Geschrieben von Roberto J. De Lapuente ad-sinistram.blogspot.com
In seinem Essay “Hitler als Vorläufer – Auschwitz, der Beginn des 21. Jahrhunderts?” warnt Carl Amery davor, in den falschen Propheten der parolenschwingenden Hohlköpfigkeit die Wiederbelebung des Nationalsozialismus sehen zu wollen. Nicht die Springerstiefel und Glatzen seien jene, die eine nationalsozialistische Renaissance in die Wege leiten werden, sondern die stillen Jünger des neuen Hitlerismus, der neuen Hitlerformel müssen als die Erben des Postkartenmalers und als Wegbereiter eines neuen, vielleicht sogar globalen Darwinismus angesehen werden. Es werden nicht die blassen Glatzen sein, die die drei Kriterien einer neuen Hitlerformel (Geschichte als Naturgeschichte, Feststellung der Ressourcenknappheit und Verantwortung über die Verteilung der Ressourcen) umzusetzen versuchen, sondern andere, unscheinbarere Kreise, die sich heute völlig ideologielos geben und so tun, als leite sie bei ihren Entscheidungen der reine Pragmatismus, und keine vorgefertigten Patentrezepte aus dem ideologischen Taschenbuch.Es handelt sich dabei um jene politischen Kreise, die voller Besorgnis und Entrüstung um den Polizeidirektor Mannichl herumgeistern und von der Gefahr der NPD reden; um jene Kreise, die den Rassismus und Antisemitismus der Deutschnationalen anmahnen, aber gleichzeitig einen (meist unterschwelligen) Hang zur Naturgeschichtlichkeit der Gesellschaft haben; die die Gewalt der Deutschnationalen verurteilen, aber zeitgleich die Fratze des Rassendarwinismus mit Waffengewalt in die Welt tragen.
Um eines gleich vorab klarzustellen: Die Verurteilung eines solchen Messerattentats, die Bekämpfung solcher kriminellen Handlungen, kann man nur begrüßen – wenn sie nicht derart geheuchelt und auf die falsche Spur führend wäre, wenn nicht mit einer solchen programmkonformen Bereitschaft, den öffentlichen Erwartungen nach dem Munde geredet würde. Ein solcher Anschlag ist zweifellos skandalös, jedoch nicht skandalöser als diverse Gewaltakte gegen Türken, Schwarze, Behinderte oder Linke, die schon seit Jahren und Jahrzehnten von Verbrechern aus dem rechtsextremen Lager begangen wurden. Es ist eben keine neue Dimension der Gewaltbereitschaft, nur weil das Opfer täglich uniformiert war, im Staatsdienst sein Leben fristet – ganz andere Dimensionen erreichte die Gewaltbereitschaft bereits Anfang der Neunzigerjahre in Rostock, Mölln oder Solingen.
Was aber ebenso zu verurteilen ist, ist die Tatsache, dass diejenigen, die nun die NPD zum Sturmtrupp eines neuen Hitlerismus erklären, Bestandteil einer politisch-wirtschaftlichen Bewegung sind, die dem Hitlerismus nähersteht, als das polierte Glatzentum der Neubraunen. Denn es sind sie, die ihr globales Geschäft mit einem neuen deutschen Nationalismus betreiben, der für seine Interessen am anderen Ende der Welt Militäreinsätze rechtfertigt; sie betreiben einen bemäntelten Rassen- und einen nackten Sozialdarwinismus, der Menschen der Dritten Welt ausbeutet und Arbeitslose und Arme im Inland ausgrenzt; sie ringen mit aller Macht um die Knappheit der Energieressourcen, überfallen dafür Länder und stilisieren zur Rechtfertigung Szenarien, in denen die überfallenen Weltteile wie potenzielle Weltdiktatoren mit Atomwaffenarsenalen aussehen; sie sprechen davon, die Verantwortung für die Verteilung der Ressourcen zu übernehmen und erfanden sich Weltorganisationen, die diese Verteilung seit Jahrzehnten in weißer Herrenmenschlichkeit umsetzen.
Was also zu verurteilen ist, genauso wie der Anschlag auf den Polizeidirektor, ist die kaschierende und in die Irre führende Art und Weise, mit der man die Deutschnationalen – diese Bande von ungebildeten Rauf- und deutsches Liedgut herumrülpsenden Singkumpanen – in die Rolle der Speerspitze einer neuen nationalsozialistischen, faschistischen, totalitären Bewegung hineindrängt und sie damit wichtiger macht als sie sind, sie geradezu adelt. Von den schweißglänzenden Kahlschädeln, die innerlich kahler sind als außen, ist aber die kleinste Gefahr zu befürchten, wenngleich natürlich Gewalttaten an Einzelpersonen immer eine Gefahr für selbige bleiben. Aber die wahren Kinder Hitlers, die Nachbeter der Hitlerformel, die sitzen nicht in der NPD, die sitzen in den Parlamenten der westlichen Welt, die sitzen auch in unserem Parlament, sitzen in den bequemen Sesseln des Establishments. Die NPD ist für diese Herrschaften so wertvoll, dass man sie erfinden müßte, wenn es sie nicht schon gäbe. Da kann sie noch so grundgesetzwidrig sein, man wird sie nicht verbieten. Wer übernähme sonst die Rolle der rechtsextremen Jünger Hitlers?
Im ersten Halbjahr mehr als 10 000 rechte Straftaten
Die Bundesregierung betont immer wieder in ihren vorläufigen Antworten auf die monatlichen Anfragen der Linken, dass sich die mitgeteilten Zahlen stark ändern können. Das bedeutet in der Regel eine kräftige Zunahme.
Quelle: Tagesspiegel
http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/rechtsextremismus/Rechtsextremismus;art2647,2635570?_FRAME=33&_FORMAT=PRINT
und :
Über 5.000 Teilnehmer an Nazi-Aufmärschen im ganzen Bundesgebiet
Im dritten Quartal 2008 gab es 21 rechtsextreme Aufmärsche, an denen nach Angaben der Polizei insgesamt 5.231 Neonazis teilnahmen. Im gleichen Zeitraum fanden zudem 30 rechtsextreme Skinhead-Konzerte und neun “Liederabende” mit insgesamt fast 4.000 Zuschauern statt. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf zwei Kleine Anfragen der Fraktion DIE LINKE zu rechtsextremen Aufmärschen und Musikveranstaltungen hervor (BT-Drs. 16/16/10658 und 16/10659). Der größte Nazi-Aufmarsch fand demnach in Dortmund statt. Am 6. September versammelten sich dort 1.200 Neonazis. Nur eine Woche später nahmen 1.100 Rechtsextremisten an einer NPD-Versammlung im thüringischen Altenburg teil. Den drittgrößten Aufmarsch mit 700 Teilnehmern gab es im Juli in Gera. Dazu erklärt die innenpolitische Sprecherin der Fraktion, Ulla Jelpke:
“Neonazis bleiben eine permanente Bedrohung auf unseren Straßen. Auch wenn im Vergleich zum zweiten Quartal ein leichter Rückgang zu verzeichnen ist, besteht kein Anlass zur Beruhigung. Die Zahlen belegen, dass die Nazi-Szene weiterhin in der ganzen Republik mobilisierungsfähig ist – egal ob Ost oder West, ob Süd oder Nord. Das verdeutlicht eindringlich, wie notwendig ein gemeinsames Vorgehen der demokratischen Kräfte ist. DIE LINKE setzt sich konsequent dafür ein, im Parlament und auf der Straße gemeinsam mit allen Demokratinnen und Demokraten rechtsextremen und antisemitischen Provokationen entgegenzutreten – für uns eine Selbstverständlichkeit.”
Quelle: Presse Linksfraktion
http://www.linksfraktion.de/pressemitteilung.php?artikel=1255524861
dazu auch:
NEUES BUCH: “Neonazis ins Nadelstreifen”
Die NPD tritt in allerlei Kostümen auf.
http://www.readers-edition.de/2008/11/02/neues-buch-neonazis-ins-nadelstreifen/