Knapp drei Wochen ist es inzwischen her, dass EXGROUND 21 in Wiesbaden zu Ende ging. Seitdem will ich schon einen Bericht schreiben und bastele daran herum, aber eine Vollzeit-Arbeitsstelle und ein paar andere Dinge lassen mir kaum Zeit. Nun denn.
EXGROUND ist eine Wortkombination aus “Experimental” und “Underground”. In den ersten Jahren bestand das Filmfestival wohl nur aus Experimental- und Untergrundfilmen. Das Publikum für so etwas ist nicht groß. In den folgenden Jahren wurde das Spektrum erweitert, eroberte sich ein wachsendes Publikum und ist im Rhein-Main-Gebiet mittlerweile eine feste Größe. Dabei ist das Filmangebot größtenteils immer noch abseits von gewöhnlicher Kinoware.
Seit 1994 bin ich regelmäßig dabei. Einfach ist es meistens nicht, ein Kinofestival mit Vorstellungen bis in die Nacht zu bestehen und normale Arbeitstage dazwischen durchzustehen. Immerhin hatte ich in der betreffenden Woche zwei Tage Urlaub und die Aktivitäten hatten an den beiden Wochenenden ihre Höhepunkte.
Schauplatz ist das Wiesbadener Caligari-Kino. Es ist das schönste Kino, das ich kenne. Und es ist jedesmal ein Genuss, dort einen Film zu sehen. Das Festival ist komplett ehrenamtlich organisiert. Kleine Pannen gehören dann auch mal dazu und machen es noch sympathischer. Beispielsweise fiel am Eröffnungsabend ein Computersystem aus, die Kassiererin musste die Eintrittskarten handschriftlich ausfüllen und wohl auch noch Strichlisten führen, um nicht mehr Karten abzugeben als Plätze vorhanden sind, und sie behielt trotzdem die Nerven. Das führt zu kleineren Wartezeiten, die unter den Bedingungen der ehrenamtlichen Organisation durchaus zu verkraften sind.
Die Preise sind mit 6,50 Euro pro Vorstellung sehr moderat, eine Zehnerkarte kostet 50,00 Euro. ALG-II-Empfänger/innen haben mit Nachweis die Möglichkeit je nach Verfügbarkeit der Plätze kostenlos die Vorstellungen zu besuchen.
Im weiteren Verlauf beschreibe ich kurz die gesehenen Filme – falls dies nicht ausreichend im Filmprogramm erfolgt ist und gebe Bewertungen nach dem Schema von Schulnoten (1 = sehr gut; 6 = mies). Alle Filme laufen in Originalfassung. Nicht deutsch- bzw. englischsprachige Filme laufen in Originalfassung mit meistens englischen Untertiteln. Deutsche Untertitel gibt es nur bei Filmen, die zuvor auf einem anderen deutschen Filmfestival (meistens Berlinale) liefen. Synchronisationen bzw. deutsche Untertitel sind zu teuer für das Festival.
Freitag, 14. November um 19:30 Uhr
ROAD SPAIN von Jordi Vidal
Spanien 2007, Originalfassung, spanisch mit englischen Untertiteln
Ein Architekt erwischt zu Hause seine Freundin mit einem anderen Mann im Bett, packt seine Sachen und gondelt mit dem Wohnmobil quer durchs Land. Die Idee ist nicht neu, wird aber interessant umgesetzt und erzählt – am Anfang jedenfalls. Der erste Zwischenstop ist eine Motorpanne und verschlägt ihn zu einem Haus in der Steppe voller hübscher Frauen, das sich erst nach ein paar Minuten als Bordell entpuppt. Prostituierte und Freier helfen dann weiter und geben Starthilfe, ein Freier fährt ein Stück mit. So weit so gut. Dann passiert eigentlich nichts anderes als, dass irgendwelche anderen Leute mitgenommen werden und gequatscht wird. Schade. Eine vertane Gelegenheit.
Note: 4-
Freitag, 14. November, 22:15 Uhr
PLOY von Pen-Ek Ratanaruang
Thailand 2007, Originalfassung, thai mit englischen Untertiteln
Kino aus Thailand ist meistens hochprofessionell. Bekannt sind die Thailänder weniger für Dramen als für ihre Genrefilme im Bereich Action, Thriller und Horror, wobei es meistens mit Tempo abgeht. Dieser Film ist spröde und langatmig inszeniert, was schade ist. Die Handlung hat Potential für mehr. Parallel zur Dreiecksbeziehung im Mittelpunkt sehen wir die Beziehung zwischen einem Zimmermädchen und dem Barmann. Nach einem dramatischen Finale mit Entführung und Notwehr liegt das Zimmermädchen auf dem Bett und singt wie in einem Musical. Das ist ein sehr seltsamer Stilbruch und wirkt nach einem insgesamt anspruchsvollen Film merkwürdig trivial und sorgt zum Schluss für Verwirrung. Insgesamt kein Renner.
Note: 4
Montag, 17. November, 20:00 Uhr
CAÓTICA ANA von Julio Médem
Spanien 2007, Originalfassung, spanisch mit deutschen Untertiteln
Ana lebt zusammen mit ihrem Vater in einem höhlenartigen Häuschen an einer Steilküste auf Ibiza. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie sich mit selbstgemachten Kunstgegenständen, die sie auf Märkten verkaufen. Eine Kunstsammlerin – prominent besetzt mit der Britin Charlotte Rampling – lädt sie in ihre Künstlerkommune nach Madrid ein. Ana lernt die Großstadt, die Liebe und später einen Hypnotiseur kennen, der sie wiederholt in Hypnose versetzt. In diesen Sitzungen erfährt Ana, dass sie in verschiedenen Epochen schon lebte und starb.
Zwischenzeitlich wird Ana von ihrem traumatisierten Freund fluchtartig verlassen und sie erfährt, dass ihr Vater Krebs im späten Stadium hat. Um ihr junges Erfahrungsspektrum zu erweitern, segelt Ana schließlich mit dem Vater einer Madrider Kommunenfreundin nach New York und bleibt dort. Ein sehr ambitionierter und anspruchsvoller Film endet mit der Suche nach ultimativer Freiheit in den USA – das erscheint mir doch klischeehaft mindert leider die Qualität des Filmes.
Anas Vater wird vom Deutschen Mathias Habich gespielt, der in seinen besten Zeiten in halb Europa tätig war und in Deutschland meistens nur als Fernsehdarsteller missbraucht wird. Da muss schon ein spanischer Regisseur kommen, um Habich seinem Talent entsprechend einzusetzen. Die im Film gezeigten Gemälde stammen von Julio Medems inzwischen verstorbener Schwester, die ebenfalls Ana hieß.
Note: 3
Mittwoch, 19. November, 17:30 Uhr
COBARDES – FEIGLINGE von José Corbacho und Juan Cruz
Spanien, Originalfassung, spanisch mit englischen und deutschen Untertiteln
Der 14-jährige Schüler Gaby wird von seinen Schulkameraden gemobbt und hat Probleme mit seinen Eltern. In den besseren Momenten seines bedrückenden Lebens erlebt er den ersten Kuss und die erste Liebe, die allerdings auch nicht lange hält. Ein ernstes Thema wird professionell, absolut glaubwürdig, ohne falschen Kitsch und trotzdem unterhaltsam erzählt. Die jugendlichen Darsteller machen ihre Sache sensationell gut. Der Film läuft in der Reihe Youth Days, in der eine Jugendjury den besten Film auswählt und prämiert. Zusätzlich zu den englischen Untertiteln auf dem Film werden zusätzlich für die Jugendlichen deutsche Untertitel per Computer eingeblendet. Das ist natürlich ein toller Service. Auf Anhieb ist es ein bisschen gewöhnungsbedürftig, da ich in der kurzen Zeit schnell lese und das am Anfang mit zweisprachigen Untertiteln etwas verwirrend ist.
Note: 1
Freitag, 21. November um 20:00 Uhr
TALE 50 – ISTORIA 52 von Alexis Alexiou
Griechenland 2008. Originalfassung, griechisch mit englischen Untertiteln
Um es gleich direkt zu formulieren: Griechenland hat sicher viele Vorzüge. Die Filme gehören nicht dazu – oder die wirklich guten werden hier nicht gezeigt. Die Handlung ist im Katalog und im Internet ausreichend gut beschrieben. Der geübte Thrillerfan vermutet schon nach einer viertel Stunde, dass Iasonas seine Freundin ermordet und die Tat aus seiner verwirrten Erinnerung ausgeblendet hat. Der Film spielt bis auf wenige Szenen ausschließlich im Innern der düsteren und verwahrlosten Wohnung.
Note: 5
Freitag, 21. November um 22:15 Uhr
MAN JEUK – SPATZEN von Johnnie To Kei-fung
China / Hong Kong 2008, Originalfassung, kantonesisch mit englischen Untertiteln
Mit welcher Leichtigkeit, Eleganz, mit welchem Charme und Humor die Fehde zwischen zwei Kriminellen-Gangs hier erzählt wird, ist schon faszinierend. Die Hauptrolle spielt Hong Kongs Altstar Simon Yam, der schon alles vom Serienkiller bis zum Geheimagenten spielte. Es ist allen Darstellern deutlich anzusehen, wie viel Spaß sie bei den Dreharbeiten hatten. Genau das hier sind einige der Gründe, warum ich einst das asiatische und am Anfang speziell das Hong-Kong-Kino lieben lernte.
Note: 1
Samstag, 22. November um 15:00 Uhr
VACAS – KÜHE von Julio Médem
Spanien 1991, Originalfassung, spanisch mit englischen Untertiteln
Die titelgebenden Kühe tauchen immer wieder auf. Die Kamera zeigt ihre Gesichter mit einer Mimik, die fast an menschliche Darsteller erinnert. Der Film ist sehenswert, handwerklich einwandfrei und poetisch inszeniert. Rustikale Traditionen wie der Holzhackerwettbewerb oder das Werfen von Tieren in faulige Erdgruben sind allerdings sehr gewöhnungsbedürftig.
Note: 3+
Samstag, 22. November um 17:30 Uhr
PING PONG KINGEN – KING OF PING PONG von Jens Jonsson in der Reihe Youth Days
Schweden 2007, Originalfassung, schwedisch mit deutschen und englischen Untertiteln
Die Sorgen und Ängste pubertierender Jugendlicher werden glaubwürdig und seriös erzählt. Allerdings braucht der Film doch weit über eine halbe Stunde, um richtig in Gang zu kommen. Zum Schluss wird es noch richtig dramatisch. Insgesamt gut.
Note: 3
Samstag, 22. November um 20:00 Uhr
ESTÔMAGO von Marcos Jorge
Brasilien 2007, Originalfassung, portugiesisch mit englischen Untertiteln
Ich komme knappe zehn Minuten zu spät, kann aber trotzdem noch in die Handlung einsteigen. Warum Raimundo der Koch ins Gefängnis kam, erfahren wir erst zum Schluss. In Rückblenden sehen wir seinen Aufstieg vom Spelunkenbruzzler zum Koch beim Edelitaliener. Sexy, appetitlich und unterhaltsam.
Note: 2
9TO5 – DAYS IN PORN von Jens Hoffmann
Deutschland 2008, englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
In Anwesenheit von Regisseur / Kameraman und Produzentin / Tonfrau
Dieser Dokumentarfilm ist eine Innenansicht aus der amerikanischen Pornoindustrie. Und es geht ganz schön zur Sache, ohne spekulativ zu werden. Stars und Macher der Pornoindustrie werden nicht nur interviewt sondern auch bei der Arbeit gezeigt. Und was da zu sehen ist, gilt nach deutschen Standards als Pornographie. All zu detaillierte Aufnahmen sind nur aus weiterer Entfernung und gerade noch unverfänglicher Perspektive bzw. gepixelt zu sehen. Nicht nur ein erigierter Penis ist zu sehen sondern auch die Gesichter von Pornodarstellerinnen, denen das Ejakulat aus dem Mund läuft. Da ist es schon überraschend, dass so wenige Zuschauer (auch weibliche) den Kinosaal verließen. Der Grund dafür ist sicher, dass die Personen trotz aller gezeigten Inhalte sehr respektvoll portraitiert werden. Interessant ist, dass auf Darstellerebene die Frauen die Handelnden und Bestimmenden sind. Inhaltlich werden die Frauen zwar zu Sexualobjekten männlicher Phantasien degradiert. Bei der Arbeit sind jedoch die Männer bis auf ganz wenige Ausnahmen die Objekte und haben nichts zu melden.
Pornodarstellerin Sasha Grey, die ihre horizontale Karriere mit 18 Jahren begann, schaffte sogar den Aufstieg nach Hollywood und dreht jetzt in einer Hauptrolle mit Oscar-Preisträger Steven Soderberg. Das Filmteam war ganz nah dabei, konnte alles sehen, hören und riechen, bekam aber trotz aller Nähe wohl keine Körperflüssigkeiten ab. Was in der interessanten Dokumentation fehlt, sind die Portraits von Gescheiterten, die nach wenigen Wochen oder Monaten in der Pornoindustrie ausgebeutet und ruiniert am Rand der Gesellschaft enden.
Note: 2-
THE MACHINE GIRL – KATAUDE MASHIN GÂRU von Noboru Iguchi
Japan 2008, Originalfassung, japanisch mit englischen Untertiteln
Solche Filme werden anscheinend schon digital gedreht, um sie ohne große Umwege über das Kino direkt auf DVD zu vermarkten. Hier war eine Digitalprojektion vorgesehen, aber da das Material nicht rechtzeitig eintraf, wurde eine DVD aus Großbritannien in entsprechender Bildqualität gezeigt. Nicht weiter schlimm.
Das besondere Publikum hatte seinen Spaß und spendierte dauernd Szenenapplaus. Solche Filme sind Partyfilme für die Nachtvorstellungen von Filmfestivals. Die Brocken fliegen und das Kunstblut fließt in Strömen. Zu Hause auf DVD macht das aufgrund fehlender Festivalatmosphäre und filmischer Mängel weniger Spaß.
Die Idee, abgetrennte Gliedmaßen durch Kettensägen oder großkalibrige Waffen zu ersetzen, ist nicht ganz neu. Der Bohrmaschinen-Wonderbra ist allerdings wirklich eine durchschlagend neue Filmerfahrung. Die vorgesehene DVD-Veröffentlichung ist schon mit einer eine Minute kürzeren Laufzeit angegeben. Es kann sein, dass es sich um geringe Mess- oder Rundungsdifferenzen handelt und gar nichts fehlt; es kann aber sein, dass die meisten heftigen Szenen gekürzt sind. Abwarten.
Note: 2
Aus zeitlichen Gründen schaute ich mir die Filme, die ich schon kannte, nicht im (nicht ganz so gemütlichen) Parallelkino in einem Kinocenter ca. einen Kilometer vom Caligari entfernt an, sondern holte das in aller Ruhe und Konzentration nach dem Festival auf DVD nach.
LA ARDILLA ROJA – ROTES EICHHÖRNCHEN
Spanien 1993
Ex-Rockmusiker Jota will sich in den Tod stürzen, beobachtet den Motorradunfall einer jungen Frau und leistet erste Hilfe. Sie kann sich an nichts vor dem Unfall erinnern, nicht mal an ihren Namen. Jota nutzt die Gelegenheit und gibt sich als ihr Lebensgefährte aus. Beide fahren in Urlaub auf einen Campingplatz. Alles läuft gut, bis sich der echte frühere Freund auf die Suche macht und Suchmeldungen im Radio gemacht werden. Und ist der Geächtnisverlust echt oder nur gespielt?
Das titelgebende rote Eichhörnchen taucht am Anfang als Hauptdarsteller einer Naturdokumentation im Fernsehen auf, der Campingplatz heißt “Ardilla roja” und wiederholt sehen wir die Jagd nach Nüssen, Pinienzapfen und ähnlichen Delikatessen aus der Perspektive der Eichhörnchen. Spannend, sinnlich und frivol und auch verwirrend.
Note: 2
TIERRA – ERDE
Spanien 1996
Ein Schädlingsbekämpfer mit Spezialgebiet Weinbau verliebt sich während seines Einsatzes in gleich zwei Frauen und sorgt für Rivalitäten und Missgunst. Für weiteren Rummel sorgen die Wildschweine, die im Weinberg wüten. Ein wirklich erdiges Filmerlebnis.
Note: 2
LOS AMANTES DEL CIRCULO POLAR – DIE LIEBENDEN DES POLARKREISES
Spanien 1998
Ana und Otto lernen sich kennen, als ihre Mutter und sein Vater ein Paar werden. Zwischen den Stiefgeschwistern entwickelt sich eine tiefe, ehrliche und mit der Zeit auch sexuelle Liebe. Als Ottos Mutter stirbt, verlässt er in einem Anfall von Verzweiflung die Familie und wird Frachtpilot auf einer Rute nach Finnland. Ana lebt zwischenzeitlich mit ihrem Ex-Lehrer zusammen. Die Eltern trennen sich, die Mutter wandert mit ihrem neuen Lebensgefährten nach Australien aus. Ana zieht es bei der Suche nach Otto und dessen Großvater (einem deutschen Piloten aus dem Zweiten Weltkrieg namens Otto) nach Lappland. Hier treffen sich Ana und Otto wieder. Das Wiedersehen ist nur kurz und endet sehr tragisch. Die einzelnen Episoden sehen wir abwechselnd aus den Blickwinkeln von Ana und Otto.
Mit herkömmlichen Romanzen und Liebesfilmen kann man mich jagen – ganz weit fort. Es muss schon etwas Außergewöhnliches sein wie das hier oder David Lynchs WILD AT HEART, um mich so zu fesseln. Tragisch und zum Heulen schön.
Note: 2
LUCIA Y EL SEXO – LUCIA UND DER SEX
Spanien 2001
Lucia wurde von ihrem Freund Lorenzo, einem traumatisierten Schriftsteller mit Schreibblockade, verlassen. Verletzt und gedemütigt fährt sie in Urlaub und macht sich schließlich auf die Suche nach ihm. In Rückblenden sehen wir abwechselnd die Erlebnisse von Lucia und Lorenzo bis zur Trennung und danach bis zum Wiedersehen. Alle Personen, die in der Handlung vorkommen, stehen in bestimmten Beziehungen zueinander, die erst im Laufe des Filmes wie in einem Puzzlespiel klar werden. Brillant. Tragisch, sinnlich und stellenweise sehr erotisch.
Note: 1
Mehr zum Thema:
Pingback: Readers Edition » Filmfestivals für Fortgeschrittene: Fantasy-Filmfest 2010