In Kiribati im Südpazifik haben die Korken schon geknallt. Auf fast 30 Grad brachte es der ferne Nachthimmel, der das Neue Jahr willkommen hieß. Hierzulande herrscht dagegen noch geschäftiges Treiben. In den Kochtöpfen brodeln bereits vielfältige Leckereien, die Schampusflaschen werden kaltgestellt und so manch Kind kann sich das Anzünden einiger Böller nicht mehr verkneifen. 2008 hat ausgedient – mit all seinen Höhen und Tiefen. Vielerorts richten sich die Blicke noch einmal rückwärts. Revue passieren lassen die Medien die Ereignisse der vergangenen zwölf Monate. Auch auf der Readers Edition nehmen wir den heutigen Tag zum Anlass, um noch einmal eine kleine Zahl ausgewählter Beiträge ins Gedächtnis zu rufen.
Blicke auf die Gesellschaft – der Jahresbeginn auf der RE
Los geht unser Reigen mit unserem hochgeschätzten Autor Marius Baumann. “Fette, blöde, grausame Kinder – die Kehrseite der ‘Medienkompetenzförderung’ im Vorschulalter“, titelt er im vergangenen Januar. “Wir leben im Medialen Zeitalter. Wir sind Web 2.0. Wir sind die Kommunikationsgesellschaft. Wir zweifeln nicht am Fortschritt”, läutet er schon wenige Stunden nach dem Jahreswechsel ein und führt uns vor Augen, dass auch in unserer allseits gepriesenen Medienwelt nicht alles Gold ist was glänzt. Für Baumann ist deshalb klar: “Medienkompetenz besonders frühzeitig zu schulen scheint (…) zunächst sehr sinnvoll.” Doch Achtung, auch hier sollte es seiner Meinung nach Grenzen geben. Denn Fernsehen im Vorschulalter etwa beeinträchtige nachhaltig die Hirnentwicklung und sei daher so sinnvoll wie “Kinder-Schnaps” und “Kinder-Tabak”. Also, lieber später damit beginnen – dafür aber dann richtig.
Im Februar tritt dann Lukas Lehmann auf den Plan. Der begeisterte Blogger, der sich auch rege bei uns auf der RE engagiert, zieht Bilanz: “Was von Israels Traum übrig geblieben ist“, schreibt er den Lesern wenige Wochen vor dem Beginn der 60-Jahr-Feierlichkeiten Israels. Anders als vermutet, widmet er sich in seinem Beitrag jedoch nur indirekt dem Status Quo des gebeutelten Landes. Sein Fokus richtet sich vielmehr auf eine kleine Auswahl an Filmen, die anlässlich der letzten Berlinale gezeigt wurden. Wie ein Spiegelbild würden diese die verschiedensten Facetten des oft als Kriegsschauplatz stilisierten Landes zeigen und somit einen besonderen Einblick in Israels Gesellschaft jenseits des Konflikts gewähren, ist er sich sicher. Sein Resümee gestaltet sich entsprechend: “Wie sich Israels Gesellschaft in den nächsten 40 Jahren entwickeln wird, ob sich die Emigration weiter verstärken wird, ob der Terror gegen Israel Einhalt halten wird, ob es zum Frieden zwischen Israelis und Palästinensern kommen wird, ist heute ungewiss. Was aber sicher ist, ist dass Israel zum Zeitpunkt seines 60. Geburtstags nicht nur seinen geschichtlichen Erfolg als Staat feiern kann, sondern auch seine Filme, die nicht nur zur Berlinale für Aufmerksamkeit sorgen werden, sondern hoffentlich auch zur anstehenden Oskarpreisverleihung.” Eine hitzige Diskussion war ihm sicher.
“Wer hört die Signale? – Armut und Verelendung in der EU könnten weiter voranschreiten“, erklärt dagegen unser fleißiger Autor Claus-Dieter Stille im letzten März. Ob er die verheerende Sitaution zu Jahresende bereits vorausgeahnt hat? Mit der “Lissabon-Strategie” im Hinterkopf, wagt er einen Blick auf das, was da vermeintlich kommen mag. Denn der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) warnte bereits damals “vor einer millionenfachen Verelendung europäischer Werktätiger” und “Zusätzlich entstünden anstelle vormals reguärer Arbeitsverhältnisse auch immer öfters nur auf Zeit befristete und unfreiwillige Teilzeitjobs.” Armut in Deutschland – das Thema ist nicht gerade beliebt. Wider besseren Wissens werde dieser Aspekt unserer Gesellschaft ausgeklammert. “Wahrscheinlich möchte man die schöne EU-Fassade nicht beschädigen. Sei’s drum. Was bleibt, ist in der Tat ein Skandal sondergleichen, wenn man weiß, dass schon jetzt 70 Millionen EU-Bürgerinnen und Bürger – darunter 19 Millionen Kinder (!) – in Armut leben bzw. akut von Verelendung bedroht sind”, betont Stille. Seine Forderung ist deshalb umso eindringlicher: “Die EU sollte nicht nur ‘Wirtschaftsmaschine’ sein.” Andernfalls würde die Abneigung gegenüber der EU zunehmen.
Von Chaos und Krieg – Szenarien, die erschüttern
Ebenfalls warnend kommt Frank Berg im April daher. In seinem Debütbeitrag fragt er: “Der Orkaz-Bericht: Steht der Iran-Krieg kurz bevor?” “Einer im Mainstream-Bereich unbestätigten dpa-Meldung zufolge berichtete die saudische Zeitung Okaz am 22. März über Vorbereitungen des Königreichs auf mögliche nukleare Folgen eines US-Angriffs auf Atomanlagen im Südiran. Mittlerweile hat die Nachricht zu Spekulationen über einen bevorstehenden Angriff auf den Iran Anlass gegeben. Was wird vertuscht und was ist bekannt?”, leitet er seinen äußerst lesenswerten Artikel ein. Was folgt ist denn auch – ganz wie angekündigt – ein Puzzelspiel samt eingehender Analyse, die zu heftigen Reaktionen innerhalb der RE führten.
Während bei Frank Berg der Kugelhagel noch aussteht, geht es bei Andreas Wischnat wesentlich erschreckender zu. “Beirut: Notizen am Abgrund – Ein Erlebnisbericht“, heißt es Mitte Mai auf der Readers Edition. Hautnah schildert uns der junge Mann die Geschehnisse des 9. Mai. Dem Tag, an dem sich scheinbar “Gottes Zorn” in einem “Sturm” entladen hat. “Es ist 2.20 Uhr morgens. Die ersten Blitze mit kurz darauf folgenden Donnerschlägen hielten wir noch für Explosionen”, beginnt er seine Schilderungen. Dann folgen die erste Schüsse. Der Student Andreas und seine Freunde sind mittendrin. Die sonst so belebten Einkaufsstraßen von Hamras sind wie leergefegt. Tote säumen den Weg. Wie gefesselt können seine Pfade bis tief in die Nacht hinein verfolgt werden. Schockierend sind die Bilder, die er uns malt. “Ihr Beitrag hat mich zu tiefst berührt und gleichzeitig zu tiefst schockiert”, schreibt ein Leser unter seine Zeilen. Und das ist auch viele Monate später noch der Fall.
Politik und Wirtschaft – die tragenden Säulen auf der Readers Edition
Eine Geschichte hat auch Margareth Gorges im Juni für uns parat. “Sozialdemokraten in der SPDF: Eine Volkspartei hat viele Gesichter – eines davon ist Martin“, beginnt sie den Beitrag von Jens Berger, der nun schreibt: “Martin ist seit langer Zeit ein sehr guter Freund von mir und Lokalpolitiker der SPD. Martin und ich haben die Sozialdemokratie mit der Muttermilch aufgesogen. Wir beide sind Anfang der 70er Jahre in der beschaulichen BRD geboren und stammen beide aus klassisch proletarischen Verhältnissen.” In ihrer gemeinsamen Schulzeit sei die Welt noch einfach gewesen – die Guten waren “rot” und die Bösen waren “schwarz”, erinnert sich der Autor. Doch mit der rot-grünen Wende sei Martins Traum von “seiner” SPD geplatzt. Doch “Dass sein langer Leidenskampf mit dieser Partei erst begonnen hatte, wusste er damals freilich noch nicht.” Die Geschichte nimmt fortan an seinen Lauf – schön scheint sie nicht immer. Wenn er heute danach gefragt wird, wann die Partei wieder zu einer sozialdemokratischen Politik findet und sich endlich zu einem Linksbündnis bekennt, lächelt er und sagt mit bitterem Unterton: “2009? Vielleicht auch erst 2013? Die Partei ist richtungs- und planlos, es ist ein Graus.” Jens Berger jedoch hat Mitleid mit seinem Freund und spendet Trost: “Er steht auf verlorenen Posten, aber er ist nicht alleine. Er ist die SPD.”
Einen Blick in die Zukunft wagt auch Uwe Zankl im Juli diese Jahres. “Globale Versorgungskrise: Energie und Lebensmittel immer teuer – Wohin steuert die global Wirtschaft?” ist sein Thema der Stunde, das er mit einem düsteren Bild einleitet: “In einem sind sich Ökonomen und Volkswirte einig, die Preise für die wichtigsten Rohstoffe der Nahrungsmittelproduktion und Energiegewinnung sind in den letzten eineinhalb Jahren dramatisch gestiegen. Die Folgen sind vor allem in den Ländern der Dritten Welt verheerend. Hungerrevolten und Brotaufstände in Tunesien und Ägypten, tote Demonstranten in Haiti und exorbitant gestiegene Energiepreise in den Industriestaaten sind Vorboten einer globalen Versorgungskrise.” Die Ursachen scheinen klar. Doch was ist, wenn sich die politischen Unruhen und Proteste weiter ausbreiten? Vier wichtige Maßnahmen sind daher in seinen Augen unabdinglich, um weitere Katastrophen abzuwenden. Das Verbot von Rohstoffspekulationen gehört für ihn ebenso dazu wie Produktionsauflagen für Biotreibstoffe, massive Einsparungen beim Erdölverbrauch und letztlich die Abschaffung von Handelsauflagen für die Länder der Dritten Welt. Doch die Ärmsten dieser Welt ernähren sich zwischenzeitlich von Lehmbisquits. Ein Missstand, dem unbedingt entgegengehalten werden muss.
“Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“, heißt es dann im Juli. Julien Germain, der die Leserschaft ein ums andere Mal durch provokante Artikel, gespickt mit seiner ganz besonderen Art des Humors erfreut, nimmt sich diesmal uns allen an. “Was ist los mit Deutschlands Bürgern? Da werden Menschen angeschwärzt, Verleumdungen ausgesprochen, unbestätigte Gerüchte in die Welt gesetzt. Es kümmern sich immer mehr Menschen um andere, nicht weil sie ihre Hilfe anbieten wollen, sondern weil man die Anderen im Sinne des begehrten Volkssports mit Vorliebe niedermachen möchte”, wundert sich der Autor über das derzeitige Gebaren, das durch einschlägige Fernseh- und Internetformate noch nachhaltig unterstützt werden würde. “Es ist Krieg auf dem Schlachtfeld verantwortungsfreier Denunziation”, klagt Germain, die auch in Zeiten des Umbruchs nicht zu rechtfertigen seien. Die Folgen sind indes klar: “Unsicherheit macht sich breit und wiederholt stellt man sich die geschichtlichen Fragen ‘Wem stehe ich gerade gegenüber – Was darf ich von mir preisgeben – Womit muss ich hinterm Berg halten – Ist die Freundlichkeit meines Nachbarn echt – Wer will mich für seine Zwecke oder niederen Motive ausspionieren?’” Sein Appell am Ende ist deshalb umso eindringlicher: “Öffnet die Augen, um zu sehen. Sonst werdet ihr sie brauchen, um zu weinen!”
Zum Weinen ist in Anbetracht des Themas auch nachfolgender Beitrag: “Murat Kurnaz würde schon eine Entschuldigung reichen…“, schreibt uns nämlich erneut Claus-Dieter Stille im letzten September. “Was Insider schon deslängeren geahnt hatten, wurde gestern nun durch Erkenntnisse aus den Anhörungen des BND-Untersuchungsausschusses des Bundestages zumindest weitgehend gestützt: Die von der rot-grünen Regierung und namentlich von Gerhard Schröder 2003 verbreitete Darstellung, wonach Deutschland sich nicht am Irak-Krieg beteilige, bzw. beteiligen werde, muss rückblickend als Mär gelten”, beginnt er seinen Artikel. Doch nicht nur in diesem Fall gab es so einiges aufzudecken. Denn ebenfalls zu diesem Zeitpunkt wurde bekanntgegeben, dass der Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages seine Arbeit nun beendet habe. Der türkischstämmige Bremer Murat Kurnaz hatte 1663 Tage in US-Haft verbracht. Misshandlungen hätte er erdulden müssen, erklärt dieser zurück in Deutschland. Doch juristisch bewiesen werden konnte das nicht. “Die Verantwortlichen wollen saubere Hände haben. Sie – man hört das nicht zum ersten Mal – hätten sich nichts vorzuwerfen”, klagt Stille vor allem mit Blick auf Frank-Walter Steinmeier an.
Die Krise im Blick – wie kam sie und wo geht sie hin?
Nicht nur der Fall “Murat Kurnaz” bewegte im vergangenen Jahr. Auch die Finanzkrise bestimmte die Medien nachhaltig. Sandoz Cassela nahm sich Anfang Oktober dieses Themas an und titelt: “Finanzkrise: Für junge Leute leicht gemacht“. Ausführlich und für Jedermann verständlich geht er im Folgenden der Misere auf den Grund. “Wie hängen diese ganzen Dinge zusammen? Was haben Immobilien in den USA damit zu tun? Warum steht über diesem Eintrag ein Zitat aus der Bibel?”, so seine Fragestellungen, die er anschließend systematisch abarbeitet. Herauskam dabei ein überaus lesenswerter Beitrag über eine Situation, die sich in diesen Tagen merklich zuzuspitzen scheint. Viel Lob und “Danke” von vielen Seiten folgten seit dem Erscheinen seiner Zeilen. Einige hätten bis dato sogar noch keine besseren zur Sache lesen können. “Klasse erklärt und unbedingt verbreitungswürdig”, schreibt zum Beispiel Jan van Winfried. Dem können auch wir uns nur anschließen.
Schon fast ein Garant für “klasse” Beiträge ist auch Zbigniew Menschinski. Erst im letzten September zu uns gestoßen, profiliert er sich bald durch eine flotte Schreibe und vor allem eine kluge Themenauswahl. Im November dann “Offener und latenter Antisemitismus und sein Nährboden“, ein Artikel, der zu vielfältigen Reaktionen anheizte. “In beiden ‘grossen Volksparteien’ hat sich ein Netzwerk aus Sozialzynikern herausgebildet, aus Parteifunktionären, die mit intriganter Energie und kaltschnäuzigem Macchiavellismus vor allem eines verfolgen: die eigene Karriere und die einen völlig abgehobenen durch nichts zu rechtfertigenden Elitedünkel pflegen”, diagnostiziert er im Folgenden. “Statt von Herrenmenschen sprechen diese Leute heute von Leistungsträgern, statt ‘Untermensch’ verwenden sie den Terminus ‘Unterschicht’, um sozial Benachteiligte abzuqualifizieren.” Der Dresscode und die Begriffe hätten sich geändert, warnt er eindringlich, doch das Denkschema sei auch heute geblieben und wohlbekannt. Zu stoppen scheint diese Entwicklung in seinen Augen jedoch nicht. “Die Ära des neoliberalen Sozialzynismus geht zu Ende, auch wenn die Karrieregewächse in den Koalitionsparteien das vermutlich als letzte wahrhaben wollen.”
Am Ende unserer Jahresrückschau kommt nun erneut ein Neuankömmling zum Zuge. joha2401 gab Anfang Dezember seinen Einstand mit “Eklatanter Eingriff in die Pressefreiheit – Ein Kommentar“. Er widmet sich dem umstrittenen BKA-Gesetz und entwift im Folgenden ein Szenario, wie es sich vielleicht bald in vielen Redaktionsräumen wiederfinden lässt. Denn erstmals wurde hier dem Bundeskriminalamt die Aufgabe der Terrorprävention zugewiesen. “Ebenso ist das Zeugnisverweigerungsrecht für Journalisten außer Kraft und auch die Unverletztlichkeit von Redaktionsräumen ist dahin.” “Wer traut sich jetzt noch einem Journalisten in irgendeinerweise geheime Informationen zu kommen zu lassen, wenn er fürchten muss, dass der Journalist ihn nicht mehr schützen kann? Wer gibt jetzt noch Unterlagen – etwa aus einer Behörde oder einem großen Unternehmen – heraus, die einen Skandal verursachen würden, wenn er fürchten muss, dass bei einer Durchsuchung der Redaktionsräume die Unterlagen entdeckt werden und der Informant enttarnt wird?”, fragt er sodann in die Runde und liefert die Antwort gleich selbst: “Niemand!”, schleudert er uns entgegen. Die Politik versuche hier, investigativen Journalismus von vorneherein den Gar auszumachen, klagt er an. Und das bedeute nicht nur einen Eingriff in die Berufsfreiheit, sondern eben auch einen Eingriff in unsere Grundrechte.
Lassen wir es zumindest auf der Readers Edition nicht so weit kommen, liebe Leserinnen und Leser, Autorinnen und Autoren. Wir danken Ihnen an dieser Stelle erneut für Ihr vielfältiges Engagement und wünschen Ihnen nun vor allem eines:
EINEN GUTEN RUTSCH INS JAHR 2009!
Machen Sie’s gut. Wir lesen uns in Kürze.
Ihre Redaktion Readers Edition
Photo Quelle/Copyright: Gerd Altmann, via pixelio.de, Luciana, Lizenz: cc creative commons 2.0 – Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr, Andreas Preuß, via pixelio.de, Bernd Boscolo, via pixelio.de
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