Dortmund: Strafaktion gegen “bissiges” Kabarett

Mit Kritik zurechtzukommen ist bekanntlich nicht jedermanns Sache. Dennoch ist Kritik zuweilen nötig. Wer wird das bestreiten wollen? Auch die Tatsache, dass wir  das – weltweit gesehen – an sich seltene Glück haben, in einer Demokratie zu leben, führt bei weitem nicht dazu, dass auch alle Menschen automatisch mit deren

rtzuik.jpgMit Kritik zurechtzukommen ist bekanntlich nicht jedermanns Sache. Dennoch ist Kritik zuweilen nötig. Wer wird das bestreiten wollen? Auch die Tatsache, dass wir  das – weltweit gesehen – an sich seltene Glück haben, in einer Demokratie zu leben, führt bei weitem nicht dazu, dass auch alle Menschen automatisch mit deren Institutionen und den damit verbundenen Rechten glücklich sind. Dies liegt in der Natur der Sache. Deshalb kann es verständlicherweise mitunter verdammt schwer sein, die demokratische(n) Freiheit(en) Tag und Nacht auszuhalten. Doch damit nicht genug: Es gibt sogar mehr oder weniger von Menschenhand geführte Einrichtungen in unseren Land, denen schon nach nur wenigen Minuten Satire der Papierkragen platzt. Länger dauert doch ein Song kaum, oder?

Pannen, ein Pannekopp und eine Provinzposse…

Dortmund ist wirklich eine tolle Stadt. Sie wird sogar von vielen Bürgerinnen und Bürgern im Rest Deutschlands weit unterschätzt. Vor allem Herzlichkeit ist der eigentliche Trumpf dieser Stadt . Mit Kohle und Stahl ist es dagegen nicht mehr weit her. Auch Bierstadt Nr. 1 in Europa dürfte die Stadt längst nicht mehr sein. Vom Hauptbahnhof der Stadt, der seit bald zwanzig Jahren – und den irrwitzigsten, schließlich nie verwirklichten Ideen, dies ins Werk zu setzten, vergeblich auf eine vernünftige Renovierung wartet, wollen wir hier betreten schweigen. Nur soviel: Man nennt ihn auch “Pommesbude mit Gleisanschluss”. Ein ehemaliges Industriegelände von Hoesch-Stahl soll quasi mitten in der Stadt zu einem Naherholungsgelände mit einem beachtlich großen künstlichen “Phoenix-See” werden. Doch auch mit dem Gewässer haperts noch. Gleiches – achgottachgott! – gilt für den Fußballklub BVB 09 – Borussia Dortmund. Und noch gar nicht so lang ist es her, dass aus der Stadtkasse ein Milliönchen sozusagen mirnichtsdirnichts “entfleuchen” konnte. So viel bad news!
Nicht genug, dass ein bekannter SPD-Politiker der Stadt die karnevalistische “Auszeichnung” Pannekopp des Jahres erhalten könnte (man hört, Franz-Josef Drabig würde sie sogar annehmen, Respekt!); nun macht die Stadt abermals negative Schlagzeilen! Die mit der knalligen Neubezeichnung DEW 21 (Dortmunder Energie und Wasser) hochtrabend in die Zukunft blickenden, vormals stinknormalen Dortmunder Stadtwerke, welche auch für den hochdefizitären Airport der Stadt verantwortlich zeichnen, stießen sich kürzlich an einem flughafenkritischen Song. Dieser wurde auf der Brettl-Bühne des in Dortmund inzwischen alteingesessenen, beliebten “Cabaret Queue” zum Besten gegeben. Was hat das nun mit der DEW 21 zutun? Nun: Die Stadtwerke tun seit Jahren auch Gutes für die Kultur. Kurz und gut: die obersten Stadtwerker sponserten das “Cabaret Queue” ein wenig. Von 5000 Euro ist die Rede. Jährlich. Nicht so viel für die DEW 21 – für die Kabarettisten und ihr Restaurant, welches gleichermaßen ein Bistro beherbergt, sowie Comedy- und Musikbühne ist, wo auch Partys gefeiert werden können, jedoch eine ganze Menge Holz. Jedenfalls dann, wenn durch eine einzige Veranstaltung im besten aller Fälle nur wenige hundert Euro einzuspielen sind. Nach der gesungenen Flughafenkritik soll nun Schluß damit sein: DEW 21 reagierte wie eine beleidigte Leberwurst und strich kurzerhand die Kohle! Man konnte und wollte die Airport-Satire offenbar einfach nicht verknusen. Wie kleinlich! In der Tat: eine Provinzposse! Schon der olle Geheimrat Goethe wusste zu derlei Intoleranz das Folgende zu bemerken: “Wer sich nicht selbst zum Besten halten kann, der ist gewiß nicht von den Besten!”

Cabaret Queue blickt nach vorn – DEW 21 steht gar nicht gut da

Die Kabarettisten sind not amused über die kleinbürgerlich anmutende Strafaktion der Stadtwerker. Wie könnte es anders sein. Jedoch, so teilten sie der Presse mit, wüsste man freilich genau, dass kein Anspruch auf das zwar kleine, aber fürs Kabarett feine, Zubrot bestünde. Deshalb will das Cabaret Queue nun auch nach vorn schauen, die Zähne zusammenbeißen, lieber straffer rechnen als  jammern, aber dennoch weitermachen. Recht so! DEW 21 aber steht nach seiner offenbar reichlich unüberlegten Überreaktion gar nicht so gut in der Öffentlichkeit da. Es könnte sogar passieren, dass sich nun manche Strom- oder Gaskunden überlegen, ihrerseits Kritik an den Stadtwerken zu üben, indem sie einfach zu einem Ökoenergieanbieter wechseln…

Kritik auch vom grünen Oberbürgermeisterkandidaten

Der Fraktionsprecher und OB-Kandidat von Bündnis 90/Grüne, Mario Krüger, bemerkte zur Einstellung des Sponsorings durch DEW 21: “Wer das Cabaret Queue sponsert, der weiß, dass er es dort mit kritischen Geistern zutun hat, die das Geschehen in der Stadt bissig, unkonventionell und humorvoll kommentieren, dabei kein Blatt vor den Mund nehmen. Wir gehen davon aus, dass auch DEW 21 das wusste und in der Hoffnung gesponsert hat, dass ein wenig Glanz des Kabaretts auf die DEW selber abfällt…” Es zeuge von wenig Souverenität, so hieß es weiter, wenn man bewußt bissiges Kabarett sponsert und dann beim ersten Biss, der einen selber trifft, gleich verduftet. “Erst recht dann, wenn die kritisierten Äußerungen zum Flughafen gar nichts mit dem Programm des Cabaret Queue, sondern mit privatem Engagement einzelner KünstlerInnen gegen einen weiteren Ausbau des Flughafens zutun haben.” Im Übrigen seien die Äußerungen zur Finanzierung des Flughafendefizits richtig. Die bisherigen und künftigen Verluste des Dortmunder Flughafens von über 320 Millionen Euro bis zum Jahr 2013 würden u.a. durch die Gewinne der DEW 21 bei Gas, Wasser und Strom kompensiert. Ein Ausbau des Airports würde die Verluste, so Mario Krüger, noch weiter ansteigen lassen. Dies sei “ökologisch wie finanzwirtschaftlich” unverantwortlich.

DEW 21 hat sich mit seiner verengten Sichtweise nicht nur ziemlich lächerlich gemacht. Man hat sich womöglich auch ins eigne Bein geschossen. Denn, dass der humor- und toleranzlose Sponsor, die Dortmunder Kabarettisten nun erst recht zu neuen bissigen Texten beflügelt hat, darf angenommen werden…

- – -

Photo: Gerd Altmann via pixelio.de

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*