Mein Freund Hartwig – Beziehungstragik und Wissenschaft

Dieses E-Mail erreichte mich heute und macht mich sehr betroffen und nachdenklich. (ich habe lange gezögert, dieses Dokument menschlichen und wissenschaftlichen Versagens  einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, aber ich denke, es muss sein.) Lieber …, Nach langer Zeit melde ich mich wieder einmal. Alles starrt gebannt auf die Finanzkrise.

Dieses E-Mail erreichte mich heute und macht mich sehr betroffen und nachdenklich.

(ich habe lange gezögert, dieses Dokument menschlichen und wissenschaftlichen Versagens  einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, aber ich denke, es muss sein.)

Lieber …,

Nach langer Zeit melde ich mich wieder einmal.

Alles starrt gebannt auf die Finanzkrise. Es gibt aber auch im Kleinen viel Trauriges zu berichten. Mein Freund Hartwig ist so ein Fall. Nach vier schuldlos gescheiterten Ehen hatte er sich vorletzten Herbst fast völlig von der Welt abgekapselt. Warum Hartwigs Beziehungen in die Brüche gingen, gehört nicht hierher. Wenn allein schon Socken im Bett die Liebe erkalten lassen, ist diese Zivilisation auf einem unglaublichen Tiefpunkt angelangt.

Ein anderer Vorwand, die eheliche Treue aufzukündigen, ist der angeblich haltlose Umgang mit Alkohol. Hartwigs zweite (oder dritte?) Gattin führte dieses Argument öfter ins Feld. Nun gehören mein Freund Hartwig, unsere Kumpels und ich, wie du sicher weißt, seit frühen Jugendtagen zum ältesten Fortuna-Fanclub in Köln, wo seit Menschengedenken kontrolliertes Trinken erfolgreich trainiert wird.

Nein, die Dinge liegen anders. Mein Freund Hartwig hatte leider immer schon ein unglaubliches Pech in Beziehungsangelegenheiten. Das fing mit Anita auf dem Gymnasium an. Jeder wäre auf Anita hereingefallen. Doch das tut nichts zur Sache. In Wahrheit geht es um die Wissenschaft, die Naturwissenschaften. Um genau zu sein, um ihren Verfall.

Nur weil mein Freund Hartwig unwiderlegbar nachweisen konnte, dass der Mann von der Evolution her nicht mit der Feinmotorik für weibliche Hausarbeiten ausgestattet ist, gab Anita ihm nach zweieinhalbjähriger Ehe den Laufpass. Heute würde kein ernstzunehmender Forscher diese rein anatomischen Fakten bestreiten. Martha, meine Frau, hatte das schon bald nach unserer Hochzeit auch ohne wissenschaftliche Studien rasch begriffen.

Doch das Emanzenfieber grassiert leider ganz global und immer wütender.

Mein Freund Hartwig zog daraus erst nach langer langer Zeit endlich auch Konsequenzen. Du wirst es nicht glauben, doch es ist so. Seine letzte Errungenschaft war eine katholische Bibliothekarin – mit Dutt!- gewesen, streng gläubig, die noch dem antiken Weltbild folgte. Für sie nahm Hartwig auf sich, in die Kirche, ja sogar in den Kölner Dom, zu gehen. Da er jedesmal verstohlen einige Spritzer Sagrotan ins Weihwasserbecken schmuggelte, ehe er sich benetzte, blieb der Konflikt nicht aus.

Auch diese Ehe zerbrach. Zu allem Unglück legte Fortuna damals eine Niederlagenserie hin, wie die Vereinsgeschichte sie vorher noch nicht gekannt hatte. Trost kam von dort also nicht. Jeder kann allein daran schon sehen, dass mein Freund Hartwig mit viel Ratio und Rücksicht auf Hygiene sein Leben gestaltet, wie es eben für einen aufgeklärten und toleranten Atheisten üblich ist.

Doch egal. Frauen waren nicht die Lösung. Mein Freund Hartwig geriet offenbar immer an die Falsche. Fortuna war und blieb in der Krise, also blieb nur die Wissenschaft. Und so schenkten wir letzten Februar Hartwig ein Abo der Volkshochschule Köln. Und wirklich – er blühte auf. Schon von seinem ersten Seminar “Einstein und die Relativität” konnten auch wir profitieren. Es gibt nämlich zwei, – nicht Einsteins -, sondern Relativitätstheorien.

Die Reihe “Quantenphysik” brachte ihn dann aber etwas ins Schleudern. Hatte er vorher noch geglaubt, dass die Zeit immer nur nach vorwärts verläuft, sah die Sache jetzt anders aus. Auch mit den Lokalen war das so eine Sache. Ein Elementarteilchen war anscheinend überall und nirgends zuhause. Auf jeden Fall nicht da, wo man gerade dachte. Mein Freund Hartwig beruhigte sich mit dem Hinweis des Dozenten, dass jeder, der meint, die Quantenphysik verstanden zu haben, sie sicher nicht verstanden hat. “Ich weiß, dass ich nichts weiß” mit diesem Spruch von Socrates stürmte er nach der letzten Quantensitzung in unsere Stammkneipe, die “Fortuna-Klause”.

Ich war schon immer der Auffassung gewesen, dass zuviel Nachdenken beim Zuspiel, Torschuss oder Doppelpass schadet. Und Socrates war sicher einer der intelligentesten Fußballspieler, die die brasilianische Nationalmannschaft je aufzuweisen hatte.

Als mein Freund Hartwig dann im Oktober und November die Volkshochschulreihe über “Genwissenschaften” besuchte, war alles wieder in Butter, klar und übersichtlich. Die Welt ließ sich wieder sortieren. Der Mensch war eine Marionette und lief an den Fäden seiner Gene. Vor allem Frauen, wie Hartwig vielwissend ergänzte, als er am ersten Kursabend fröhlich bei uns in der “Fortuna-Klause” vorbeischaute. “Du hast da ‘nen Memplex” war zwei Monate lang sein Standardspruch, egal ob Rudi den Lafo in den Himmel hob oder Dietmar den FC verdammte.

Dann kam Weihnachten und irgendeine seiner Verflossenen, ich glaube, es war die Bibliothekarin, legte ihm ein Bananengeschenk unter den Tannebaum, genauer gesagt in den Briekfasten. Frauen lassen ihre Beute ja nie aus den Augen.

Es handelte sich um ein Buch mit angeblich “hochkarätigen” Aufsätzen zur Genetik und Hirnforschung. “Gene, Meme und Gehirne” hieß das Ding. Das klang wie “Ene mene muh”. Was ganz Tolles zur Einführung, hieß es im Begleitbrief. Mein Freund Hartwig klang an Heiligabend am Telefon auch richtig begeistert. Alles, was er auf der Volkshochschule gelernt hatte, fand er wieder, so sprudelte er nach dem ersten Durchblättern heraus.

Doch wenige Tage später hörte sich das ganz anders an.

Inzwischen vermute ich, dass die erzkatholische Dame zum “Fest der Liebe” einen heimtückischen Anschlag auf seinen Lebensmut und seine Wissenschaftsbegeisterung geplant hatte. Ganz verstört kam mein Freund Hartwig letzten Montag zu unserer wöchentlichen Fansitzung, hielt das Machwerk vor die Brust und meinte: “Unglaublich. Wenn das Wissenschaft sein soll, kann sie mir gestohlen bleiben!”

Dann klappte er das Büchlein auf und zeigte auf eine Stelle:

“Der stark ausgeprägte Orientierungssinn bei Frauen erklärt sich aus ihrer frühgeschichtlichen Sammlertätigkeit”.

Wer je eine Frau einparken, wer je eine Gruppe weiblicher Pfadfinder durchs Unterholz irren sah, wird Hartwigs Verstörtheit verstehen. Mein Freund Hartwig ist seit Weihnachten auf jeden Fall wieder völlig von der Rolle und pfeift nun auch auf die Wissenschaft. Als wir ihn an Silvester besuchten, lag er im Bett, neben sich einen Stapel alter Lupo- und Perry-Rhodan-Heftchen, die er vom Dachboden geholt hatte. Er war nicht zu bewegen, aufzustehen und mitzukommen.

So weit die letzten Entwicklungen in Köln.

Trotzdem wünsch ich dir

Ein gutes neues Jahr

nnnnn

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