Das menschliche Auge ist völlig unzureichend. Ach könnten wir doch sehen! Die Luft um uns her erscheint uns nur als Luft, farblos, durchsichtig. Langweilig. Wenn wir nur sehen könnten, was uns alles umgibt, wie schön wäre das! Atome, Molekühle, Russpartikel, Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenmonoxid und – oh, ja, Radium! Die Luft würde in den schönsten Farben schillern, unsere Kleider würden diamanten glitzern wie von Sternenkindern aus dem Märchenbuch. Schon allein von den über viertausend Schadstoffen im Zigarettenrauch. Kadmium Blausäure, Toluol, Butan, Chrom… Nach einem verrauchten Abend würden wir Raucher einander in den dunklen Straßen erkennen, uns leuchtend wie die Weihnachtsbäume wissend zunicken – in den Haaren das sanfte Glimmen von Polonium-210.
Ein Silbermeer der Schwebeteilchen – dank unserer Kohlekraftwerke
Täglich würden wir durch wundervolle Seherlebnisse bereichert werden, denn es werden immer mehr Aerosole. So klangvoll, ja, lyrisch nennt man all die kleinen, unsichtbaren Teilchen in der Luft, die wir mit jedem Atemzug bis tief in die feinen Bronchiolen, die feinsten Verzweigungen der Bronchien hineinatmen. Die Blinden würden unsere medizinische Forschung anbetteln, doch endlich auch sehend gemacht zu werden. Und am meisten würden sie uns Wissende vielleicht inzwischen um den unvergleichlichen Silberstreifen in unserer Atemluft beneiden: Quecksilber. Der Quecksilbergehalt in der Luft, im Wasser hat sich seit der Industrialisierung nämlich verdreifacht, in bestimmten Gegenden sogar verzwanzigfacht. „Weißt Du noch“ würden die Leute mitleidig zurückblickend zueinander sagen, „als wir noch nicht in Silber gingen?“ – „Ja, das war die farblose Zeit, als es noch nicht so viele Kohlekraftwerke gab“. Denn letztere können als Hauptverursacher der Quecksilberbelastung gelten.
Grenzwerte und Messanlagen existieren nicht für die Stromerzeugung
Das chemische Element Quecksilber findet sich unter dem Kürzel HG und der Ordnungszahl 80 im Periodensystem der Elemente und ist ganz natürlich. Es findet sich in Pflanzen und Gesteinen und wenn wir ins sie eindringen oder irgendetwas verbrennen schenken wir auch immer ein paar Quecksilbermolekülen die Freiheit. Biomasse enthält umso mehr Quecksilber, je älter sie ist. Kohle ist mehre Millionen Jahre alt und aus diesem Grund, wenn sie verbrannt wird, ein hervorragender Lieferant für oxydiertes Quecksilber (das dann vom Regen ausgewaschen im Wasser und somit in der Nahrung landet). Deshalb sind die Kohlekraftwerke, neben der Metallindustrie, Hauptverursacher bei der Freisetzung. Quecksilber-Grenzwerte oder Messanlagen indes existieren nur für den Bereich der Müllverbrennung (Tagesmittelwert bei 30 Mikrogramm pro Kubikmeter) und werden auch auf Kohlekraftwerke angewendet – obwohl wesentlich mehr Kohle verbrannt wird als Müll. Nach Angaben des Europäischen Schadstoffregisters Eper entlassen die deutschen Stromerzeuger so jedes Jahr weit über 5 Tonnen Quecksilber in die Luft.
Alles halb so wild?
Prof. Helmut Seifert vom Institut für Technische Chemie (Fachbereich Thermische Abfallbehandlung) gibt sich für die hiesigen Verhältnisse optimistisch: Die Filteranlagen der deutschen Kohlekraftwerke seien vorbildlich. Da könnten sich andere Länder innerhalb und außerhalb Europas eine gehörige Scheibe abschneiden. Er kennt sich aus auf diesem Gebiet. Deshalb wurde er auch von einem Energiekonzern (der nicht genannt werden will) beauftragt, doch mal zu messen, wie hoch die Quecksilberwerte im Rauchgas eines Kohlekraftwerkes eigentlich sind. Bei dem noch laufenden Pilotprojekt kommen Messtechniken zum Einsatz, die ursprünglich für Müllverbrennungsanlagen konstruiert wurden. Gleichwohl räumt auch Prof. Seifert auf Nachfrage ein: „Ja, wir würden es so einschätzen. Dass eine Verbreitung des Quecksilbers eingedämmt werden muss.“
Gesundheitstipps: wenig atmen und vor allem keinen Fisch essen
Das „lebendige Silber“ verflüssigt sich bei minus 37 Grad und entfleucht bei Zimmertemperatur in den gasförmigen Zustand. Darüber hinaus ist es in hohem Maße bindungsfreudig. Für den hochsensiblen menschlichen Organismus ist das nicht unbedingt vorteilhaft, da Quecksilber von unserem Körper nicht abgebaut werden kann und sich mit zahlreichen Eiweißstrukturen verbindet (z.B. mit lebenswichtigen Enzymen), die dann in ihrer Funktion irreversibel beeinträchtigt werden können. Nehmen wir zu viel Quecksilber über die Luft oder unsere Nahrung auf, können wir deshalb schlicht und einfach sterben. Diese glänzende Fahrkarte ins Jenseits wiegt im Übrigen fast nichts: 150 bis 200 mg reichen völlig. Neben der Luft ist vor allem das über den Regen ausgewaschene Quecksilber im Boden und in den Gewässern gesundheitsrelevant. „Hier wird es von den Bakterien umgewandelt in organisches Quecksilber und als solches kann es zum Beispiel von Fischen aufgenommen werden und gelangt dann in die Nahrungskette des Menschen. Hier es ist besonders für das ungeborene Kind sehr schädlich, weil es die Blut-Plazenta Schranke überschreitet.“ so Jens Korell vom Forschungszentrum in Karlsruhe. Das Deutsche Bundesumweltministerium empfiehlt deshalb schwangeren Frauen auf bestimmte Fischsorten zu verzichten. Genannt werden u.a. Aal, Heilbutt, Hecht und Thunfisch, also solche Fische, die lange leben und daher viel Quecksilber anreichern können.
130 Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 100 bis 1.400 MW gibt es in Deutschland und weitere 27 sollen gebaut werden. Messungen für die Quecksilberbelastung von Abgasen werden nach Jens Korell jedoch wohl erst in 10 bis 15 Jahren vorgeschrieben sein. Vielleicht wäre es doch nicht so gut, wenn man Quecksilber sehen könnte.
Bildquelle: pixelio.de (Kurt F. Domnik)
Hat sich schon mal jemand die TA Luft angesehen ?
Wer will unbdingt Hg-haltige Sparlampen vorschreiben ?
So, alte Kraftwerke sind bedingt als “Dreckschleudern” zu bezeichnen, sie werden zwar nach und nach nachgerüstet, ok.
Wenn sie dann aber durch neue, effizientere, noch besser filternde, technisch auf den neuesten Stand seiende – da ist dann das Geschrei groß.
Das verstehe wer will.
Nebenbei, oben auf dem Bild handelt es sich um Dampf….
Die Luft in z.B, R-P ist heute sauberer als früher in s.g. Luftkurorten.
Seit der Deindustrialisierung der ehem. DDR ist die Luftverschmutzung drastisch gesunken.