Durch die Nutzung von Generatoren zur Stromgewinnung sind einige Palästinenser und ausländische Aktivisten noch in der Lage Berichte über die Situation im Gazastreifen raus zu senden. Hier sind einige Blog-Beiträge der letzten 24 Stunden.
Prof. Said Abdelwahed, der an der Al-Azhar Universität Englisch unterrichtet, schreibt bei Moments of Gaza [en]:
“Heute fand eine Bodenoffensive statt. […] Viele Zivilisten starben in den Bombardements des Stadtrandes von Gaza-Stadt. Elektrizität und Wasser sind immer noch ein wesentliches Problem in Gaza. Ich betreibe immer noch einen Generator, um diese Nachrichten in wenigen Minuten zu schreiben. Handys sind blockiert und Festnetztelefone sind mal verzerrt und mal klar. Ein Luftschlag in der Nähe vor wenigen Minuten, wir wissen nicht, wo es war, aber es war so erschreckend. Sie haben ein Gebäude in der Nähe getroffen! Es ist drei Gebäude weit weg von mir und es gibt Opfer! Israelische Flugzeuge werfen Lichtbomben ab, vielleicht um Licht für militärische Zwecke zu machen. Israel hat den Satellitenkanal von Al-Aqsa einige Male abgefangen. Sie senden Anti-Hamas Material. Ich werde mich wieder melden, wenn ich kann.”
Natalie Abou Shakra, eine libanesische Aktivistin bloggt auch bei Moments of Gaza [en]:
“Sie benutzen neue Waffen… sehr Furcht erregend… wie es durch die Luft fliegt… man hört es sehr nah … es wird kommen, es wird mich umbringen, jetzt jetzt jetzt … das ist, was man denkt … es ist entsetzlich … ich gebe zu, dass ich mich nicht darum kümmere … ich habe mich an die alten Waffen gewöhnt … jetzt muss ich mich an die neue gewöhnen … ich kann euch das Ausmaß dieses Terrors nicht mit Worten beschreiben … wie eine Rakete, die auf dich gerichtet wird … und die Geräusche … die Geräusche der Flugzeuge in der Luft, die auf einen zukommen … das Geräusch vergrößernd je näher es kommt … dann fliegt es über unseren Köpfen vorbei … wir liegen alle auf dem Boden.”
Laila El-Haddad, deren Eltern in Gaza leben, schreibt in ihrem Blog Raising Yousuf and Noor [en]:
“Wir haben von den Flyern gehört, die Israel in Gaza verteilt – sie erklären den Leuten, dass Hamas für ihr Leid verantwortlich gemacht werden muss, nicht ihre F16s und Streubomben. Jetzt greifen sie auch zu elektronischen Anrufen, welche die Einwohner Gazas (wie bei Hilary Clinton) zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen. Mein Vater hat schon eine Menge von Anrufen erhalten – auch einen nachdem wir unser CNN Interview beendet hatten und uns über Skype unterhielten. Er versuchte den Hörer für mich an das Mikrofon zu halten. Eine grobe Übersetzung: ‘dringende Botschaft: Warnung an die Einwohner Gazas. Hamas benutzt Sie als menschliches Schild. Hören Sie nicht auf sie. Hamas hat Sie verlassen und versteckt sich in seinen Schutzräumen. Geben Sie jetzt auf …’ Er legte angewidert auf, er wollte den Rest nicht hören. Die Armee hat auch Leute angerufen und ihnen mitgeteilt, dass ihr Haus ins Visier genommen wird. Die Leute gehen jetzt nicht mehr ans Telefon und nehmen aus Angst keine Anrufe von unbekannten Nummern an.”
“7.30: Rettungswagen werden gerufen. Wir können nicht an einem riesigen Krater in der Straße vorbei, in welchen schon ein Auto hineingefahren ist. Auf dem Umweg, den wir nehmen müssen, sammeln wir einen etwa 60-jährigen Mann in seiner traditionellen Kleidung von dem Hof seiner Familie auf. Er blutet im Gesicht und ist sehr ängstlich. Auf dem Weg zum Krankenhaus Karmel Adwan erschüttert eine sehr nahe Explosion den Wagen. Die Erschütterung scheint nicht groß genug gewesen zu sein, denn der Fahrer fragte mich ‘hast du das gehört?’. Ich beginne zu verstehen, dass Palästinenser gern rhetorische Fragen stellen, wie zum Beispiel ‘wie findest du Gaza im Moment?’
[…]
10.55: Wir verlassen Al Shifa [Krankenhaus in Gaza] und fahren zurück zum Jabalia Zentrum. Dort gibt es Kaffee. Mo macht ein Kaffee-Sandwich, was wirklich merkwürdig ist. Es gibt eine kleine Pause zwischen den Alarmsignalen. Hassan fragt mich über mein Buch, ‘Nature Cure’. Ich erkläre ihm, dass es um einen ökologischen Weg aus der Depression geht. ‘Werden Menschen im Westen depressiv?’ fragt er überrascht. Ich verstehe, wie unglaubwürdig das jetzt klingen muss, und erkläre, dass viele Menschen in einem Leben gefangen sind, dass hauptsächlich aus Arbeit und Konsum besteht, und ohne eine Bedeutung, wie eine Religion, oder den Traum, dass dein Land frei ist oder etwas ähnliches können sich die Menschen sehr verlieren.
‘Israel versucht uns in ein bedeutungsloses Leben wie das zu zwingen.’ sagt er. Zum Beispiel fühle ich mich manchmal so, dass alles was in dem Moment wirklich wichtig ist für mich ein Kilo Gas ist. Ich habe für meine Familie einen Ofen gebaut und ich fühle mich, als hätte ich etwas großartiges getan.’”
In einem anderen Beitrag erzählt sie [en]:
“Wir fragten die Verwaltungsmitarbeiter des Roten Halbmondes in Jabalia, zu wie vielen der Notrufe die Israelis sie nicht gehen lassen. Diese sind in den Gebieten, wo die Koordinierung mit der einmarschierenden Armee über das Rote Kreuz laufen muss, um sie zu betreten. Er sagte, ihnen wird nicht erlaubt auf etwa 80% der Notrufe aus dem Norden zu reagieren, das betrifft Beit Lahia, Beit Hanoun und Jabalia. Soll ich das wiederholen? 80%. Es wird verhindert, dass acht von zehn Menschen die um Hilfe rufen, diese nicht erhalten.”
Die kanadische Aktivistin, Eva Bartlett, schreibt im Blog In Gaza [en]:
“Die Anzahl der abgeschlachteten und verletzten ist jetzt so hoch – 521 und 3.000 heute Morgen, nach Gaza-Zeit – so dass es normal geworden ist, neben einer toten oder sterbenden Person zu sitzen. Die Blutlache auf der Tragbahre des Krankenwagens staut sich an meiner Jacke, der Sanitäter weist mich darauf hin, dass meine Jacke schmutzig wird. Was macht das schon? Der Fleck ekelt mich nicht an, wie er das letzte Woche getan hätte, getan hat. Tod füllt die Luft, die Straßen in Gaza und ich kann nicht betonen, dass dies keine Übertreibung ist. Kur zurück in Gaza, nach einem Tag und einer Nacht auswärts mit den Sanitätern, versuche ich zusammenzufassen, obwohl es zu viel zu erzählen gibt, zu viele eintreffende Nachrichten, und es ist schwer Leute zu erreichen, selbst wenn sie nur einen Kilometer entfernt sind. Bevor sie mich absetzten, fuhren die Sanitäter zu verschiedenen Tankstellen auf der Suche nach Benzin für den Krankenwagen. Zwei Tankstellen, kein Glück. Ein bisschen Glück an der letzten Quelle füllt ihren Tank. Das Fehlen von Treibstoff ist kritisch. So wie das Fehlen von Brot, was immer weiter geht, die Schlangen sind länger als jemals zuvor. Ein Text sagt mir (jetzt beziehe ich mich auf Nachrichten, die ich per Telefon oder Textnachricht erhalte, wenn es möglich ist), dass die UN sagt, 13.000 Menschen seien vertrieben, dass 20% der Toten Frauen und Kinder seien, 70% seien ohne Trinkwasser. Es gibt so viel mehr Tatsachen die einen ernüchtern, wenn man betrunken vor Apathie ist, aber ich kann sie jetzt nicht belegen oder teilen.”
Safa Joudeh schreibt in Lamentations-Gaza [en]:
“Israel ist in unsere Häuser gekommen, kämpft in unseren Straßen und drückt seine Brutalität gegen uns mit voller Gewalt aus. Wie wir reagieren? Alle palästinensischen Gruppen haben sich vereinigt und sind draußen und stehen dem Feind gegenüber, sie nutzen alle militärischen Möglichkeiten, die sie zusammen haben. Obwohl diese Möglichkeiten nicht mit der militärischen Stärke, welche Israel ausübt, verglichen werden kann, hat es uns stärker als zuvor überzeugt, dass die Palästinenser bis zum bitteren Ende kämpfen werden, um das Ihre zu beschützen. Es hat uns gezeigt, dass Widerstand, Mut und Liebe ein wesentlicher Bestandteil der palästinensischen Identität sind, die sich niemals ändern wird trotz der Not, die wir erdulden müssen. Es hat uns moralischen Auftrieb gegeben zu einem Zeitpunkt an dem wir es am meisten brauchen. […] Es ist schwer sich an eine Zeit zu erinnern, in der Grundbedürfnisse, wie Lebensmittel, Wasser, Wärme und Tageslicht kein Luxus waren. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die nackten menschlichen Instinkte am Werk, das Bedürfnis die geliebten Menschen zu schützen, das Bedürfnis einen Schutzraum zu finden und der Instinkt zu kämpfen oder zu flüchten. Wir sind zu lange geflüchtet, Gaza ist unsere letzte Zuflucht und unser Zuhause, nachdem wir vertrieben wurden aus einem Gebiet, was jetzt Israel genannt wird. All dies passierte vor etwa 60 Jahren. Was könnten sie noch wollen? Wir können nirgends mehr hin. Jetzt ist eine Zeit, in der alle Formen des Widerstandes legitim sind. Sie haben jedes internationale Gesetz, welches es gibt, missachtet. Jetzt ist die Zeit zu kämpfen.”
RafahKid hat eine Bitte [en]:
“Bitte … bevor jeder in Gaza tot ist … vielleicht versucht ihr zu verstehen, dass Hamas ein Symptom ist … keine Ursache … die Besatzung ist die Ursache … der Mangel einer Siedlung für die erzwungene Entfernung von Menschen von ihrem Land … das ist eine Ursache … Hamas ist ein Symptom … und die USA mag keine Regierung, die sie nicht ausgewählt hat. Kein Strom … keine Anrufe nach draußen. Dunkelheit und es regnet Feuer. Die Kinder schreien.”
Mutasharrid (‚Obdachloser’ oder ‚Landstreicher’) ist in Khan Younis und ist wütend [ar]:
“Ich wurde gestern gefragt, ob die Hilfe für Gaza wirklich reinkommt, oder ob das nur ‘Zeitungsgeschwätz’ sei. Ich weigerte mich, zu antworten, denn die Antwort ist klar, so klar wie der Klang des F16 Angriffes gerade jetzt. Ist doch egal, die Hilfe kam nach Gaza, vielleicht in großen Mengen in den ersten Tagen, aber hörte auf vor zwei Tagen mit dem Beginn der Bodenoffensive, wie auch immer, das zählt hier nicht viel! Ich meine, wie haben es die Medien geschafft den Fall Gaza darzustellen als den einer hungrigen Person unter Besatzung, die nach Essen und ‘humanitärer’ Hilfe sucht, die eines Hundes nicht wert ist?! Als ich meinen Freund fragte, sagte er: ‘Die Araber sind wie eine Person, die auf einen Hund schießt und ihm gleichzeitig ein Stück Fleisch hinwirft!’ Gaza sucht nicht nach einem Aspirin für seine blutende Wunde, meine Freunde, Gaza sucht keinen Verband für seinen ständigen Blutverlust. Was Gaza verletzt, tötet wirklich mehr als die Raketen, es sind ihre Stimmen: die Stimmen aller Personen, die Anzug und Krawatte tragen und über Gaza sprechen. Man wünschte sich, man könnten ihnen vor dem Flugzeug ins Gesicht brüllen: ‘Stop! … Eure Stimmen verletzen und sind verdammt viel schärfer als euer Schweigen, also schweigt … Habt Mitleid mit uns, schweigt für eine kleine Weile…’”
“Ich bin weg bis zum Ende dieses Massakers. Betet für uns.”
Ein Blog namens Harm to civilians during the fighting in Gaza and Southern Israel [en] wurde von israelischen Menschenrechtsgruppen eingerichtet, um die Ereignisse, welche nicht von den Medien abgedeckt werden, zu dokumentieren.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Global Voices. Die Übersetzung erfolgte durch Katrin Zinoun, Teil des “Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Global Voices.
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