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Politik

Willkommen im Nahostsalat! : Mediensalat

Dienstag, den 13. Januar 2009 um 12:41 Uhr von Lukas Lehmann

(Teil V) _______________________________ In die Diskussion einer disproportionalen Kriegsführung der israelis in den Medien schaltet sich auch der frühere Leiter des Archivs der israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, Yaacov Lozowick, ein. Auf seinem Blog wagt er eine Analyse der Nahostberichterstattung und deren Gründe für den Vorwurf an die israelische Regierung. Auf folgende Ergebnisse kam er dabei nach seiner Untersuchung der New York Times, des Guardian, der BBC, des Economist und des Independent:

1. Israel is disproportionally represented. Surprise.

2. More nuanced searches are required, since each media outlet uses different terminology. A website that rants only about Israeli crimes, never about its proportionality or lack of it in waging war, won’t register in my search parameters. Ergo, comparisons need to address the varying vocabularies in different organizations and over time.

3. I didn’t see any mention of Russia, nor or the Iraq-Iran war (remember that one? With more than a million dead?), nor of anything beyond the same recurring three: Israel’s wars, America’s and Britain’s. Given that the publications I looked at were American or mostly British, this means the only foreign country, seen from the perspective of the publications, was Israel.

Den Grund für diese unausgewogene Berichterstattung kann nur erahnt werden. Es könnten persönliche Vorurteile gegenüber Israel sein, die bei einigen Reportern und Medien bis in einen offenen Antisemitismus neigen. Andererseits könnte es auch die schwierige Bedingung sein, in der vor allem unerfahrene und in Nahostfragen nicht genügend ausgebildete Journalisten schnell ihre kritische Haltung verlieren und sich der einen oder anderen Seite ganz offen anschliessen und in ihren Beiträgen unterstützen.

Der Nahostkorrespondent Ulrich Sahm hat vor kurzem seine eigenen Erfahrungen mit dem Zahlen- und Informationssalat in einem Bericht für den Nachrichtensender N-TV niedergeschrieben. Dabei fokusierte er sich auf die Eregnisse um den israelischen Beschuss einer UN-Schule in Gaza, bei dem mehr als 40 Zivilisten umgekommen sein sollen, die journalistische Arbeit ausserhalb des Schlachtfelds und die vorgefertigten Bilder von beiden Seiten, die von unabhängigen Gutachtern im jetzigen Zeitpunkt nicht untersucht und nachkontrolliert werden können. Schon folgende Passage aus Sahms Schilderungen lassen die Schwierigkeit und die Herausforderung an den einzelnen Journalisten vor Ort ahnen, der unter Zeit- und Qualitätsdruck über die Situation in Gaza berichten soll - wohlgemerkt von der Ferne auf israelischem Boden:

Die Zahl der Toten bei einem israelischen Angriff auf die Al Fahoura Schule im Flüchtlingslager Dschabalija, oder “in dessen Nähe”, liegt zwischen 3, 12, 30, 40 und 42. Als Quelle geben die Agenturen mal “Palästinenser” oder den Chef der Rettungsdienste in Gaza, Mo’aweya Hassanein, an. Der Sprecher der UNWRA Flüchtlingshilfe Organisation, Chris Gunness, verurteilte schon die israelische Attacke und sprach von 3 toten Zivilisten bei dem Angriff auf das “deutlich als UN-Einrichtung gekennzeichnete Gebäude”. Einer anderen Agentur sagte er, dass er keine Ahnung habe, wie viele Tote es gegeben habe, da er seine eigenen Mitarbeiter nicht erreichen könne.

Wenn das nicht schon genug Gewirr ist, ist auch die Beweiskraft vieler Berichte aus dem Gazastreifen, der Tathergang und der Ort des Geschehens immer wieder unklar definiert:

Ebenso widersprüchlich sind die Angaben der namentlich nicht genannten “Augenzeugen”, ob eine israelische Panzergranate oder aber eine vom Kampfflugzeug abgeschossene Rakete die Schule getroffen habe, “in deren Nähe” die Zivilisten getötet worden seien. In der Schule hätten 400 Palästinenser Zuflucht gesucht, nachdem sie ihre Häuser aus Angst vor den israelischen Angriffen geräumt hätten. Angeblich parken israelische Panzer in drei Kilometern Entfernung von der Schule außerhalb des Flüchtlingslagers. Vom Gelände der Schule oder “aus ihrer Nähe”, wiederum je nach Quelle, beschießen angeblich Hamaskämpfer die israelischen Panzer, woraufhin diese dann zurückgeschossen hätten.

Die Nachrichtenagenturen berichten inzwischen von mindestens drei Schulen im Gazastreifen, in Khan Younis, Gaza-Stadt und Dschabaliah. In jeder Schule hätten jeweils 400 Menschen Zuflucht gesucht, aber die Zahl der Opfer nach angeblichen israelischen Angriffen klaffen gemäß palästinensischen Angaben gewaltig auseinander, zwischen 3 Toten und 48.

Journalisten vor Ort, die sich zur wahrheitsgemässen Schilderung von Ereignissen und zur ausgewogenen Berichterstattung verpflichtet haben kommen hier in ein großes Dilemma: unabhängige Bilder, Berichte, Zahlen und Statistiken gibt es aus dem Gazastreifen nicht. Die Hamas auf der einen Seite achtet genau, was in den Medien der Weltöffentlichkeit präsentiert werden soll - vor allem tote und verletzte Kinder. Die eigenen Kämpfer sollen der Weltöffentlichkeit verborgen bleiben. Israel auf der anderen Seite präsentiert sich als stark und kämpferisch. Der Feind ist die Hamas und nicht die Zivilbevölkerung. Dass in solch einem Konflikt zivile Opfer nicht zu vermeiden sind ist nie ganz auszuschliessen. Die Zahlen, die Schuldigen, die Tathergänge und Orte variieren allerdings stark. Eine vollkommene Rekonstruktion ist in der Kürze der Zeit und ohne unabhängige Primärquellen nicht möglich.

Trotz dessen sind es immer wieder die Medien hierzulande und auch in der arabischen Welt, die diese Fakten nicht ausreichend oder gar nicht dem Zuschauer nahe bringen. So entsteht ein Zerrbild der Situation vor Ort, welches von einigen Gruppierungen, Staaten und Ländern dazu benutzt wird antisemitische und antizionistische Hetze gegen Israel und die Juden im eigenen Land zu betreiben. Ein Beispiel ist die Friedensbewegung und ihre Protestaufmärsche gegen die israelische Militäroperation in Gaza, die ich schon zu Anfang des Artikels behandelt habe. Ein weiteres machtvolleres Beispiel ist Al-Jazeera, der Fernsehsender aus Doha, Katar. Mit seinen stundenlangen Bildern aus Gaza, seiner Zensur an jeglicher Kritik an der Hamas und sein Schweigen vor der Ursache der miserablen Lage in Gaza hat sich dieser Sender nicht nur meines Erachtens zum Sprachrohr einer eindeutig antiisraelischen und antiwestlichen Strömung in der arabischen Welt gemacht.

Dr. Mordechai Kedar, Dozent für Arabisch an der Bar-Ilan Universität Tel Aviv, beobachtet seit langem die Medien im Nahen Osten und schreckt auch nicht weg sich persönlich in diesen zu zeigen und seine Position zu Themen des Nahostkonflikts deutlich zu machen. In der israelischen Zeitung Yediot Acharonot fordert er nun die Schließung des Senders, zu mindest in Israel:

The agenda or ideology of a media outlet is not supposed to affect the credibility of reports and facts. A media outlet is not supposed to take sides, and if one interviewee expresses certain views, it is expected that another guest with different views be given a platform for the sake of balance and fairness. The Western media world, which Israel is a part of, is not ideal or perfect in this respect. However, the al-Jazeera network is something else entirely.

  1. It is a player that does not adhere to all the media rules, and uses the medium (…) in order to eliminate Israel. This is prominent on normal days, and is even more conspicuous at this time of confrontation between Israel and the Palestinians. The news stories aired by the network constitute blatant incitement with no regard for the truth. Al-Jazeera features no balance, as for every minute of airtime featuring an Israeli spokesperson presenting Israel’s positions, the network airs long hours of horrific sights from the Palestinian side, including close-ups of the dead and wounded, and of crying and suffering Palestinians. Meanwhile, reports of attacks on Israel are normally covered briefly and in a sterile manner, with no proportion to the descriptions of what is happening in Gaza. In addition, clips aired between programs constitute genuine incitement, while interviews and discussions aired at this time are completely one-sided and anti-Israel.
  2. The situation on the ground is directly affected by the nature of al-Jazeera reports. The protests against Israel, the condemnations, the actions, and the positions adopted against it in the Arab world and elsewhere are a direct result of the one-sided coverage of this channel - based in Qatar and allowed to operate in Israel freely.

Kedar hat verschiedene Theorien über die Beweggründe der antisemitisch und antizionisitschen Berichterstattung des arabischen Senders aufgestellt. Zum einen könnte die fundamentalistisch-islamistische Muslimbruderschaft, die den Sender übernommen hat, Einfluss auf den Sender genommen haben, zum weiteren könnten aber auch die katarischen Scheichs über den Sender ihren Status in der arabischen Welt weiter ausbauen oder es könnte auch das Ziel von Öl-Milliardären aus dem Golf sein, ihre Korruption durch die Kritik an die USA oder Israel zu verschleiern. Wie auch immer sieht Kedar in Al-Jazeera eine Gefahr, von der aus Terror und islamistische und antizionistische Ideologien gefördert werden, der man nur mit der Schließung des Senders entgegen gehen könne. Ob Kedar damit allerdings den Antisemitismus und Antizionismus in der arabischen Welt allein eindämmen kann, bezweifel ich.

Quellen und weiterführende Literatur

Dieser Beitrag erschien zuerst auf andersdenken20.de.

Photo: Bala Sub via flickr (creative commons)

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6 Reaktionen zu “Willkommen im Nahostsalat! : Mediensalat”

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  1. Hugo Maternas

    am 16. Januar 2009 um 09:29 Uhr | Link | Kommentar melden

    Unausgewogen ist der Bericht in den “Qualitätsmedien” über den israelischen Einsatz von Uran-, Phosphor- und Clusterbomben tatsächlich.

    Unausgewogen ist der Bericht in den “Qualitätsmedien” über jüdische Stimmen gegen den Krieg wie z.B. Dr. Rolf Verleger mit >>Gaza Der böse, böse Nachbar

  2. Lukas Lehmann

    am 16. Januar 2009 um 16:49 Uhr | Link | Kommentar melden

    Sie haben Evelyn Hecht-Galinski, Uri Avneri, Daniel Barenboim und Uri Geller vergessen…sind alles Israelkritiker, die man besonders gut zur eigenen israelkritik zitieren kann…ganz und allein weil sie Juden sind und deshalb man ja selbst nicht in den Antisemitismusverdacht kommen kann…

  3. Hugo Maternas

    am 18. Januar 2009 um 14:39 Uhr | Link | Kommentar melden

    Sehr gut absolut Nicht auf den Artikel “Gaza Der böse, böse Nachbar” eingegangen.

    Evelyn Hecht-Galinski, Uri Avnery (”Geschmolzenes Blei”), sind im übrigen auch sehr gute Namen, aber Antisemitismusverdacht z.B. Evelyn Hecht-Galinski, die Tochter des langjährigen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Heinz Galinsk, wird als Antisemitin beschimpft und nicht nur wegen “Mörderische Selbstverteidigung bis zum bitteren Ende”.

    Und zu Herrn Geller, der hätte die 911 (T)Ele-phanten der Bush-Regierung sicher besser fliegen lassen können als uns dies in der Original Show gezeigt wurde.

    “Gaza Der böse, böse Nachbar” da haben also alteingesessene Juden und neu zugezogene Zionisten im Haus Nah-Ost 5 Wohnungen redlich von den Vorbesitzern erworben. Nun geschah es, dass die Zionisten 55 weitere Wohnungen von den bisherigen Eigentümern sich Gratis aneigneten. Damit nicht genug, bis zum Jahr 2000 hatten die “lieben” nationalen Zionisten die bisherigen Eigentümer in 10 Wohnungen zusammen getrieben, wo gehungert werden “durfte”, und beanspruchten selbst 90 Wohnungen.

    Voll krass der Antisemitismusverdacht, oder was meinen …

  4. Lukas Lehmann

    am 18. Januar 2009 um 14:48 Uhr | Link | Kommentar melden

    @Hugo Maternas: Auf so ein unsachliches Niveau werde ich die Debatte sicher mit Ihnen nicht weiterführen.

  5. Hugo Maternas

    am 19. Januar 2009 um 10:40 Uhr | Link | Kommentar melden

    “Antisemitismus” und oder “unsachliches Niveau”; können Sie auch noch etwas anderes sagen?

    Was ist an dem Beispiel mit den Hundert Wohnungen im Haus Nah-Ost (welches frei nach “Gaza Der böse, böse Nachbar” von ROLF VERLEGER) unsachliches Niveau, wie Sie zu behaupten belieben?

    Aus Uri Avnery (”Geschmolzenes Blei”),

    >>Die Hamasherrschaft liquidieren? Dies klingt fast wie ein Kapitel aus dem berühmten Buch von Barbara Tuchman „Der Marsch der Dummen“. Schließlich ist es kein Geheimnis, dass es die israelische Regierung war, die die Hamas anfangs mit aufbaute. Als ich einmal einen früheren Shin-Bet-Chef, Yacob Peri, darüber fragte, gab er eine seltsame Antwort: „Wir haben sie nicht geschaffen, aber wir behinderten auch ihre Entstehung nicht.“

  6. Hugo Maternas

    am 19. Januar 2009 um 10:44 Uhr | Link | Kommentar melden

    Fortsetzung: ….. und Ihr sachliches Antwort-Niveau dazu?

    Oder wagt überhaupt ein Befürworter der Israelischen Politik eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem was jüdische Stimmen gegen den Krieg sagen?

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