EuroPride 09 in Zürich: Nicht nur Lesben und Schwule machen mobil

Nicht nur die Scientologen verbergen sich hinter vielen Tarnorganisationen, christliche Fundamentalisten können das auch. In der Schweiz geben sie sich dafür den Namen “Familienlobby” und kopieren flugs ein Logo gegen Aids zu einem Logo gegen die geplante EuroPride 09 in Zürich. Begleitend gibt es einen Internet-Auftritt mit der scheinheiligen Versicherung:

Nicht nur die Scientologen verbergen sich hinter vielen Tarnorganisationen, christliche Fundamentalisten können das auch. In der Schweiz geben sie sich dafür den Namen “Familienlobby” und kopieren flugs ein Logo gegen Aids zu einem Logo gegen die geplante EuroPride 09 in Zürich. Begleitend gibt es einen Internet-Auftritt mit der scheinheiligen Versicherung: “Natürlich soll jeder Mensch seinen Lebensstil selber wählen dürfen.

Dann ist aber Ende mit tolerant, denn angeblich droht allerlei Schlimmes. Dies zum Beispiel: “Sie verführt junge Menschen, die ihre sexuelle Identität suchen, zu falschen Annahmen und untergräbt ihre Möglichkeit, sich im Rahmen einer Familie zu verwirklichen.” Die nächste Warnung klingt nach Papst Weihnachten 2008: “Sie arbeitet an der Zerstörung der traditionellen Familie.”

Demonstriert werden soll in Zürich für die Menschenrechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen.

Entstanden ist die Pride-Bewegung nach einer Polizei-Razzia in einer New Yorker Szenebar im Jahre 1969. Seither werden in jungen Leuten falsche Annahmen geweckt? Welche denn? Zur Beantwortung dieser Fragen kommt die “Familienlobby” statistisch daher. Schwule und Lesben sind demnach kreuzunglücklich. Das darf man durchaus wörtlich nehmen. Christliche Fundamentalisten verfolgen nämlich solche Ziele. Mit der Bibel sind sie dermaßen schlagfertig, dass jede und jeder früher oder später Kopfschmerzen bekommen muss, falls er sein Gehirn zum Denken gebraucht.

Licht aus, Kind produzieren und das Ergebnis eines Tages zur Schule schicken
So lange nämlich die eine Sexualität besser sein soll als die andere, müssen Vorurteile zur Untermauerung unhaltbarer Thesen her. Dabei können sich christliche Fundamentalisten noch nicht einmal darauf einigen, wie Sexualität denn zu sein hat. Der Papst würde sagen: Auf jeden Fall erst in der Ehe. Andere sagen sogar: gar nicht. Licht aus, Kind produzieren und das Ergebnis eines Tages zur Schule schicken, ist deren Sexual-Logik, die nicht mehr aus dem Bauch kommen darf, sondern nur noch einem Ziel untergeordnet werden darf: der Fortpflanzung.

Wohin derlei Gedankengut führt, wissen wir aus der Geschichte. Darum sei den Organisatoren von EuroPride09 zugerufen: Nun demonstriert man schön – fröhlich! Eines Tages werdet ihr auch das nicht mehr müssen. Wie wir Männer, die Frauen mögen. Für uns bleibt das so, bis die erste Frau Papst wird. Dann werden wir neu diskutieren. Aber erst dann!

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  1. Abgesehen von der üblichen Oberflächlichkeit hinsichtlich der kirchlichen Auffassung in Fragen der Sexualmoral und der recht naiven Ausblendung der dramatischen Folgen, die es hat, wenn Menschen meinen, ihrem animalischen Sexualtrieb nach Lust und Laune frönen zu müssen, versäumt es der Verfasser leider, auf die Studie zu verweisen, die die Grundlage für die Einschätzung der „Familienlobby“ liefert, dass mit der Hofierung der Homosexuellenszene „allerlei Schlimmes [droht]“. Diese Ahnung gewinnen die Verantwortlichen nämlich nicht aus irgendeinem religiösen Wahn heraus, wie hier suggeriert wird, sondern aus einer Veröffentlichung des Schweizer Bundesamts für Gesundheit, das 2006 u. a. feststellte, dass 70% der Homosexuellen ihre sexuelle Orientierung nicht wirklich akzeptieren können, dass 63% nach eigenem Bekunden unter Einsamkeit leiden (Gesamtbevölkerung: 37%) und dass Schwule beim Drogen- und Rauschmittelkonsum den Durchschnitt der Männer um ein Vielfaches übertreffen. Man muss nicht der Ansicht sein, dass das stimmt, man muss auch nicht glauben, dass das irgendetwas mit der geplanten Veranstaltung in Zürich zu tun hat und man muss auch nicht der Initiative „Familienlobby“ in ihren weiteren Schlussfolgerungen aus diesen Daten folgen, nur sollte man zumindest versuchen, etwas näher an die Wahrheit zu kommen und dazu gehört eben auch, Positionen, die einem fremd sind, verstehen zu wollen, d.h. zunächst, sie auf ihre Ursache zurückzuführen. In dem Fall eine leicht zugängliche wissenschaftliche Studie.

    Josef Bordat