Von Thomas Lukscheider http://linkszeitung.de/content/view/170404/42/
Es ist schon erstaunlich, wie lautlos weite Teile des deutschen Mittelstands ihren ökonomischen Ruin hinnehmen. Was bindet die Mehrheit dieser diffusen Schicht immer noch an die neoliberalen Denkmuster der Globalisierung und totalen Marktvergötzung? Bei höheren und höchsten Beamten, bei Spitzenpensionären ist die Bindung an die herrschenden Verteilungsverhältnisse durch ihre Luxusversorgung leicht erklärbar, aber was fasziniert die vielen mittleren und Kleinunternehmer, die Selbständigen und Freiberufler, vom Rechtsanwalt bis zum Gastwirt, vom Arzt bis zum Taxifahrer, noch an diesem erodierenden Finanzsystem?
Ein Blick auf ihre Umsätze, auf ihre private Altersvorsorge, die dahinschmelzenden Depots müsste doch ein Umdenken, Protest und Widerstand erzwingen. Doch nichts. Stille.
Länger als zwei oder drei Monate können mittlere oder gar kleinere Zulieferbetriebe solche Auftrags- und Umsatzeinbrüche, wie sie sich bereits abzeichnen, nicht durchhalten. Kurzarbeit wie sie bei Opel, Daimler, Bosch und Delphi angesagt sind, haben mittelfristig enorme Auswirkungen auf den Einzelhandel, das Dienstleistungs- und das Baugewerbe. Inzwischen mussten Tedrive, der Spezialist für Antriebswellen, und TMD Friction, der weltweit größte Bremsbelägehersteller, bereits Insolvenz anmelden. Trotz der von ihnen selbst in Anspruch genommenen immensen staatlichen Hilfen waren deutsche Banken nicht bereit, die nötigen Kredite zu gewähren. Die deutschen Geldkonzerne greifen zwar zig Milliarden an Steuergeldern ab, jedoch keineswegs um die Finanzspritzen an Selbständige und Freiberufler, an große, kleine oder mittelständische Firmen im Lande weiterzureichen, wie Merkel und Steinbrück sich das in ihrer Playmobil-Welt vorstellen, sondern um die eigenen Derivatgeschäfte “glattzustellen” und abzusichern.
Vor allem Credit Default Swaps spielen derzeit eine große Rolle.
Von der Deutschen Bank bis Porsche, von Allianz bis Eon, Siemens und VW – alle, alle boten sie sie an: die Credit Default Swaps. Der Aussteller verpflichtet sich, bei Kreditausfall einzuspringen und bekommt für diese Art von Versicherungsgarantie vom CDS-Zeichner eine (meist vierteljährliche) Gebühr.
Jetzt, da das Schneeballsystem gekippt ist und Milliardenausfälle zu beklagen sind, belasten Unmengen von Ausfallversicherungen (sprich Credit Default Swaps) die Bilanzen. Auf den Schultern deutscher Banken und Unternehmen ruhen mehr als 100.000 Credit Default Swap-Verträge mit einem nominalen Volumen von rund 890 Milliarden Dollar.
Spitzenreiter sind die Deutsche Bank mit 5.893 CDS-Verträgen und 68,5 Mrd. Dollar Nominalwert, die Deutsche Telekom mit 6.855 Verträgen und 68,4 Mrd. Dollar Nominalwert, VW mit 5.426 Verträgen und und 50,1 Mrd. Dollar Nominalwert, Allianz SE mit 2.489 Verträgen und 25,9 Mrd. Dollar Nominalwert, E.ON AG mit 3.402 Verträgen und 32,9 Mrd. Dollar Nominalwert*. Nicht zuletzt wegen solcher Risiken leihen die Banken seit Wochen und Monaten ihren Kunden und einander kaum mehr Geld.
Doch wo bleibt in Deutschland der Protest des Mittelstands?
Ihm brechen die Aufträge, Umsätze und Gewinne weg und ihm fehlen die Kredite – wegen dieser Machenschaften. Wieso erhoffen sich weite Teile dieser Schicht immer noch ernsthaft Hilfe von Leuten wie Ackermann und Friedrich Merz, von Merkel und Steinbrück oder vom Westerwellness-Club der FDP? Hat nicht gerade das Kranksparen der Kommunen und Sozialhaushalte die jetzt so bitter nötige heimische Nachfrage ausgetrocknet und hat nicht gerade der Deregulierungswahn der Neoliberalen die Schleusen für den globalen – sprich großangelegten – Finanzbetrug geöffnet?
Es gibt mehrere Antworten auf diese Fragen:
Erstens: Viele Mittelständler durchschauen das faule Spiel auf den Finanzmärkten schlicht nicht. Viele haben den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen – so wenig wie die Regierung Merkel-Steinbrück und ihr Einflüsterer Roland Koch. Die Zahlen rauschen an ihnen vorbei wie die Lottokugeln bei der Ziehung im Ersten. Zusammenhänge, Ursachen, Gefahren und Folgen für die Realwirtschaft erkennen sie nicht, können sie nicht zuordnen oder werden verniedlicht.
Zweitens, ein kleiner, aber lautstarker, weil in den Medien sehr präsenter Teil, der mittelständischen Marktgläubigen pflegt eine Protz- und Schickeria-Mentalität, die die Alltagsrealität längst nicht mehr wahrnimmt. Ihr Lebensmotto lautet: Geiz im Sozialen, Luxus im Privaten. Diese Kreise haben zur real operativen Produktion schon lange keine Beziehnug mehr und glauben bis heute, sich durch Spekulation maßlos bereichern zu können. Nun, da das Kartenhaus zusammenbricht, redet diese jeunesse doree sich ein, die Krise sei nur eine Illusion, und es handle sich nur um eine vorübergehende Aufgeregtheit.
Als prototypisch für diese snobistische Sicht der Dinge dürfen die durch keinerlei Faktenkennntis getrübten Beiträge von Reinhard Mohr in “Spiegel Online” gelten. Solch eine Haltung ist nicht neu. Auch zu Zeiten des Rokkoko schauten Teile des Landadels bis unmittelbar vorm Untergang des Absolutismus bewundernd nach Versailles, machte sich der Hofadel mehr Sorgen um wohlgepuderte Perücken, Gewänder und Karossen als um die wirtschaftliche Basis.
Drittens. In den konservativeren Kreisen des Mittelstands, etwa bei Handwerk und Landwirtschaft, herrscht unter den Verbandschefs eine Kritiklosigkeit, eine Art Gefolgschafts- und Nibelungentreue gegenüber dem großen Geld und der Finanzbranche vor, die man so ausgeprägt in keinem anderen westlichen Industrieland findet. Der deutsche Untertanengeist und die Obrigkeitshörigkeit haben sich bei vielen in den letzten 20 Jahren vom Staat in Richtung großes Management ergossen, nicht zuletzt weil der konservativere Teil des Mittelstands neben seinem Geld auch noch seinen Glauben auf den Fonds und Konten der Finanzmagier geparkt hat.
Wenn überhaupt Kritik aus der konservativ- mittelständischen Ecke hörbar wird, so richtet sie sich gegen das moralische Versagen einzelner, allenfalls wird ein Murren gegen die “Gier der Menschen” allgemein laut. Zu verstrickt sind viele in die Mechanismen, zu sehr fürchten wohl einige den Kassensturz. Da steckt man lieber den Kopf in den Sand und hofft, dass die Verursacher der Misere schon wissen werden, wie man sie bändigt.
So entsteht in Deutschland die absurde Situation, dass staatliche Milliarden für die Finanzjongleure abgenickt werden, aber jede Entschlossenheit fehlt, die Realwirtschaft zu retten. Nicht nur in der Merkel-Regierung fehlt jedes Gespür für die Dimensionen der Krise, auch in weiten Teilen des Mittelstands.
Während Großbritannien in Not geratene Unternehmen konsequent (teil-)verstaatlicht, während Frankreich, Japan, USA und China Infrastrukturprogramme auflegen, die zwischen 2 und 8 Prozent des Sozialprodukts ausmachen, begnügt sich die Bundesregierung mit einem Paket, das gerade einmal 0,15 % des BIP beträgt. Und weite Teile des Mittelstands begrüßen diese Sparsamkeit auch noch. Die Geiz-ist-Geil-Mentalität gegenüber Staats- und Gemeinschaftsaufgaben ist nach über 15 Jahren neoliberaler Propaganda in diesen Kreisen so tief verinnerlicht, dass sie noch nicht einmal duchbrochen wird, wenn die eigene Existenz auf dem Spiel steht.
Das ist so, als ob in einer Stadt das Industriegebiet brennt; der Funkenflug hat schon die ersten Häuser der Bürger entzündet und dennoch genehmigt der Magistrat – unter dem Beifall der Hausbesitzer – der Feuerwehr nur, den Brand mit einer Kette aus Kaffeetassen zu löschen. Gleichzeitig pumpen dieselben Ratsherren jedoch das kostbare Nass in Pipelines auf die Tanker der Zocker und Brandstifter – Reiseziel unbekannt.
Noch scharen sich die meisten Mittelständler wie Lämmer schutzsuchend um die bekannten TV-Gesichter, um Professoren und Marktprediger vom Schlage Rürups oder Sinns, die den Schlamassel mit angerührt und die Privatisierung öffentlicher Aufgaben als tolle Geschäftsidee verkauft haben und die nun über Beraterverträge Millionen von den einschlägigen Interessengruppen einstreichen. Noch blicken die meisten Mittelständler mit fast schon pseudoreligiöser Andacht auf die Scharlatane mit ihren Renditeversprechen von 25% und mehr.
Man darf gespannt sein, wann auch bei den Lämmern der Groschen fällt.
*Quelle: Warehouse CDS Data der Depository Trust & Clearing Corporation DTCC
Photo Quelle/Copyright: Gerd Altmann, via pixelio.de
Diese Betrachtungen sind von der Sache her schon richtig, aber diese Betrachtungen sind auch purer Zynismus aus dem Munde von Leuten, die selbst mal als herrschende
Polit-Kaste jeglichen unternehmerischen Mittelstand eliminiert haben.
Bernd Stichler