zumindest einen Effekt würden sie damit nämlich erzielen, da ist er sich sicher: “die MI würde merken, dass sie trotzdem nicht signifikant mehr verkauft. (…) vielleicht würde überhaupt weniger dieser unsäglichen Musik hergestellt und gespielt werden. Und da gäbe es noch mehr Vorteile. Aber das Forum wird es nicht so sehen. Warum nur?”

Datenaustausch lieber in sozialen Netzwerken?

Ganz so weit möchte Werni29 nicht gehen. Er macht stattdessen einen etwas kühnen Gegenvorschlag: “Wenn mich mein Rechtswissen deutscher Gesetze nicht täuscht, dann darf ich meinem Kumpel doch eine Kopie eines Songs von meiner CD geben – das ist eine (legale) Privatkopie – von einer legalen Quelle. Da er ja jetzt eine legale Kopie hat, darf er davon auch eine Kopie seiner Freundin geben – ihre Kopie stammt dann ja auch aus seiner legalen Quelle. Was wäre, wenn nun z.B. ein soziales Netzwerk wie w-k-w das Dateitauschen nur zwischen ‘sich kennenden’ zulassen würde? (…) Mache ich hier einen Denkfehler, oder wäre das wirklich so einfach?”

Ganz und gar nicht einfach macht es sich jedenfalls Charles Nessons. Dessen Ansatz geht jedoch in eine etwas andere Richtung. Er fordert: Musikindustrie, werde kreativ! Und schlägt vor, Musiktitel etwa mit Werbung zu koppeln, um sie online kostenlos anbieten zu können. Er glaubt fest daran: “Es gibt alternative Möglichkeiten, um Unterhaltung so zu verpacken, dass die Künstler ihr Honorar bekommen.” Ob sich die Verantwortlichen allerdings darauf einlassen werden, das erscheint mehr als fraglich.

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