Der Dschungel in Bukavu, Ostkongo: Mehrere Milizen plagen diese Stadt in der Region der Großen Seen zwischen der DR Kongo, Ruanda und Burundi. Unter ihnen auch Hutu-Rebellen. Jene Kriegsverbrecher gehen aus der ehemaligen ruandischen Armee hervor, die 1994 den Völkermord an die Tutsis begingen und nach ihrer Niederlage in den Ostkongo flüchteten. Heute nennen sie sich die Demokratische Front für die Befreiung Ruandas (FDLR).
Inmitten jenes Dschungels, wo sich keiner hinwagt, spielt die Dokumentation Schlafende Monster. Als erste Journalisten betreten die Regisseure Markus Schmidt und Marion Glaser im November 2005 das unsichere Territorium, um die Situation der FDLR-Milizen zu beleuchten. Eines wird dabei sofort klar: Die Kriegsverbrecher kehren nicht nach Ruanda zurück, weil sie die Konfrontation mit der heutigen Regierung fürchten. Zwar ist eine Großzahl der Milizen in den letzten Jahren nach Ruanda zurückgekehrt, ein harter Kern von Milizen bleibt jedoch vor Ort. Seit 2002 sorgt die UN-Mission MONUC für die friedliche Repatriierung der Hutu-Milizen in ihr Heimatland. Genauso wie der zivile UN-Repräsentant Eric Besner, der während seines Mandats im Ostkongo von den Regisseuren der Dokumentation begleitet wird. Die aktuelle Situation Ruandas scheint jedoch nicht die größte Sorge der Milizen zu sein. Vielmehr geht es ihnen darum, die Wahrheit über den Völkermord – ihre eigene Wahrheit – ans Licht zu bringen.
In der Tat hat das UN-Programm für “Entwaffnung, Demobilisierung, Repatriierung, Reintegration und Wiedereingliederung für alle ausländische und bewaffnete Gruppen in der DR Kongo” (DDRRR) den Abzug tausender von Milizen seit 2002 bewirkt. Auch wenn die MONUC heute noch rund 6.000 Hutu-Milizen im Osten der DRK zählt, trägt das Programm Früchte und bezeugt, dass eine Reintegration der Milizen in das soziale Leben Ruandas funktioniert. “Ich war sehr froh, als ein Ex-Rebell erzählte, dass er sich verliebt hätte und wieder solche Gefühle empfinden konnte, nach einem Leben wo Morde und Vergewaltigungen sein Alltag waren”, erklärt Markus Schmidt.
Gleichzeitig unterstreicht der Regisseur damit die Problematik des Films
Die Schnittstelle zwischen Täter und Opfer verwischt in den Bildern und Bezeugungen von Schlafende Monster. Die Hutu-Rebellen äußern sich im Film. Der Chef der Rebellen, Ignace Murwanashyaka, spricht von dem “Staatsstreich” des heutigen Präsidenten Paul Kagame, ein weiterer Rebell redet von einer anderen Wahrheit des Völkermordes. Wie diese Wahrheit aussieht, sagt er jedoch nicht. Schade, denn es sah so aus, als würde er seine Sicht des Krieges erklären wollen. Sicher steckt hinter seiner Wahrheit mehr als er zugeben will. Eine ähnliche Annahme macht der Sprecher des Filmes: “Wenn die Milizen sich nichts vorzuwerfen haben, warum kehren sie dann nicht nach Ruanda zurück?”, heißt es rhetorisch.
Laut Regisseur Markus Schmidt, weigern sich nicht alle Rebellen den Osten der DR Kongo zu verlassen: “Diejenigen, die sich weigern, sind die Milizen-Chefs. Die anderen Soldaten aber, werden wie Geiseln von ihren Chefs festgehalten. Wenn alle Rebellen repatriiert würden, könnten ihre Chefs dort allein nichts mehr unternehmen”, schlägt Markus einen Weg vor, eine friedliche Repatriierung der Hutu-Rebellen aus der DR Kongo zu schaffen.
Das Thema der Dokumentation ist für Ruanda sicherlich noch zu früh.
Der Genozid von 1994 ist angesichts seiner Tragödie noch ein sensibles Thema für die Ruander und seine Verarbeitung in politischer wie persönlicher Hinsicht komplex. Markus Schmidt und Marion Glaser waren sich dieses sensiblen Feldes bewusst. Notwendig war der Film aber allemal, denn sie “wollten durch den Film bezeugen, dass es einen Weg gibt, in einer kritischen Region für den Frieden ohne Waffen zu sorgen. Die Intervention der USA im Irak ist ein Beispiel dafür, dass man mit Waffen die Situation nur verschlimmert. Der friedliche Weg ist zwar mühsam und langwierig, aber die Mühe wert, weil er langfristige Ergebnisse bewirkt”, so Markus Schmidt.
Trotz aller Befürchtungen, der Film sei für ruandische Zuschauer zu gewagt, nahm ihn das diesjährige Filmfestival von Ruanda in sein Programm auf. Schlafende Monster hatte am 23. März 2008 in der Hauptstadt Kigali Filmpremiere. Am 25. März wurde er an der Nationalen Universität von Ruanda in Butare gezeigt, in einem vollen Audimax. Die Studenten nahmen den Film gut auf. Entgegen aller Erwartungen, finden sie die Behandlung dieses Themas sehr wichtig. Theophile, Student an der NUR, erklärte nach dem Film, er wünsche sich mehr Aufklärungen über den Genozid und über die Lage der Hutu-Rebellen, doch leider würde man in Ruanda nicht offen darüber sprechen.
Man kann dem Film vorwerfen, die Stellungnahme seitens der ruandischen Regierung ausgelassen zu haben und nur die Situation der FDLR-Rebellen zu ergründen. Gerade diese Tatsache macht den Film aber interessant. Denn zu viele Parteien würden nicht den Ernst des Problems der Hutu-Rebellen in der DR Kongo widerspiegeln. Sie würden von dem Weg abkommen, den der Film belaufen will: Zur Bezeugung des Faktes, dass Frieden ohne Waffeneinsatz möglich ist.
Doch, kommt der Film tatsächlich dorthin? Dafür sind trotz Auslassen der ruandischen Seite immer noch zu viele Parteien im Film präsent und zu viele Themen angeschnitten und unbeantwortet, wie zum Beispiel die erwähnte Nicht-Beteiligung des kongolesischen Staates oder die unkooperative kongolesische Armee (FARC), die der UN-Mission eher ein Hindernis als eine Hilfe ist. “Im Grunde sind die FARC das größte Problem, nicht die FDLR”, ist sich der in Zivil operierende Eric Besner mit seinem Kollegen von der MONUC, dem General Shujaat Ali Kahn, im Film einig. Vor allem aber stellt der Film die Beteiligung der Internationalen Gemeinschaft in der Konfliktbewältigung in Frage. Was tun jene Staaten, die im Konflikt mittelbar wie unmittel beteiligt sind, wie Deutschland, das Land in dem der Chef der FDLR, Ignace Murwanashyaka, heute frei lebt?
Zwar bezeugt Schlafende Monster, dass ein Eingreifen ohne Waffen effektiver ist als mit, jedoch nur am Rande. Nicht unwichtig zeichnen sich im Vordergrund die Probleme, die allgemein nach einem Krieg herrschen und einer Wiedervereinigung des Landes im Wege stehen: Allen voran die Schwierigkeit, offen über die Ursachen des Krieges zu reden, wie sich im ruandischen Alltag heute zeigt, wo das Land in Frieden lebt, den Krieg aber noch mühsam verarbeitet. Somit ist den Regisseuren mit Schlafende Monster ein elementares Zeitzeugnis gelungen. Heute, wo die Situation im Ostkongo eskaliert und neuerdings Tutsi-Rebellen die Region attackieren, dient er nicht zuletzt als Diskussionsvorlage.
Schlafende Monster im TV:
Montag, den 8. Dezember 2008 auf Arte um 0.15
Regie:
Markus Schmidt, Marion Glaser
Dauer:
95m.
Dieser Artikel geht nicht auf den tötlichste Konflikt seit dem 2. Weltkrieg ein. 3,9 Millionen Menschen starben im Kongo von 1998-2005.http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,1198921,00.html – das heisst weit mehr als in Ruanda. Ein vergessener und verdrängter Konflikt.