Türkei: Staatliches Fernsehen TRT auf Kurdisch

Zu Beginn des Jahres 2009 geschieht etwas wirklich Außergewöhnliches in der Türkei. Ja, für viele womöglich sogar etwas Erstaunliches. Diejenigen, welche es vielleicht geringschätzen, bzw. als bloßes politisches Manöver der Regierung Erdogan (die vor den kommenden Kommunalwahlen selbstredend auch im Osten der Türkei (im Kurdengebiet) auf Stimmenfang ist) abtun, was

SDC10370a_325689.jpgZu Beginn des Jahres 2009 geschieht etwas wirklich Außergewöhnliches in der Türkei. Ja, für viele womöglich sogar etwas Erstaunliches. Diejenigen, welche es vielleicht geringschätzen, bzw. als bloßes politisches Manöver der Regierung Erdogan (die vor den kommenden Kommunalwahlen selbstredend auch im Osten der Türkei (im Kurdengebiet) auf Stimmenfang ist) abtun, was da in der Türkischen Republik am Januar 2009 von sich reden machen wird (und schon macht), wissen einfach nicht um die Bedeutung dessen. Wie neben anderen Medien auch die Istanbul Post  (ein deutschprachiges Internet-Nachrichten-Magazin, welches nebenbei bemerkt im neuen Jahr zusätzlich mit einer türkisch-deutschen Papierausgabe starten will)  kürzlich meldete, bekommt die TV-Kanal-Familie des staatlichen türkischen Fernsehens ein neues Mitglied: TRT 6.

Es wird in der türkischen Geschichte der erste Fernsehkanal sein, der 24 Stunden in kurdischer Sprache sendet. Darüber hinaus wird der Sender – welcher u.a. ebenfalls im arabischen Raum zu empfangen ist – teilweise Sendungen auf Arabisch, Farsi und Zaza (ein kurdischer Dialekt) ausstrahlen.  Um die Bedeutung dieses von der türkischen Regierung nun 2009 endlich in die Tat umgesetzten früheren Versprechens zu ermessen, muss man um die Kurden-Problematik der Türkei wissen.

In der Türkei leben etwa 20 Millionen Kurden

Zwar stellen die in der Türkei lebenden Kurden insgesamt nur eine Minderheit dar. Jedoch handelt es sich bei ihr um eine relativ große Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern. Es wird davon ausgegangen, dass in der Türkei zirka 20 Millionen Menschen kurdischer Abstammung leben.

Die Kurden in der Türkei kämpfen schon sehr lange um die einer Minderheit zustehenden Rechte. Immer wieder sind die Kurden in der Türkei daran gehindert worden ihre Kultur angemessen zu leben. So durfte etwa die Sprache nicht gesprochen werden oder kurdische Lieder waren verboten worden.

Der türkische Staat befürchtete Zeit seines Bestehens stets separatistische Bestrebungen von Minderheiten. Machte man der einen Minderheit Zugeständnisse, käme – so die Angst der Regierenden – sofort eine weitere, um die ihrerseits welche einzufordern. Die Türkei begriff (und begreift) sich als Staat aus einem Guss. Alle in in ihm lebenden Menschen hatten eben Türkinnen und Türken zu sein. So nachvollziebar auch das Denken der in Ankara Regierenden auch im Einzelnen sein mag (vor allem, wenn man bedenkt, welcher Vereinnahmungsgefahr die Rest-Türkei nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches seitens der Westmächte nach dem Ersten Weltkrieg ausgesetzt gewesen war, dem nur Republiksgründer Atatürk erfolgreich trotzte); so problematisch war dessen praktische Umsetzung. Im Falle der Kurden in der Türkei und deren langem Konflikt mit der Regierung – der letztlich auch zum Terror-Kampf der PKK führte und mehr als 30 000 Tote sowie unermessliches Leid hinterließ, zeigt sich: in der Vergangenheit sind schwere politische Fehler gemacht worden…

Fortschritte bei der Lösung des “kurdischen Problems”

Was die Rechte der Kurden in der Türkei anbelangt, so sind in den vergangenen Jahren durchaus Fortschritte zu verzeichnen. Manchem mögen diese zu gering erscheinen. Mag sein. Gering schätzen sollte man sie dennoch nicht. Das Angehen des auch von Premier Tayyip Erdogan ausgeprochenen “kurdischen Problems” – da müssen wir uns nichts vormachen – ist freilich auch im Zuge der Beitrittsbestrebungen der Türkei zur Europäischen Union zu sehen. Aber muss es dadurch auch gleich schlecht sein? Schließlich sind einmal erfolgte Veränderungen und Zugeständnisse so einfach nicht wieder rückgängig zu machen. Immer mehr Menschen – egal welcher Herkunft -  in der Türkei – das hat sicherlich auch mit der Entwicklung und verstärkten Verbreitung der elektronischen Medien auch dort zutun – fordern die ihnen zustehenden, demokratischen Rechte ein. Dass es noch immer zu wenig sind, bzw. die Demokratie in der Türkei weiter ein nur zärtliches, zuweilen wieder bedrohtes, Pflänzchen ist – darüber sind sich sich viele Menschen einig. Wichtig ist aber, dass es mit dem Ausbau und der Stabilisierung der Demokratie vorangeht.

Kann TRT 6 gegen Roj-TV punkten?

Die Installation von TRT 6 als kurdischsprachiges Fernsehprogramm ist ein nicht zu unterschätzender Schritt. Nun muss abgewartet werden, wie der Sender von den kurdischstämmigen Menschen angenommen wird. Ankara dürfte zumindest von TRT 6 auch erwarten, dass er die kurdischsprachigen Menschen von dem auch via Satelit in die Türkei einstrahlenden Kurden-Sender Roj-TV weglockt. Dem wird nämlich nicht umsonst eine zu große Nähe zur verbotenen Terrororganisation PKK vorgeworfen. Bereits mehrmals hat der türkische Ministerpräsident Erdogan die EU aufgefordert, Roj-TV zu verbieten. Schließlich hatte der Sender einige Male tatsächlich PKK-Propaganda betrieben, Interviews mit PKK-Oberen und die schwer zu ertragenen Bilder getöter türkischer Soldaten gesendet.

TRT 6 geht am 1. Januar 2009 auf Sendung. Bereits jetzt ist der Kanals mit Test-Sendungen eröffnet wurden. Gesendet wird am Januar ein 24 Stunden lang täglich. In einem Forum hieß es, auch TRT 6 (der als staatlicher Sender freilich auch den Zusammenhalt der türkischen Republik zum Auftrag hat), sende die türkische Nationalhymne in seinem Programm. Dazu käme allerdings ein Lied, dass in etwa laute “Wir leben unter demselben Himmel…”

TRT 6 – Beitrag zum Zusammenhalt in der türkischen Gesellschaft?

In diesem Sinne könnte TRT 6 in der Tat einen Beitrag zum menschlichen Zusammenhalt und auch der Versöhnung der Menschen innerhalb der türkischen Gesellschaft untereinander leisten. Wer magdagegen sprechen? Für uns ist vielleicht die Meldung von einem kurdischsprachigen staatlichen Fernsehprogramm eine Randnotiz sein, der wenig Beachtung zufließt – für die Türkei, und ihre kurdischstämmigen Staatsbürger aber bedeutet sie beinahe die Kunde von einem Siebenmeilenschritt. Und man bedenke: Wer vor nur zehn Jahren nochn in der Türkei die Forderung nach einem kurdischsprachiges TV-Programm öffentlich ausgesprochen hätte, wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schwer gefoltert in den Knast gewandert. So viel zur Verhältnismäßigkeit und der Bedeutung von TRT 6 heute…

Photo/Autor: Michael Jurman, via pixelio.de

Kommentare

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  1. Es mag eine grosser Schritt sein, aber auf diesem Sender wird nichts anderes als Propaganda für das türkische Regime gesendet werden, der Inhalt wird türkisch sein , aber als kurdisch verpackt.