“Das ist die perfekte Welle, das ist der perfekte Tag“, so hat es der damals 17-jährige Raymund Ringele vor fast einem Jahr gesungen. Kurz darauf liegt er am Boden. Seine “Welle” ist am Jury-Damm zerborsten, der große Traum geplatzt. Die Kritik der DSDS-Musik-Experten hat ihn zu sehr mitgenommen. Kurz darauf tobt, wie nicht zum ersten Mal im Dunstkreis dieser Sendung, eine bittere Diskussion. Braucht es solch verbale Brutalität überhaupt? Die Meinungen gehen hin und her. Während zwei Arbeitsphasen, die fünf vielversprechende Bands im PopCamp – Meisterkurs für Populäre Musik durchlaufen haben, wurde indes klar: es braucht sie nicht, um begabten jungen Musikern neue Impulse mit auf den Weg zu geben.
Es kracht und donnert aus einem der vielen Probenräume in der Landesmusikakademie Berlin. Die Mannheimer Formation hesslers gibt auch abseits der Bühne Vollgas. Moritz drischt auf sein Schlagzeug ein. Christoph schreit sich die Seele aus dem Leib. Sebastian und Thomas bearbeiten ihre Klampfen als gäbe es kein Morgen mehr. Der Lärmpegel erreicht seinen Höhepunkt. Dann plötzlich Stille. Gebannt blicken alle Vier in Richtung Klavier. Fabio Trentini, der zur zweiten Arbeitsphase in der Hauptstadt dazugestoßen und bis 2007 als Bassist der bekannten Band H-Blockx unterwegs war, wippt und federt im treibenden Rhythmus. Sichtlich angetan ist er vom Können der jungen Musiker. Doch halt, ganz rund ist die Sache dann doch noch nicht. Freundlich, aber bestimmt hagelt es nun Kritik. An der Komposition ließe sich noch immens feilen. Der Spannungsbogen sei alles andere als rund – ein typischer hesslers-Fehler, wie der Italiener meint. Ernst wird der Produzent und Komponist, wenn er tief in seine Materie eintaucht. Klare Ansagen bestimmen die Arbeit mit den “Nachwuchs-Rockern”.
Der Ton macht die Musik
Doch die “Welle” der vier engagierten jungen Männer rollt weiter. Keiner von ihnen geht zu Boden. Nicht einmal die Stimmen werden lauter. Konzentriert lauschen sie Trentinis Vorschlägen ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Irgendetwas müssen also er als auch seine Kollegen zuvor richtig gemacht haben. Denn auf strikte Ablehnung oder gar lautstarken Protest stoßen das Team weder bei diesen Herren noch bei Alin Coen und Band, Maren & Montauk noch bei Formelwesen. “Ich habe mich gefragt, ob mein Eingreifen überhaupt gut ist”, verrät Fabio Trentini kurz nach einer solchen Probeneinheit seine Bedenken, die er mit an den Rand von Berlin gebracht hatte. “Ich habe jedenfalls versucht ‘in touch’ mit ihnen zu kommen.” So direkt wie möglich möchte er während der intensiven Zeit in den “Katakomben” des FEZ sein, aber dennoch den gebotenen Respekt wahren. Nur so, ist er überzeugt, könne ein Problem auch direkt gepackt und schneller das anvisierte Ziel erreicht werden. “Ich würde nicht so hart attackieren, wie etwa Dieter Bohlen das tut. Man hat kein Recht, Menschen so zu verletzen. Er macht das nur für den Showeffekt”, betont er denn auch nachdrücklich. Der Ton mache für ihn die Musik. Und das ist auch gut so. Denn was sich in den folgenden Tagen abspielt, das kann sich durchaus hören lassen.
Direkte Konfrontation hilft besser zu werden
Auch seine Mitstreiter arbeiten nach diesem Prinzip. Viele Szenen dieser Art spielen sich während der einwöchigen Arbeitsphase in den ausgedehnten Räumlichkeiten ab. Und wer einen Blick über die Schultern der Experten wagt, merkt alsbald: Fernsehen und Realität, das sind immer noch zwei völlig verschiedene Paar Stiefel. Hier zumindest geht es auch ohne fiese Sprüche. Frank Möbus, Professor für Jazzgitarre in Weimar, etwa, nimmt Stück für Stück auseinander. Einzelne Passagen werden analysiert. Neue Spielarten altbekannter Songs ausprobiert. Kollegen wie Kosho von den Söhnen Mannheims oder Professor Udo Dahmen, Kurator des PopCamps sowie künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim, treten hinzu – die kreative Atmosphäre verdichtet sich. Ideen werden in den Raum geworfen – auch mal selbst zum Instrument gegriffen. Zügig werden die Vorschläge umgesetzt und manchmal gänzlich frei gejamt. Doch harsche Kritik oder gar ein “Donnerwetter” erscheinen nicht nötig. Viel zu ernst gehen die Teilnehmer des Spitzenförderprojekts mit sich selbst ins Gericht. Oliver Rüger, der ausgemachte “Session-Liebling” der vierten Staffel, ist, bei allem harmonischen Gebaren, jedoch überzeugt: “Ich halte nichts davon, die jungen Leute in Watte zu packen.” Oftmals hat er auch in der zweiten Arbeitsphase “Tacheles” geredet und ist sich sicher: “Ein Künstler muss das vertragen können.” Denn nur die Konfrontation helfe besser zu werden.
“Sie sollen selbst merken, was nicht stimmt.”
Konfrontation, das betreiben auch Bettina Habekost und Annette Marquard. Schon während der ersten Arbeitsphase in Trossingen haben sich die beiden erfahrenen Dozentinnen dem Körper und der Seele ihrer Schützlinge angenommen. Im Spiegelsaal der Akademie setzen sie nun ihre Arbeit fort. “Es muss nicht gut aussehen”, wirft Bettina hier in die Runde, “schmeißt alles Schlechte weg”, fordert sie auf. Gemeinsam mit ihrer Kollegin beobachtet sie das Treiben. Kritisch wandern ihre Blicke zu jedem Einzelnen. Sind alle vollends bei der Sache? Haben sie das nötige Körperbewusstsein, die Konzentration, um auf der Bühne 100 Prozent präsent zu sein? “Seit da!”, ruft die quirrlige Tänzerin ein ums andere Mal. Harrsche Worte – Fehlanzeige. Enthusiasmus füllt den Raum. “Es ist wichtig, die Leute nicht zu verbiegen und ihnen eigene Illusionen aufzuzwängen”, ist die erfahrene Choreographin überzeugt. Sehr sensibel ginge sie daher auch vor, wenn es an der Zeit sei, Kritik zu üben. “Sie sollen selbst merken, was nicht stimmt. Ich stoße lediglich an. Die Annahme bleibt dann ihnen überlassen”, verrät sie ihre Methode. Das sieht auch Annette Marquard so: “Ich gebe nur Optionen”, erklärt sie ihr Unterrichtskonzept für die Tage in Berlin, das Strenge jedoch nicht völlig ausschließt.
Es geht nicht um die Zuschauer, sondern um die Bands
Wer den Einschätzungen der Dozenten bisher gefolgt war, merkt, “Kuschelkurs” war an der Wuhlheide ganz sicher nicht angesagt. Doch Szenen, wie sie von Zeit zu Zeit auf diversen Sendern kursieren noch weniger. Viel zu sorgfältig und eng gestaltete sich die Arbeit zwischen den Bands und ihren Lehrern. Gegenseitiger Respekt bestimmte die Runde. Und auch, wenn Kosho bemerkt, dass auch ein “gut gemeinter Rat manchmal schwierig zu verdauen” sei, so kam dieser Stil “auf Augenhöhe”, wie er es nennt, wohl auch bei den Teilnehmer selbst sehr gut an. “Es wurde nie richtig auf den Tisch gehauen”, resümieren etwa die hesslers das Geschehen hinter verschlossenen Türen. Schließlich habe sie keiner runter, sondern besser machen wollen. Und Moritz ergänzt: “Wir sind alle Musiker und sitzen im selben Boot.” Hier müsse man nicht hart sein. Die Information müssen vielmehr auf den Punkt sein. Für Härte gäbe es hier keinen Grund. Auch Jan, Gitarrist bei Alin Coen und Band, urteilt positiv über die vergangenen Tage: “Die Kritik, die an uns heran getragen wurde, war sehr konstruktiv. Harte Sprüche waren da nicht dabei.” Auch er outet sich als Freund von “klaren Ansagen”. Doch diese müssten, ganz wie in der vergangenen gemeinsamen Zeit geschehen, immer mit Anstand erfolgen.
Anke Lange, von der m3 team AG, zuständig für Kommunikations- und Medienarbeit, fasst es abschließend zusammen: “Wir Dozenten sehen uns als Menschen, die den Weg mitgehen. Wir sind sozusagen Wegbegleiter, die hier lediglich unterstützen.” Alle Dinge, die hier aus den Menschen selbst herauskämen, würden viel länger tragen als solche, die von außen angetragen würden. Das sei in ihren Augen die bessere Art, Dinge in Bewegung zu bringen. Bei Bohlen und Co. würden wohl eher Voyeurismus und Schadenfreude bedient. Gefühle, die hier ganz sicher nicht geweckt werden würden. Denn schließlich gehe es hier nicht um die Zuschauer, sondern um die Bands.
“Ein gemeinsames Streben nach etwas, was man besser machen kann.”
Mittlerweile ist der letzte Tag im PopCamp 2008 angebrochen. Das Krachen und Donnern in den Proberäumen ist verhallt und alle Teilnehmer dabei in das Kesselhaus der Kulturbrauerei umzuziehen. Am Abend bestreiten sie dort ihr Abschlusskonzert, in dem sie zeigen, welche Impulse sie mit auf ihren ganz persönlichen Weg nehmen werden. Auch nach diesem Konzert war, ganz wie schon Tage zuvor im Probenraum, zunächst Stille angesagt. Und Sebastian, der immer noch verschwitzt an einem der Tische steht, erklärt mit leuchtenden Augen: “Es ist nicht selbstverständlich in einem Workshop, dass so sehr auf die Bands eingegangen wird. Das individuelle Einlassen… es wurde respektiert, was jeder macht. Es war kein Wettbewerb, sondern ein gemeinsames Streben nach etwas, was man besser machen kann.”
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