Think Pink? Was bringt eigentlich Positives Denken?

Nun, da Sie die Gute-Vorsatz-Nummer inzwischen wieder abgehakt haben dürften und längst wieder angefangen haben, zu rauchen, zu saufen und gemein zu Ihrem Partner/Ihrer Partnerin zu sein könnte es sich ja begeben, dass Sie im beiseite getretenen Geschenkestapel eines dieser Selbsthilfebücher finden, das Ihre Kinder oder wohlmeinende Arbeitskollegen oder so

zudguo1.jpgNun, da Sie die Gute-Vorsatz-Nummer inzwischen wieder abgehakt haben dürften und längst wieder angefangen haben, zu rauchen, zu saufen und gemein zu Ihrem Partner/Ihrer Partnerin zu sein könnte es sich ja begeben, dass Sie im beiseite getretenen Geschenkestapel eines dieser Selbsthilfebücher finden, das Ihre Kinder oder wohlmeinende Arbeitskollegen oder so genannte Freunde Ihnen in der Hoffnung geschenkt haben, Sie würden 2009 nicht ganz so depressiv und mies gelaunt durch den Tag schlurfen. Doch psychologisch gesehen: Bringen die vielen Bücher und CDs aus der Wir-sind-was-wir-denken-Ecke eigentlich was?

Millionenauflagen mit Allerweltsweisheiten?

Seit Jahrtausenden wird bereits die Macht der Gedanken beschworen, bereits die Bibel enthält entsprechende Aussagen („Alles ist möglich, dem der glaubt“, Marcus, 9,23). Zahlreiche Philosophen legten daneben die Grundlage für die (passenderweise in der Nachwendezeit in Deutschland zuletzt populäre) Motivations- und Optimismuswelle, die wie so vieles geistig Griffige natürlich aus Übersee importiert wurde. Der amerikanische und der deutsche Optimismus mögen sich an einigen Stellen unterscheiden, gleich sind sie sich indes in der Verbreitung wohlklingender Allerweltsweisheiten, die sich bestenfalls aus dem Konzept des Konstruktivismus theoretisch begründen. Letzterer geht als philosophische Strömung in seiner radikalsten Form davon aus, dass die Wirklichkeit nicht existiert, sondern von uns erdacht, ja, erfunden wird. Dies führt zu verkaufsfördernden Statements wie „Alles ist möglich durch die Kraft positiven Denkens“, „Wir sind, was wir denken“ usw. bis hin zu Heilsversprechen a la „Den Krebs besiegen, durch die Kraft der Vorstellung“. Als aufgeklärter Bürger kann man da nur den Kopf schütteln. Oder?

Ist positives Denken vielleicht sogar gefährlich?

Positives Denken macht krank!“ behauptet dagegen Günter Scheich, Autor des gleichnamigen Buches, welcher die „Diktatur des positiven Denkens“ als „totalitäre Methode“ im Sinne Orwells geißelt und kritisiert, es werde von profitgeilen Psycho-Gurus mit Hilfe einer „Schmalspurpsychologie“ eine quasireligiöse Verpflichtung für eine selbst initiierte Gehirnwäsche geschaffen. Fürwahr, der Psychomarkt boomt nicht nur in Zeiten der Krise vor allem dank einfacher Heilsversprechen – und alle Pessimisten dieser Welt müssten sich gemäß dieser Ideologie für jedes schicksalhafte Unglück auch noch verantwortlich fühlen, a la „Ich habe Krebs bekommen, weil ich nicht positiv gedacht habe.“ Etwas differenzierter ließe sich tatsächlich vermuten, dass Optimisten weitaus riskanter leben: das Klappern des Motors wird sicher nicht so schlimm sein, denken sie und steigen fröhlich ins Auto, investieren ihr Geld in Hochrisiko-Fonds und gehen trotz der anhaltenden Kopfschmerzen nicht zum Arzt, weil sie naturgemäß an die am wenigsten schlimmste Erklärung glauben.

Handfeste Zusammenhänge – wo Positives Denken, da Gesundheit und Glück

Wie die Psychologieprofessorin Astrid Schütz in einer gelungenen Übersicht einer Vielzahl von Studien darstellt, gibt es allerdings handfeste positive Zusammenhänge zwischen einer positiven Grundeinstellung und verschiedensten Gesundheitsmaßen. Positives Denken im Sinne optimistischer Erwartungen, sich selbst und die Umwelt erfolgswirksam kontrollieren zu können, hängt demnach nachweislich mit einem besseren Gesundheitsverhalten und einer guten körperlichen Verfassung zusammen – bis hin zu einem besseren Imunstatus, günstigeren Verläufen bei Operationen, höherer emotionaler Ausgeglichenheit und geringerem Belastungserleben. Auch hinsichtlich des Erfolgs bei der Veränderung gesundheitsschädlicher Verhaltensweisen spielt Positives Denken eine wichtige Rolle, ebenso bei der Überwindung biografischer Engpässe. Optimisten gehen nicht nur gut mit ihrer Gesundheit um (und schmieden im Krankheitsfall auch schneller wieder Pläne für ihre Gesundung), sie stellen sich auch aktiv vor, wie sie Probleme bewältigen werden. Neuropsychologisch gesehen stimmen sie so ihr Gehirn auf erfolgswirksame Verhaltensweisen ein. Zudem trennen sie sich seltener: sie erklären sich negative Verhaltensweisen ihrer Partner nicht pessimistisch, sondern glauben an Veränderungen.

Das Henne-Ei-Problem – wo Gesundheit und Glück, da Positives Denken?

Allerdings stellt sich hier wie bei allen Zusammenhängen das leidige Henne-Ei-Problem: Menschen, die glücklicherweise über eine erfolgswirksam kontrollierbare Umwelt, eine gute Gesundheit und einigermaßen erträgliche Partner verfügen sollten zwangsläufig positiv denken. Insofern könnte das Positive Denken lediglich eine Folge allgemeinen Lebensglücks sein. Dessen ungeachtet stellt sich auch die Frage, ob positives Denken vielleicht gar nicht gesund, negatives Denken aber krank macht – denn als erwiesen dürfte gelten, dass negative Gedanken zu negativen Gefühlen führen, diese erzeugen Stress und der wiederum schädigt über Stresshormone wie z.B. Cortisol das Herz-Kreislauf-System.

Entscheidend ist, dass man sich selber kennt – und situationsangemessen verhält

Studien zu Problembewältigungsstilen von Optimisten und Pessimisten zeigen, dass es von der Art der Anforderung abhängen kann, inwieweit sich Positives oder Negatives Denken bewährt. Wenn eine Aufgabe unlösbar oder eine Situation unkontrollierbar ist, kann es sehr gesundheitsförderlich sein, pessimistisch aufzugeben. Hierbei sind Optimisten definitiv im Nachteil, da sie unter Umständen viel zu lange versuchen, die Lösung an die sie glauben zu finden und bei unlösbaren Aufgaben entsprechend höhere Stresswerte zeigen. Entscheidend ist zudem, dass man sich selber kennt und das Ausmaß der Verzerrung einer Situationswahrnehmung berücksichtigt. Auf diesem Weg kann man sich realistisch motivieren, wo bewältigbare Herausforderungen vor einem liegen – und da aufgeben, wo Weitermachen nur Kraft und Nerven kostet.

Buchtipp: Schütz, Astrid (2007): Positives Denken: Vorteile – Risiken – Alternativen. Kohlhammer, ISBN-10: 3170181823

Bildquelle: pixelio.de (geralt)

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  1. Wenn sich positives Denken lediglich auf eine anti-pessimistische Grundeinstellung beschränkt, ist nichts dagegen einzuwenden. Sobald sich die Sache aber steigert und zur Idiotie ausartet, kein klares Urteilsvermögen mehr zuläßt, kann positives Denken
    selbstmörderisch werden. Auf alle Fälle geht es aber immer in Richtung Selbstbetrug.
    Ich bevorzuge daher realistisches Denken.

    Bernd Stichler