Es ist ignorant, einfältig und geradezu unfair, einen Schauspieler, der in seinem künstlerischem Leben viele Rollen einnahm, auf eine einzige zu reduzieren. Dass dies vor allem für Horst Tappert gilt, der am 13. Dezember im Alter von 85 Jahren in Planegg bei München verstarb, zeigt schon ein kurzer Blick auf dessen Biographie: Zahlreiche Bühnenrollen sowie viele erfolgreiche Kino- und Fernsehfilme zeugen von einer äußerst produktiven Laufbahn.
Dennoch: Der Wuppertaler hatte ein Vierteljahrhundert lang in 281 Folgen den Münchener Oberinspektor Derrick in der gleichnamigen ZDF-Serie gespielt und wird im wesentlichen mit dieser Rolle identifiziert. Auch am Ende seines Schaffens stand der ewige Derrick: In der Zeichentrick-Persiflage „Die Pflicht ruft“ (2004) lieh Tappert dem Comic-Kommissar die Stimme, ein eher unrühmlicher Ausklang der großen Karriere. Ein szenisches Produkt, dessen schrullige Klischee-Charaktere zu ernst sind, um über sie zu lachen, doch gleichfalls zu lächerlich, um sie ernst zu nehmen, trägt seine Verballhornung bereits in sich und braucht keine derartige Hommage.
Tappert war Derrick und Derrick ist Tappert
Der frühere Buchhalter Tappert perfektionierte in seiner Paraderolle das Bild des trockenen, nach außen emotionslosen, aber stets korrekten und tief im Innern mitfühlenden Beamten Stephan Derrick, wie es wohl keiner besser gekonnt hätte. Irgendwie stimmt es schon: Tappert war Derrick und Derrick ist Tappert. Dass ein Anderer den Protagonisten mimt, mag bei James Bond & Co. kein Problem sein, beim Derrick ist es schier denkunmöglich, zu sehr sind Mensch und Figur in der Wahrnehmung des Zuschauers verschmolzen.
Neben Werkzeugmaschinen und Weißwürsten war „Derrick“ in den 1970er, 80er und 90er Jahren einer der größten Exportschlager Deutschlands. In 104 Ländern verfolgte man gebannt die sachlichen und besonnenen Ermittlungsmethoden deutscher Behörden, für die die Münchener Mordkommission beispielhaft stand – das glatte Gegenteil der US-Sheriffs, die auf dem Weg zur Lösung eines Falls eine meterbreite Blutspur ziehen. „Derrick“ taugte zur Rehabilitierung unseres Images als ebenso fleißiges wie feinsinniges Denker- und Dichtervolk. Nicht auszudenken, hätte der legere „Tatort“-Kollege Schimanski (gespielt von Götz George) das Bild deutscher Polizeiarbeit geprägt.
Sehnsucht nach der Klarheit des „Derrick“
Im In- und Ausland liebte man den korrekten Beamten mit dem Spürsinn für psychische Zerrüttung, der noch keine DNA-Analysen kannte und keine Gewalt wollte. Er setzte eher auf Hausbesuche bei Verdächtigen, aß mit den Hinterbliebenen zu Abend und schlich sich so in sechzig Minuten in die eindimensionale Seelenwelt der Menschen. „Derrick“ – das war die Zeit, als Verbrecher verbrecherisch dachten (und zwar immer), als Frauen noch die Rolle der personifizierten Empathie einnahmen und dem Oberinspektor beim Dessert den Täter gestanden und Untergebene noch Respekt vor ihren Vorgesetzten hatten. Die heutigen Harrys haben Familie, fühlen sich stets benachteiligt und wissen alles besser.
Die Zeiten eindeutiger Täterprofile, deren Inhaber so perfekt ins moralische Gut-Böse-Schema der bürgerlichen Gesellschaft passten, dass ihre Überführung eher leicht fiel, ist in der neuen Generation der undurchsichtigen „Tatorte“ kaum noch vorhanden. Ich sehne mich nach der Klarheit des „Derrick“, in der man bei der Verhaftung noch laut „Ja!“ rufen kann und nicht etwa ob der dargestellten problematischen Umstände Mitleid mit dem Täter hat. Jenes „Derrick“-Idyll, das allenfalls mit einer Portion Sozialkritik angereichert war, ließ keinen Zweifel an Fundamentalkonstituten gelungenen Lebens: Geld macht nicht glücklich, der Mensch lebt allein durch die Liebe und Mord gibt’s nur bei Millionären.
Horst Tappert ist tot. Es lebe Stephan Derrick.
Ein schöner Nachruf auf einen anständigen Kerl und Schaupieler, der mehr als nur Derrick konnte. Aber ewig hätte man die Serie nicht fortsetzen können! Dass die neuen Tatorte sehr unterschieldlich sind und mehr von den vielen Facetten der
Gesellschaft und der menschlichen Natur zeigen, ist doch nicht schlecht. Holzschnittartige Serien wie “Die Zwei,” bei denen wie die Uhr danach stellen kann,
wann Matulla wieder eins auf die Birne bekommt, gibt es doch immer mehr als genug