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Vermischtes

Willkommen im Nahostsalat!

Freitag, den 9. Januar 2009 um 19:54 Uhr von Lukas Lehmann

So toll und einfach das ist vor dem Fernsehen zu hocken, das Bier oder den Wein neben sich auf dem Tisch zu haben, die Beine auf die Couch zu legen, die Fernbedienung in der Hand zu haben, durch das Fernseh-Programm zu zappen und mal wieder die aktuellen Nachrichten aus Nahost zu sehen - Bilder rollenden Panzer, die Rauchschwaden über Gaza, die toten und verletzten Babies auf palästinensischer Seite -, desto schwieriger ist es für die Menschen in der Region mit der aktuellen Situation zu recht zu kommen.

Israel

Stellen Sie sich selbst vor, sie wären eine Mutter in Sderot in Südisrael. Jeden Tag hören Sie von morgens bis abends die Sirenen des Alarmsystems, welches ihnen gerade einmal 15 Sekunden Zeit gibt, sich ganz schnell zu recht zu machen, wenn nötig ihre Kinder im Haus zusammen zu rufen, ihr Baby aus dem Kinderwagen zu nehmen und sich gemeinsam so schnell wie möglich in den Keller oder in den Luftschutzbunker in Sicherheit zu bringen. Noch schlimmer scheint es aber, wenn ihre Kinder aus dem Haus sind und sie nicht wissen, wo sie gerade stecken. Ein Griff zum Handy ist in diesem Fall die einzige Möglichkeit, um sich zu vergewissern, ob die Lieben sich in Sicherheit gebracht haben und ob sie überhaupt noch leben.

Wenn sie allerdings als Vater und auch als Mutter sehen müssen, dass ihr Kind als Soldat direkt an die Front muss, eingezogen wird, um seinem Staat zu dienen, die Existenz ihres Staates, ihrer Nation, ihrer Bekannten und Nachbarn, ihrer Familie zu verteidigen und ihr Leben zu schützen, seine Kameraden wenn nötig mit seinem Gewehr zu decken, dann hat dies noch einmal eine weitaus unangenehmere Dimension, die sie trotz des Stolzes schlaflos vor Angst und Sorge jeden Tag und jede Nacht begleiten.

Als Soldat ist es noch schwerer. Sie wissen, dass die Hamas sie absichtlich mit menschlichen Schutzschilden konfrontieren möchte, sie auf der anderen Seite umbringen will. Sie stehen vor der Wahl selbst getötet zu werden oder aus Eigenschutz auf den Terroristen zu schießen und damit das Leben der Zivilisten mit zu gefährden. Wie würden Sie selbst in so einer Situation reagieren?

Gaza

Als Zivilist in Gaza sieht es sicher nicht anders aus. Während im Fernsehen oder über Lautsprecher die Hasstiraden der Hamas abgespielt werden, die neusten Aufrufe zur Ausrottung Israels, zur Tötung aller Zionisten und deren nichtjüdischer Verbündeter, die nächsten Kassam- und Gradraketen aus der Nähe in die Luft aufsteigen, direkt in das zionistische Gebiet, desjenigen, der in den Medien immer als blutrünstig, als Moslemhasser, als übermächtiger Aggressor über dem palästinensischen Volk, dargestellt wird, fliegen von der anderen Seite der Mauer, die Gaza und Israel/ Ägypten schon seit mehreren Jahren trennt, die Luftballons derjenigen in den Himmel, die man nur als blutrünstigen Feind aus dem Fernseher kennt.

Doch seit mehr als zehn Tagen ist es anders: Statt Luftballons und Drohungen ihres zionistischen Feindes, fliegen nun Hubschrauber und Kampfjets über ihre Köpfe hinweg. Bomben fallen auf Stadtviertel ganz in ihrer Nähe nieder. Sie erschüttern den Boden und lassen viele vor Angst in ihren Häusern verharren. Angespannt warten sie auf einen Anruf der Israelis, denn das tun sie zumindest, um die Bevölkerung vor Luftangriffen unmittelbar in ihrer Umgebung zu warnen. Doch diesmal brummt ihr Handy: “Sie haben fünf Minuten Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen. Israel”. Sie nehmen ihr wichtigstes Hab und Gut, schnappen sich ihre Liebsten, rennen runter auf die Straße. Von einem Lautsprecher aus hören Sie den Aufruf der Hamas sich als menschliche Schutzschilde auf den Dächern der Häuser gegen die Zionisten zu stellen. Von weiten hören Sie den Jeep der bewaffneten Hamas näher kommen…

Es geht um Sie!

Ja, um sie: um Palästinenser und Israelis. Um Menschen in Gaza und in Israel, die auf ähnliche Weise unter diesem Konflikt leiden. Beide Seiten verlieren täglich Zivilisten - egal wie hoch auch die Zahlen sein mögen. Es sind zu aller erst Menschen. Auf beiden Seiten wird zudem vom Feind geredet, den man besiegen müsse, um Frieden in die Region zu bringen. Auf beiden Seiten ist die Anspannung vor der nächsten Bomben- und Raketenwarnung groß. Auf beide Seiten richtet sich auch der Blick der internationalen Presse und Politik. Beide Seiten haben ihre Lobby, ihre Verbindungen, Erwachsenen- und Jugendgruppen. Wenn es kracht, dann sind sie garantiert immer im Fokus der Welt. Manchmal scheint dies kroteske Züge anzunehmen, in denen sogar wichtige, politische und wirtschaftliche  Ereignisse für den Nahen Osten in den Hintergrund rücken…

Nach der etwas längeren Einleitung, die Ihnen in vereinfachter Form bewusst machen sollte, wie schwer es ist über den Nahostkonflikt zu sprechen, die komplizierten Sachverhalte zu analysieren, Ursache und Wirkung auseinander zu halten, wenn im Mittelpunkt auf beiden Seiten die Zivilbevölkerung steht, die zu oft von vielen Seiten unbeachtet gelassen wird - sei es von den Medien, den Politikern im eigenen Land und den Politikern und Vermittlern der Internationalen Gemeinschaft - möchte ich in den nächsten Tagen die aus meiner Sicht wichtigsten Kernfragen des Konfliktes anreissen. Diese sollen im Großen und Ganzen gesehen den Nahostsalat, das Mosaik des Konflikts, ihnen näher bringen und ein wenig verständlicher machen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf andersdenken20.de.

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  1. Readers Edition » Willkommen im Nahostsalat! II: Friedenssalat

    am 11. Januar 2009 um 03:53 Uhr | Link | Kommentar melden

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