Am Wochenende stehen in Hessen Neuwahlen an. Zur Urne gerufen sind dabei auch einige junge Menschen, die bei der vergangenen Wahl noch nicht in Hessen lebten: Erstsemesterstudenten. Sie kamen nach Hessen, nachdem die Studiengebühren, eines der zentralen Wahlkampfthemen des Vorjahres, abgeschafft wurden. Für viele war die Abschaffung der Gebühren der entscheidende Grund, nach Hessen zu kommen. Die jetzige Wahl sehen diese Neuhessen aus ihrer ganz eigenen Perspektive.
Geht man streng nach den Wahlprogrammen, ist keine der derzeit im Landtag vertretenen Parteien für eine sofortige Wiedereinführung von Studiengebühren. Die CDU schreibt, sie wolle an der Abschaffung festhalten. Und bei der FDP setzte sich jüngst überraschend ein Antrag der Jungen Liberalen knapp durch, der ein gebührenfreies Erststudium in der nächsten Legislaturperiode vorsieht. Dennoch sind viele Studenten kritisch.
Viele Studenten trauen den Wahlkampfaussagen von CDU und FDP nicht
Roland Koch, Spitzenkandidat der CDU, führte die Gebühren einst ein. FDP-Spitzenkandidat, Jörg-Uwe Hahn nannte die Abschaffung der Gebühren auf dem FDP-Landesparteitag einen “Fehler” und sagte, dass seine Partei es den Hochschulen möglich machen würde, Gebühren zu erheben. Freilich, dies war vor der Studiengebühr-Abstimmung mit ihrem überraschenden Ausgang, aber dennoch trauen viele Studenten den Wahlkampfaussagen von CDU und FDP nicht. Wenn man sich ihre Schicksale, ihre Geschichten genauer ansieht, weiß man warum. Eine dieser Studenten ist Jana* aus Kassel.
Zusammengefasst klingt die von ihr erzählte Geschichte etwa so: Jana kommt ursprünglich aus der Nähe von Magdeburg. Seit diesem Semester lebt sie in Kassel, um Wirtschaftsromanistik und Spanisch zu studieren. Später möchte sie einmal Eventmanagerin werden. Vor dem Studium hat sie als Kassiererin das Geld für den Start in Kassel erarbeitet. Doch in Hessen angekommen wurden die Kosten deutlich höher als erwartet, immer weitere Ausgaben kamen auf die 19-Jährige zu. Jana hatte Angst und wusste nicht, wie sie alles bezahlen sollte. Ihr Geld reichte letzten Endes grade noch für den Semesterbeitrag.
Das angesparte Geld war daraufhin vollkommen aufgebraucht, zusätzliche 500 Euro Studiengebühren hätte sie nicht aufbringen können. “Ich hätte aufhören müssen, bevor ich angefangen habe!”, blickt sie zurück und man merkt ihr noch deutlich die damalige Angst an.
Mittlerweile lebt die Erstsemesterstudentin allein vom Geld ihrer Mutter, wie sie berichtet. Mit Miete, Lebensunterhalt und laufenden Kosten für das Studium seien dies rund 700 Euro im Monat. Ihr Bachelorstudium lässt kaum Zeit für einen Nebenberuf, trotzdem ist die 19-Jährige auf Jobsuche. Denn das Geld ihrer Mutter sei knapp, unter anderem weil der leibliche Vater Unterhaltszahlungen verweigere. Bafög bekommt Jana nicht. Auch heute wären Studiengebühren noch immer das Aus für sie. 500 Euro mehr im Semester glaubt die Studentin nicht auftreiben zu können. “Wenn es Studiengebühren gäbe, müsste ich wahrscheinlich aufhören zu studieren”, macht Jana klar.
“Ich finde es unfair, dass Bildung vom Geld abhängig ist”
Dabei ist Kassel bereits zweite Wahl. Lieber wäre sie nach Freiburg gegangen, die Zusage hatte sie schon in der Tasche. Doch finanziell war ihr Wunschstudienort nicht zu realisieren, berichtet Jana enttäuscht. “Ich finde es unfair, dass Bildung vom Geld abhängig ist”, schiebt sie hinterher. Geld. Genau darum könnte es sich bald auch in Kassel wieder drehen. Deshalb dachte sie bereits über einen Kredit für den Fall der Fälle nach. Das Für und Wider hat sie noch nicht endgültig abgewogen. Sie hofft, die Entscheidung nicht treffen zu müssen. Denn ihr Studium möchte sie auf keinen Fall abbrechen. Vor der Verschuldung hat sie auf der anderen Seite auch zu viel Angst: “Mit 19 schon total verschulden ist sicher kein toller Start in meine Zukunft”, meint Jana, die sich zudem nicht sicher ist, ob sie überhaupt einen Kredit bekäme.
Doch nicht nur Jana kam aus finanziellen Gründen nach Hessen: Christian, 20 Jahre alt, studiert Biologie in Marburg. Ursprünglich kommt er aus Baden-Württemberg. Wegen der Gebühren in seiner Heimat kam er nach Hessen. Mit der Möglichkeit von Gebühren auch in Hessen, hat er sich bereits beschäftigt: “Falls die CDU aus den Neuwahlen als Sieger hervor geht und die Studiengebühren wieder einführt, würde ich wahrscheinlich wieder nach Baden-Württemberg ziehen und dort weiter studieren.”
Ein Studienort möglichst nah bei der Wohnung seiner Eltern schwebt ihm vor Augen, um so Kosten zu sparen. Dennoch sei ein zusätzlicher Nebenjob in seinen Augen auch dann “zwingend notwendig, um wenigstens die Studiengebühren jedes Semester vom eigenen Geld bezahlen zu können”. Ein Bedürfnis, das auch Jan (24), Student der Elektrotechnik in Darmstadt hat. Auch er würde sich bei Studiengebühren einen weiteren Job suchen müssen, da er seiner Mutter nicht noch zusätzlich “auf der Tasche liegen” möchte. Mit dieser Einstellung stehen Christian und Jan nicht alleine da, vielen Studenten bereitet es Unbehagen allein vom Geld der Eltern zu leben.
Auch Christians Kommilitonin Stephanie (20) kam nach Marburg, weil dort die Studiengebühren abgeschafft wurden. Sie wäre nach eigenen Angaben “wohl gezwungen die Universität zu wechseln”, sollten die Gebühren wieder kommen. Eine zusätzliche Arbeitsstelle will sie nicht annehmen, aus Angst, ihr Abschluss könne darunter leiden. Außerdem glaubt sie nicht daran, schnell eine passende Stelle zu finden: “Ich denke, wenn wieder Studiengebühren anfallen, wird der Arbeitsmarkt sowieso mit suchenden Studenten überfüllt”, so Stephanie.
“Notwendigkeit zu jobben für bestimmte Studierendengruppen gestiegen”
Anke Wiertelorz von Campusoffice Darmstadt, einer Nebenjob-Beratungsstelle für Studenten, sieht für diese Sorge keine Grundlage. “Aus meinen Erfahrungen habe ich mit oder ohne Studiengebühren keine steigende oder sinkende Nachfrage nach Studierendenjobs bemerken können”, berichtet die Beraterin, die für die Hochschule Darmstadt zuständig ist. Ihr Kollege Filippo Rinallo, zuständig für die Technische Universität Darmstadt, betont, dass man die Frage nach erhöhter Nebenjob-Nachfrage nicht mit Sicherheit beantworten könne. In seinen Augen steht jedoch fest, “dass die Notwendigkeit zu jobben für bestimmte Studierendengruppen gestiegen ist.” Hier nennt er in erster Linie Studenten, die keine finanzielle Unterstützung durch Eltern bekommen.
Mit oder ohne Flut von Arbeitssuchenden: Die meisten Studenten haben Angst vor einer zusätzlichen finanziellen und daraus resultierenden zeitlichen Belastung. Paulina aus Göttingen ist ein weiteres Beispiel. Sie studiert Soziologie im etwa 50 Kilometer entferntem Kassel, um keine Gebühren zu zahlen. Zusätzliches Geld für selbige aufzutreiben hält sie für “keine Frage von den Fernseher abends vom Stand-by abzuschalten”. Ihre Niedersächsische Landesregierung sieht dies anders: Dr. Georg Nienaber von der CDU-Niedersachsen verweist auf Nachfrage auf zinsgünstige Darlehen, die Studenten beantragen könnten. Zudem seien die Studienanfängerzahlen in Niedersachsen gestiegen- um neun Prozent. Laut Nienaber würde diese Zahl zeigen, “dass die Studierenden nicht abgeschreckt werden”. Der niedersächsischen CDU zufolge sind Studienbeiträge zudem im Interesse der Steuerzahler, da diese “eine angemessene Teilhabe der Studierenden an den Kosten ihrer Hochschulausbildung erwarten”. Die Aussage der CDU-Baden-Württemberg zu diesem Thema sieht inhaltlich genauso aus.
Johann (20), Geschichtsstudent an der Uni Frankfurt, hält dies für eine Politik, die Studenten zum Kunden ihrer Hochschule macht, was er ablehnt. Deshalb habe er sich bereits im zurückliegenden Wahlkampf für SPD und Grüne eingesetzt. Damit ist er nicht allein in der Studentenlandschaft. Edeela Mahmood vom AStA der Hochschule Darmstadt erwähnt mehrere Protestaktionen im Wahlkampf. In der Studentenvertretung traut man ihr zufolge den Aussagen der Politiker vor der Wahl nicht und hält die Wahrscheinlichkeit einer Wiedereinführung der Studiengebühren durch die bürgerlichen Parteien für sehr hoch. “Wenn man sich die Geschichte der Parteien und Politiker anschaut, dann sieht man, wie realistisch die Wiedereinführung ist.” Ähnlich sieht es auch Sarah Sorge, Vizepräsidentin des hessischen Landtags und Sprecherin für Wissenschaft, Kultur und Sport bei Bündnis 90 die Grünen. Sie schreibt: “Wenn man, so wie ich, die Argumente der CDU zum Thema Studiengebühren in den letzten Wochen und Monaten und Jahren sehr nah verfolgt hat, dann ist die neue Positionierung von Herrn Koch alles andere als glaubwürdig.”
Freilich, ob die Studiengebühren in Hessen wieder kommen, selbst bei einer schwarz-gelben Regierung, ist ungewiss. Schenkt man den Politikern glauben, sieht es derzeit nicht danach aus. Dennoch: Für Jana und viele andere Jugendliche, die grade erst ihr Studium in Hessen begonnen haben, ist dieses Thema existenziell. Für sie könnte davon abhängen, wie ihr weiteres Leben verläuft. Sie sind die Gesichter hinter der mit Zahlen und Statistiken geführten Pro- und Kontra-Debatte zu Studiengebühren. Und dass sie nun am Sonntag den hessischen Landtag mit wählen, hatte nicht zuletzt mit den politischen Ereignissen des zurückliegenden Jahres zu tun.
*Name auf Wunsch der Studentin geändert
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