Willkommen im Nahostsalat! II: Friedenssalat
Mehrere tausend Menschen sind europaweit letzte Woche auf die Straße gegangen, um hauptsächlich für zwei Dinge zu protestieren: zum einen für die Beendigung der israelischen Militäroperation in Gaza “Cast Lead” und zum anderen für Frieden im Nahen Osten. Was sich so friedlich anhört, war allerdings auf dem zweiten Blick eine eindeutig antisemitisch und antizionistisch gespickte Botschaft an die Welt: “Israel ist der blutrünstige Kindermörder”, “Israel besetzt Palästina”, “Israel ist der Agressor und das Problem im Nahen Osten” und somit muss “Israel raus aus Palästina”. Noch viel schlimmer waren die Aufrufe auf deutschen Straßen “Juden zu vergasen”.
“Haben wir nichts aus dem Holocaust und aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt?”, mag man sich bei den Anblicken dieser Aufrufe und Plakate fragen. Doch wer nun rechtsradikalen Verursachern und Ideologen die Schuld in die Schuhe schieben möchte, mag in diesem Fall die Wurzeln des Antisemitismus im linksradikalen Flügel unserer Gesellschaft und im Nahen Osten bewusst oder unbewusst aus dem Blickfeld genommen haben. Vor allem die mittelalterliche Ritualmordanklage gegen die Juden scheint im Anbetracht des Nahostkonflikts wieder eine Renaissance auf der ganzen Welt zu feiern. Und die Medien, die Israel als alleinigen militärischen Akteur zeigen, helfen diese Vorurteile weiter zu verbreiten und zu popularisieren.
Die Wochenzeitung “Die Zeit” berichtet diese Woche von antisemitischen Vorfällen in der panarabischen Zeitung Al-Hayat. Diese schreibt in ihrer Ausgabe zu der Situation in Gaza: “Israel is a Nazi state that has no right to exist.” Der Chefredakteur des als liberal geltenden Blattes fügt hinzu:
“The beast is insatiable. Corpses intensify its hunger. The beast is unquenchable (sic). The running blood intensifies its thirst. The beast is unsatisfiable. The small corpses supporting the walls incite it to destroy and kill further.
The beast is aroused and troubled. The more it kills, the (more, JL) restless it becomes. It treats its unrest with more causes of unrest. Every crossroads alarms it. Every tree. Every roof. Every window. It smells hostility in eyes, in keffiyehs’, in signs of victory, in the handkerchiefs of bereaved mothers and the anger of widows. It fears the branch if it stirs and the laundry line if it moves in the crowded camp.
The beast is wounded. It builds a fortress into which fear creeps. The beast is sleepless. It builds a wall that cannot keep the wind out. It kills the father, but the son inherits his keffiyeh.”
Juliane Wetzel, Mitarbeiterin des Instituts für Antisemitismusforschung (ZfA) in Berlin, berichtet der Tageszeitung “Die Welt“, dass dieses Phänomen immer wieder seit der zweiten Intifada ab 2000 auftauchen würde.
“Die Geschehnisse im Nahen Osten dienen als Plattform. Darauf manifestieren sich antisemitische Einstellungen, die latent bereits vorhanden waren.” Einstellungen, die zum Beispiel in Deutschland ein großer Teil der Gesellschaft teilt – immerhin 44 Prozent der Befragten stimmten laut der Umfrage “Deutsche Zustände” 2004 der Aussage zu, angesichts der israelischen Politik könnten sie verstehen, wenn man etwas gegen Juden habe.
Der klassische Antisemitismus dagegen hat zwischen 2002 und 2008 abgenommen, so die Studie. Das bedeutet: Vor allem die alten Bekannten – Rechts- und gelegentlich Linksextreme sowie ein sehr kleiner Teil der muslimischen Migranten – hängen in Deutschland noch der Idee einer jüdischen Weltverschwörung an. Die Gleichsetzung israelischer Politik mit “den Juden” aber ist in Europa viel weiter verbreitet. Und sie führt immer wieder zu Gewalt. Zum Beispiel 2002, als Israel nach einem palästinensischen Terroranschlag mit 28 Toten Ende März die “Operation Verteidigungsschild” startete und in mehrere Städte und Lager im Westjordanland einrückte. Palästinenser berichteten von einem “Massaker” im Flüchtlingslager Dschenin – das nicht stattgefunden hatte, wie die Vereinten Nationen später feststellten. Doch da war es schon zu spät. Die europäischen Antisemiten lebten ihren Judenhass gewalttätig aus. Vor allem in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Großbritannien wurden Menschen tätlich angegriffen und beleidigt, kam es zu Brandanschlägen auf jüdische Einrichtungen, wurden Hassreden geschwungen.”
Währenddessen melden sich in der israelischen Tagesszeitung “Yediot Aharonot” zwei kritische Stimmen zu Wort, die nicht nur den Antisemitismus in der Friedensbewegung und der arabischen Welt kritisieren, sondern auch ihre Ansicht auf die Palästinenser und auf den Staat Israel. Der arabisch-israelische Gemeindeleiter von Ramle, Ali Jarushi, prangert bestimmend seine arabischen Landsleute an, die in Israel gegen den Militäreinsatz der israelischen Regierung protestierten und dabei ihre eigene Identität als Araber in Israel vergessen: “Arab protestors who demonstrate against Israel are traitors”, so sein Statement.
“Arab protests against the Gaza operation across the country anger him and contradict his worldview – namely, he believes that Arab-Israelis should respect the State and even send their children to serve in the army. (…) Last week, Jarushi spoke out against Arab demonstrators in Ramle protesting the Gaza War: ‘Ninety-nine percent of them are collaborators. I’ll speak out against any rally of this kind,’ he said at the time. ‘I condemn demonstrations against the government across the country. These people live in this country. They should demonstrate in favor of peace.’ ‘This land isn’t ours, it belongs to God,’ Jarushi added. ‘We must not fight for this land, or else God will be mad at us.’”
Adi Dvir, israelischer Journalist der Zeitung “Ynet”, geht noch weiter und fordert die internationale Friedensbegegung auf, die Palästinenser nicht zu sehr zu verhetscheln. Die Bevorzugung der Palästinenser scheine zwar für internationale Beobachter balanciert und neutral zu sein, in Wirklichkeit seien diese allerdings unilateral und unmoralisch und würden zu dem den Palästinensern nicht helfen.
“To pity the people of Gaza is to patronize them, in essence implying that they do not control their fate, the state of their government, or their own actions. It is to assume one of two things: Either that Gazans are too stupid to oust the cancerous Hamas presence in their midst, or that they are unable to do so. Just as a crying baby who only elicits pity will continue to cry, the citizens of Gaza will continue to cry out to the world instead of taking matters into their own hands. As long as they are told that they are helpless victims or mere pawns at the hands of terrorists, Gazans will only see their suffering prolonged.”
Dvir betont weiter, dass sich die Palästinenser und die Einwohner des Gazastreifens nichts mehr wünschen, als einen eigenen Palästinenserstaat. Wie auch immer müsse dieser allerdings durch Taten verdient werden, so wie es die Israelis 60 Jahre lang bewiesen haben. Mit Blick auf die Situation in Gaza weist er darauf hin, dass das Problem der humanen Misere dort zum größten Teil durch die Hamas verursacht wurde. Was nötig wäre sei keine Intervention der israelischen Armee, sondern die Eigeninitiative der Einwohner Gazas sich selbst von der Hamas zu befreien.
Quellen und weiterführende Literatur
- Ari Shavit, Israelis who blame Israel aren’t helping the Palestinians.
- Adi Dvir, Don’t pitty the Palestinians.
- Benjamin Weinthal, Merkel: The Terror of Hamas cannot be accepted.
- Jörg Lau, Arabischer Antisemitismus nach Gaza.
- pusztapunk.tk, Die antisemitische Internationale unterwegs.
- Yuval Kaner, Arab leader: anti-war protestors are treators.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf andersdenken20.de.
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