Die Rezessionsgefahr wird aktuell neben der bedrückenden Marktpsychologie vor allem durch weiterhin nicht funktionierende Kreditmärkte erhöht. Ich habe mir dazu drei Segmente angesehen, die aktuell nichts Gutes verheißen.
1. Kreditklemme
Die Meldungen über Kreditengpässe bei Unternehmen häufen sich. Hier gibt es aktuell offensichtlich ein Dilemma der Banken. Einerseits sollen sie aufgrund ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage keine riskanten Kredite mehr vergeben, andererseits sollen sie die Wirtschaft nicht durch eine zu restriktive Kreditvergabe endgültig abwürgen.
Nach Angaben von Creditreform lehnten Banken Kreditwünsche der Firmen in 8,9 Prozent der Fälle gänzlich ab. Im Frühjahr hatte dieser Wert nur 1,6 Prozent betragen. “Außerdem verlangen Banken viel häufiger höhere Sicherheiten von den Unternehmen: nach 16,3 Prozent im Frühjahr sind es mittlerweile 35,6 Prozent.” Jede fünfte Firma musste höhere Zinsen akzeptieren.
Nun könnte man auf die Banken schimpfen, weil sie doch durch den staatlichen Schutzschirm abgesichert seien und daher gefälligst auch die Wirtschaft nicht durch die restriktive Kreditvergabe abwürgen sollten. Die Banken sind aber vor allem deswegen in Schwierigkeiten geraten, weil sie in den vergangenen Jahren ihre Mittel in zu riskante Geschäfte investiert haben. Im Rahmen der Rettungspakete wird ja gerade von ihnen verlangt, für eine bessere Eigenkapitalquote zu sorgen und künftig solidere Geschäfte zu betreiben.
Dazu gehört es, genau zu prüfen, wer die eigenen Mittel bekommt und wie seine Kreditwürdigkeit aussieht, also die Fähigkeit geliehene Mittel nebst Zinsen in den nächsten Jahren zurückzahlen zu können. Bestehen Zweifel, dann verweigern Banken die Kredite oder verlangen höhere Sicherheiten. Sind die nicht vorhanden, dann kann vielleicht noch Ersatz in Form einer öffentlichen Bürgschaft helfen. Andernfalls darf die Bank den Kredit nicht vergeben. Tut sie es dennoch, wird sie sich in einigen Monaten oder Jahren genau dafür rechtfertigen müssen.
2. Steigende Risikoprämien für Kredite an Unternehmen
Die Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe wird verständlich, wenn man sich den Markt für Kreditversicherungen anschaut. Die Risikoprämien zur Absicherung von Krediten an Unternehmen sind in dieser Woche weiter deutlich angestiegen und erreichten ein neues Rekordniveau.
Das zeigt sich z.B. am Itraxx Crossover Europe. Dieser Index bildet die Kosten ab, zu denen sich Anleger gegen das Ausfallrisiko von 50 europäischen Firmen schlechter Bonität absichern können. Dieser Index überschritt gestern erstmals die Marke von 1.000 Punkten. Am 1. November stand der Index bei 700 Punkten. Vor der Kreditkrise lag er unter 200 Punkten. 100 Punkte bedeuten einen Zinsaufschlag von einem Prozent p.A. im Vergleich zu einem risikofreien Kreditnehmer. Bei 1.000 Punkten müssen Kreditnehmer also mit einem Aufschlag von zehn Prozent auf neue Kredite rechnen.
Viele große Firmen stehen mit Blick auf die Prämien für die so genannten Credit Default Swaps (= CDS, mehr zu diesen Instrumenten hier) vor der Gefahr eines Ausfalls, wie die englische Financial Times gestern schrieb.
Dennoch ist bei Interpretation dieser Aussagen Vorsicht angebracht. Hier geht es um den Markt, auf dem Absicherungen für Kredite gehandelt werden. Die Preisbildung ist damit nicht nur abhängig vom Kreditrisiko, sondern auch von Angebot und Nachfrage der Marktteilnehmer.
Durch die Ausfälle und Schieflagen der letzten Wochen im Finanzbereich, insbesondere von Lehmann Brother und dem Versicherer AIG, fehlt dem CDS-Markt die Liquidität, was die Prämien zusätzlich nach oben treibt. Lehmann Brother und AIG waren die größten Händler bzw. Käufer auf dem CDS-Markt. So wird die Absicherungsprämie selbst bei einem Unternehmen, dessen Bonität sich nicht verändert hat, steigen, weil nicht ausreichend Marktteilnehmer aktiv sind. Es gibt aber leider keine Informationen darüber, welcher Teil des Prämienanstiegs bonitäts- und welcher liquiditätsgetrieben ist.
3. Bankenrisiken im 4-Wochenvergleich erheblich gestiegen
Der Kreis scheint sich zu schließen, wenn man sich anschaut, unter welchen Bedingungen sich Banken untereinander Kredit geben. Hier zeigen die staatlichen Finanzmarktoperationen im 4-Wochenvergleich offenbar überhaupt keine Wirkung. Die Prämien für die Absicherung der Kredite, die die Banken selbst aufnehmen wollen, haben sich nämlich durchgehend und zum Teil deutlich erhöht. Dies lässt sich gut an der Tabelle auf dieser Seite nachvollziehen
Kreditbürgschaften statt Konsumgutscheine
Bedenklich erscheint mir, dass alle Maßnahmen der letzten Wochen, die die Kreditmärkte wieder in Gang bringen sollten, zumindest bis jetzt keine Wirkung zeigen. Ohne einen funktionierenden Kreditmarkt helfen aber weder Konjunkturprogramm noch Zinssenkungen der Zentralbanken. Sollte sich tatsächlich die Kreditklemme ausweiten, dann wäre es sinnvoller, wenn der Bund statt Konsumgutscheine auszugeben, mit Bürgschaften Kredite und damit Investitionen sichert.
Ein Beitrag von decoien
Betreiber des Weblogs Blick Log
Photo Quelle/Copyright: Klaus-Uwe Gerhardt, via pixelio.de
“Bei 1.000 Punkten müssen [risikobehaftete] Kreditnehmer [mit geringer Bonität] also mit einem Aufschlag von zehn Prozent auf neue Kredite rechnen.”
Es reicht schon, über diesen Satz genauer nachzudenken, um zu erkennen, dass so ein System gar nicht funktionieren kann. Finanzinstitute versuchen das Kreditausfallrisiko zu minimieren, indem Kreditnehmer mit schlechter Bonität so hohe (Risiko-)Zinsaufschläge bezahlen müssen, dass diese zumeist scheitern müssen. das Scheitern führt dann zu einer weiteren Erhöhung der Risikoprämien für alle.
Der Vorschlag, den Staat das Kreditausfallrisiko übernehmen zu lassen, ist unbedingt sinnvoll!