Doku-Soaps überschwemmen den Fernsehmarkt wie kein anderes Format. Warum? Nichts ist langweiliger als ein Spiel ohne Gewinner. Resümee eines Drehtages:
Lena H. steht etwas verloren im Friseursalon Straub in einer bayerischen Kleinstadt und knetet sich nervös die Hände. Eigentlich wollte sie nur eine Ausbildungsstelle. Jetzt ist sie Teil der Pro Sieben Doku-Soap “Deine Chance” und kämpft mit zwei anderen Bewerberinnen um ihren Traumjob. Aufgeregt seien sie jedes Mal wieder, berichten auch die Bewerberinnen Anna D. und Stefanie S. unisono. “Besonders wenn alles, von dem man gedacht hat, dass man es kann, bei laufender Kamera schief geht.” In verschiedenen Prüfungen müssen die drei Schülerinnen ihrer neuen Chefin in spe beweisen, dass sie das Zeug zu einer Ausbildung beim Intercoiffeur haben.
Die neue Chefin wäre dann Carina Straub. Eine Agentur habe sie angeschrieben, ob sie nicht Lust habe ihre Auszubildenden im Rahmen einer Fernsehshow zu suchen. Ein Angebot von Vox lehnte sie ab. Zu unseriös. ProSieben habe ihr dann mehr zu gesagt. Man erhoffe sich dadurch einen höheren Bekanntheitsgrad. Als Salon in der Provinz habe man es eben ein bisschen schwerer als die Kollegen in Berlin, erzählt auch Vater Peter Straub, der diesen Salon an seine Tochter abgegeben hat.
Wann die Aufzeichnung mit den Schülerinnen ausgestrahlt wird, steht noch nicht fest, vermutlich im Mai. Klar ist aber: Durchschnittlich 0,91 Millionen Zuschauer werden die Sendung verfolgen. Das entspricht laut “SevenOne Media Marketing and Research” immerhin einem Marktanteil von 6,7 Prozent. Mit positiver PR für den Laden ist daher jedenfalls zu rechnen.
“Was ist denn das für ein Satz gewesen?”
Deswegen stehen nun zwei Kamerateams im Salon. Redakteurin Miria Baarlage hat die Verantwortung. Sie denkt sich nicht nur die verschiedenen Aufgaben aus, nach denen die Bewerberinnen dann bewertet werden, sie steht ihnen auch tatkräftig zur Seite. Denn eines müssen die Kandidatinnen vor der Kamera auf einmal völlig neu lernen: Sprechen. Im Einzelinterview stellt Baarlage den Schülerinnen fragen darüber, was sie falsch und was sie gut gemacht haben. Aus den Wortfetzen, die die angehenden Friseurinnen ihr hinwerfen, formt sie dann einen Satz, den es zu wiederholen gilt. Doch die Aufregung ist groß. “Was ist denn das für ein Satz gewesen?”, fragt Baarlage immer wieder. Nie unfreundlich, aber bestimmt. Die Dreharbeiten für eine Szene von nur 30 Sekunden können so etliche Zeit in Anspruch nehmen. Zehn Wiederholungen ein und des selben Satzes sind keine Seltenheit.
Die Profis nehmen es gelassen. Im Auftrag der Produktionsfirma Janus TV, die wiederum im Auftrag von ProSieben Sendungen abdreht, produzieren sie Shows wie “Deine Chance” am Fließband. Mal für Kabel eins, mal für andere Sender. Die Soaps heißen dann einfach nur anders, und die Schwerpunkte werden anders gesetzt.
“Dreharbeiten von drei Tagen á 48 Stunden!”
“Ich hab ja gewusst, dass es anstrengend werden würde”, Carina Straub kommt kaum dazu einen klaren Gedanken zu fassen, so beschäftigt ist sie mit den Dreharbeiten. Die lockere Stimmung des Produktionsteams helfe aber viel. “Sonst wäre es nicht zu schaffen.” Für eine dreiviertel Stunde von “Deine Chance” veranschlagt Redakteurin Baarlage scherzhaft “Dreharbeiten von drei Tagen á 48 Stunden!” Gedreht wird von früh bis spät. “Morgens Pizza, mittags Pizza, abends Pizza”, sagt Peter Straub. Zeit für große Pausen bleibt nicht. Auch die Tontechnik arbeitet höchst effizient. Die Mikrophone laufen rund um die Uhr und übertragen jederzeit via Funk, damit der Techniker alle Regler vor dem Dreh immer optimal einstellen kann. “Die Mädchen wissen, dass die Mikros laufen, aber das vergessen sie natürlich.” Er reicht den Kopfhörer rüber. Stephanie erzählt im Pausenraum offensichtlich gerade ihren Mitbewerberinnen von ihrem Freund. Der Tontechniker grinst wissend: “Was ich da schon alles mit anhören musste…” Interessieren tut es ihn schon lange nicht mehr. Der Ton passt, es kann weiter gehen.
Es geht an die nächste Prüfung, in der Lena drei Minuten Zeit hat, Fehler im Salon aufzuspüren. Neben Dreck auf dem Boden hat das Team auch eine Glühbirne locker gedreht und ein Messer auf dem Tisch liegen lassen. Sie ist auf diese “realitätsnahen”, wie Peter Straub sagt, Aufgaben gut vorbereitet. Fast jede Folge von “Deine Chance” habe sie bisher gesehen. Miria Baarlage räumt denn auch ein, dass ihr bei den Prüfungen langsam die Ideen ausgehen. “Friseur ist eben Friseur.”
Eigeninitiative, Improvisation und natürlich Talent
Dabei gehe es ohnehin bei der Auswahl der Bewerberinnen nicht darum, dass sie alles perfekt können, erklärt Carina Straub. “Wichtiger ist das wie!” Eigeninitiative, Improvisation und natürlich Talent, seien die ausschlaggebenden Faktoren. Schließlich könne man von Schülerinnen nicht die Leistung ausgebildeter Kräfte voraussetzen.
Anna, Lena und Stefanie jedenfalls geben sich alle Mühe und kämpfen hart um den Job. “Dabei fließen auch schon mal ein paar Tränchen”, so Peter Straub. Das sei Spannung und Emotion. “Na klar, der Kunde will so was sehen.” Die Tränen sind allerdings überflüssig. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden ohnehin alle drei einen Ausbildungsplatz bekommen. Zur Not in einem der vier anderen Salons der “Straub2-Kette. In einem regulären Bewerbungsverfahren wurden sie aus einem guten Dutzend anderer Bewerberinnen als die besten drei ausgewählt. Etwa fünf Auszubildende werden jährlich eingestellt. Der Rest ist Mathematik. Einzige Bedingung ist die Geheimhaltung. In einem Vertrag musste sich das Unternehmen verpflichten, den Kandidatinnen nichts zu verraten. Eine Casting Agentur von Janus TV musste dann nur noch überprüfen, ob sie auch für das Fernsehen geeignet sind, so Baarlage.
Wer also ein Top-Friseur ist, aber den Mund nicht aufbekommt, “kann trotzdem seinen Traumberuf bekommen. Aber dann nicht mit uns im Fernsehen!” Die drei Mädels eilen zur nächsten Prüfung. Am Ende gewinnt Lena. Wichtig ist das für ihr Leben nicht.
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