Als Zuschauer der Radio-Bremen-Talkshow “3nach9″ wartete man Freitagabend sehnsüchtig darauf, dass er endlich an die Reihe kam: Peter Scholl-Latour. Schließlich war es dann soweit. Angekündigt wurde der Journalist, langjährige Fernsehkorrespondent und Buchautor als “der letzte große Welterklärer”. Nun ja. Das ist in keiner Weise verkehrt. Medienleute von seinem Schlage, die nicht nur hochgebildet sind, sich durch zahlreiche Reisen in nahezu alle Länder der Welt bestens informiert über deren Geschichte und Politik zeigen, sondern auch noch in der Kultur der Völker, über die sie berichten und schreiben, als bestens bewandert erweisen, sind rar. Dazu kommt Scholl-Latours enorme Kompetenz in religiösen Belangen. Besonders – aber durchaus nicht nur – was den Islam und diejenigen Länder anbetrifft, in welchen diese Religion gelebt wird.
Am liebsten hätte sich Scholl-Latour aus der Talkshow ausgeklinkt
Wer gestern Abend nicht hoffte, dass Scholl-Latour zum schrecklichen Gaza-Krieg befragt werden würde, bzw. sich selbst darüber äußerte, war naiv zu nennen. Und so geschah es denn Gott sei Dank auch. Und der große alte Mann, wahrlich ein Welterklärer par exellence, sagte was zu sagen war. Nämlich, dass der Staat Israel mit seiner so genannten Offensive – in Wirklichkeit ein Morden und Brandschatzen, das statt der Hamas, die man angeblich bekämpfen will, die 1,5 Millionen starke, seit Jahrzehnten eingesperrten Bevölkerung, Frauen und Kinder trifft, verletzt und tötet – einen großen Fehler macht. Ein Fehler, der Israel letztlich selbst schweren Schaden zufügen wird.
Nicht nur, was die Sympathie für das Land in der gesamten Welt anbelangt. Und im Gazastreifen, sowie darüberhinaus in der gesamten arabischen Welt, wird dieser mörderische, sinnlose Krieg ein mehr an Hass gebären. Abgesehen davon, dass dieser Krieg die Probleme im Nahen Osten keinesfalls lösen wird. Im Gegenteil. Was ein jeder Mensch, der einmal alle Scheuklappen ablegt und tief in sich hineinhört, auch erkennen könnte. Natürlich ist das nicht opportun. Schon gar nicht im deutschen Fernsehen. Wohl deshalb auch, ist kürzlich eine Anne-Will-Talkshow, zu der Dirigent Daniel Barenboim (der eine interessante und einleuchtende Meinung zum israelisch-palästinensischen Dauerkonflikt zu vertreten gehabt hätte) eingeladen gewesen war, abgesagt worden. So wurde es dann auch gestern in “3nach9″ schwierig. Widerspruch kam in erster Linie von der als “Beraterin für internationale Beziehungen” angekündigten Melody Sucharewicz (sie lebt seit dem 19. Lebensjahr in Israel), die vehement der israelischen Erklärung für diese “Offensive” huldigte. Wonach auf die von der Hamas auf Israel abgeschossenen Raketen habe endlich geantwortet werden müssen. Dazu sei gesagt: natürlich ist die Bedrohung durch die Hamas-Raketen aus Sicht der betroffenen israelischen Bevölkerung keineswegs hinnehmbar.
Aber kann der derzeit Gaza und die dort lebenden Palästinenser niedermähenden Krieg diesen Zustand tatsächlich beenden? Was ist denn auch schon von einer seit Jahrzehnten “wie in einer Sardinenbüchse eingesperrten” (Scholl-Latour) Zivilbevölkerung zu erwarten, die aus dem dichtbesiedelten und von hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Gaza-Streifen nicht herauskommt? Die – nebenbei bemerkt - ganz und gar nicht in ihrer Gesamtheit alle hinter den Aktionen der Hamas steht. Aber deren Geisel ist. Doch selbst, wenn, die zugegebenerweise noch sehr junge, Melody Sucharewicz etwas auf Scholl-Latours Meinung einzuschwenken schien, verfiel sie wieder in die Sprachregelung der schwachen Regierung Olmert (die im Übrigen u.a. auch vom Zentralrat der Juden in Deutschland gebetsmühlenartig verbreitet wird). Dann fiel auch noch Moderatorin Amelie Fried in ihrer manchmal etwas naiv wirkenden Art ein. Die Schauspielerin Katrin Sass verdrehte ungläubig die Augen dazu. Schließlich sprang der Songtexter Michael Kunze auch noch Frau Sucharewicz bei. Peter Scholl-Latour, es war ihm mit pochend steigendem Blutdruck förmlich nachzufühlen, litt. Und bereute offensichtlich, sich auf diese Talkshow eingelassen zu haben. Was wieder einmal zeigte: so komplexe Themen können in Talkshows eigentlich nur zerredet werden.
Besonders schwer ist es natürlich erst recht dann, wenn eine bestimmte Meinung über ein Thema gewissermaßen von vornherein als Lesart festeht, und am liebsten Denk- bzw. Interpretationversuche ausgesprochen werden würden, um das regierungsamtlich festgeklopfte (deutsche), fälschlicherweise für politisch korrekt gehaltene Bild nur ja nicht anzukratzen. Moderator Giovanni di Lorenzo versuchte dann noch Scholl-Latour wieder zu Wort zu verhelfen. Doch dieser war augenscheinlich verärgert und kündigte an, sich aus dem diletantischen Gespräch ausklinken zu wollen. Ganz hielt Scholl-Latour dies freilich nicht aus. Verständlich.
Mit der Hamas verhandeln!
Immerhin machte er noch einen Versuch. Er wies darauf hin, was – dächte man vernünftig darüber nach – im Grunde eine Binsenwahrheit ist, nämlich, dass Israel eigentlich mit der Hamas verhandeln müsste. Weil die nicht nur der Gegner, sondern auch diejenige Partei sei, die die palästinensischen Wahlen gewonnen hat. Nur das wollte eben weder Israel noch der Westen anerkennen. Und wenn dann nun noch einer käme, so Scholl-Latour, der sage, Hitler sei doch auch demokratisch gewählt worden, um damit zu erklären, warum die Hamas nicht anerkannt gehört; dann könnten wir die Demokratie doch gleich abschaffen. Ärgerlich, wie Scholl-Latour inzwischen – m.E. vollkommen zurecht – geworden war, sagte er mit Blick auf den Grünen-Vorsitzenden Özdemir, zu Zeiten des Osmanischen Reiches sei es im Nahen Osten im Vergleich zu heute noch human und halbwegs friedlich zugegangen. Alles in allem war diese gestrige “3nach9″-Talkshow aus Bremen eine schwere Prüfung für Peter Scholl-Latour. Der große alte Mann des Journalismus schlug sich dennoch wacker. Er scheint nach wie vor auch im hohen Alter noch eine gute Konstitution zu besitzen.
Was kommt nach Scholl-Latour?
Ich musste – eingedenk des derzeitig abdankenden G.W. Bush – daran denken, wie schwer es Scholl-Latour in Talk-Runden früherer Jahre noch gegen diejenigen Journalisten hatte, die etwa während des völkerrechtswidrigen Irak-Krieges lange, zu lange auf der US-amerikanischen Schleimspur krochen, wo doch Peter Scholl-Latour bereits zu dieser Zeit die Zeichen der Zeit erkannt, und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen gewußt hatte. Er hat es verkraftet. Wie er wohl auch “3nach9″ verkraften wird. Obgleich, wie Scholl-Latour sagte: “Man hat mich in die Falle laufen lassen!” Sollte heißen, man wird ihn nun sicher des Antiisraelismus – wenn nicht noch Schlimmeren zeihen. Noch während der Sendung, so di Lorenzo, sollen tausende TV-Zuschauer angerufen haben, um mitzudiskutieren.
Eines steht fest: man wollte oder konnte Scholl-Latour nicht verstehen. Was nur, das beschäftigt mich inzwischen, wird, wenn Scholl-Latour dereinst einmal nicht mehr sein wird. Ihm kann jedenfalls, so steht zu befürchten, keiner so schnell das Wasser reichen. Und was heute von manchen Informationen in der Presse und den Medien zu halten ist, hat man ja in den letzten Jahren zur Genüge bitter erfahren müssen: Nämlich wenig, dem zu trauen wäre. Aber – auch dies sei noch angefügt – lag freilich auch Peter Scholl-Latour selbst nicht immer nur richtig, bzw. vertrat manch fragwürdige Meinung. Was macht`s: schließlich kann man nicht immer ins Schwarze treffen. Scholl-Latour aber tat es in den meisten aller Fälle dann doch. Ganz sicher, weil der Mann sich eben stets auf unumstößliche Fakten und ein immenses Wissen stützte und stützt.
Vielen Dank für Ihren ausgezeichneten Beitrag. Ich bin gestorben vorm Fernseher gestern Abend, verärgert und beschämt über die beiden Moderatoren, besonders Frau Fried, aber auch Lorenzo. Auch das Schreiben einer Protest e-mail
konnte mich nicht beruhigen. Ich machte den Fernseher aus.
Ihr Beitrag gibt mir Hoffnung, dass uns der politische Verstand und die Diskussionskultur in Deutschland noch nicht verloren gegangen sind. Kathrin