China: Adieu, Bullog

Im Report von Associate Press wird Bullog als eine “Blog-Hosting-Site, die aneckt” beschrieben, die eine Unzahl von (gesellschafts-)politisch orientierten Aktivisten beheimatet. So gesehen, erscheint Bullog als ein Pulverfass. Für Millionen chinesischer Netzbürger ist Bullog weit mehr als das, und die erzwungene Schließung der Site, sei sie bloß vorübergehend oder endgültig, ist nicht

Im Report von Associate Press wird Bullog als eine “Blog-Hosting-Site, die aneckt” beschrieben, die eine Unzahl von (gesellschafts-)politisch orientierten Aktivisten beheimatet. So gesehen, erscheint Bullog als ein Pulverfass. Für Millionen chinesischer Netzbürger ist Bullog weit mehr als das, und die erzwungene Schließung der Site, sei sie bloß vorübergehend oder endgültig, ist nicht nur ein Zeichen für die strengere Kontrolle von Medien in China, sondern bedeutet ein tragisches Ende, das die Hoffnung vieler für das Land zunichte macht.

Es ist emotional aufgeladen. Wir sind traurig.

Bullog versammelt eine Reihe illustrer Blogger, die China mit ihren Meinungen tatsächlich beeinflussen. Lian Yue zum Beispiel ist ein Kolumnist, aber auch ein “öffentlicher Intellektueller”, der den PX-Protest in Xiamen unterstützte, bei dem sich Menschen zu einem stillen Protestmarsch versammelten, um gegen das Projekt einer Chemiefabrik zu demonstrieren. In seinen geistreichen Kommentaren zum Alltagsleben kommuniziert er mit seinen Lesern sowohl über ganz triviale Dinge des Lebens als auch über mehr oder weniger politisch relevante Fragen.

Lian Yue gehört zu den Gemäßigten, Ran Yunfei 冉云飞 hingegen ist einer der progressiveren Blogger. Ran ist der Blogger, auf den der Begriff “anecken” wohl am besten zutrifft. Er nennt sich selbst “Bandit” und hat sich oft furchtlos mit Ungerechtigkeiten einer im Verfall befindlichen Gesellschaft auseinandergesetzt. Diese Einstellung kommt in vielen seiner mutigen Artikeln zum Ausdruck, z. B. in “Diese Regierung ist ein nationale Schande”, “Wie Autarkie entsteht”, aber auch in seine Kolumne “Die wöchentlichen Kommentare des Herrn Ran”. Obwohl er manchmal sehr zornig auftritt, ist er geduldig. Sein Motto verweist auf einen langen Atem: “Jeden Tag einen Schritt, keine Eile”. In welche Richtung er dabei geht, weiß wohl nur er selbst.

Er fluchte, kritisierte und stritt, er sprach Dinge aus, die die Menschen sagen wollten, aber nicht wagten zu sagen. Aber es ist nicht schwer vorauszusagen, dass eine derartig klare Haltung nicht auf große Toleranz trifft. Ein paar Wochen bevor Bullog selbst geschlossen wurde, wurde Bullog gezwungen, seinen Blog zu sperren.

Luo Yonghao 罗永浩, der Betreiber von Bullog, dessen Spitznamen “Dicker Luo” ist, unterrichtete Englisch. Mir war er anfangs wegen seiner witzigen, bissigen Bemerkungen aufgefallen, die seine Studenten sammelten und ins Netz stellten. Es scheint, dass das, was er am meisten hasst, 装B ist – so zu tun, als wäre man ganz cool -, und daher musste er wohl ein unaufgeregter, geradliniger Mensch sein. In der Folge gab er das Unterrichten auf und öffnete Bullog.

Und da sind die jungen Schriftsteller Han Han, der Künstler Ai, der zynische und ironische ProState In Flame, der unabhängige Blogger Bei Feng und viele andere. Sie alle prägten Bullog mit ihren Persönlichkeiten und machten es zu einem Ort des offenen Gedankenaustauschs, wo echte Debatten stattfinden konnten, auch wenn es manchmal ein bisschen zu hitzig zuging.

Mit der Zeit wurde Bullog ein öffentliches Forum für freie Diskussionen und öffentliche Meinung.

So etwas ist selten, da es weder mit der kulturellen Tradition Chinas noch mit den autoritären Bedingungen kompatibel zu sein schein. Aber es blühte und gedeihte, und als kollektiver Blog öffnete es für viele Chinesen ein Tor zu einem anderen China.

Seine emotionale Wirkung hat Bullog der Tatsache zu verdanken, dass es von echten Persönlichkeiten getragen wurde, aber auch dem Fakt, dass es der “wohlwollende Große Firewall” (das nationale Zensurnetzwerk) zwei Jahre tolerierte. Dadurch tat Bullog mehr für die Verbreitung liberaler, demokratischer Gedanken als verschiedene demokratische Webseiten aus Übersee, die aus dem chinesischen Internet verbannt sind. Und es ist eng mit dem momentanen Zustand der Gesellschaft verbunden, die ihren Bürgern keine Chancen gibt, ihre Gedanken über das, was im Land geschieht, zu präsentieren.

Bullog hostete auch den Blog “Ich unterstütze die Olympischen Spiele in Beijing nicht”, als die Regierung die Spiele um jeden Preis durchzog. Es hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, warum Yang Jia, der sechs Polizisten ermordete, ohne echtes Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt wurde. Es schickte ein Hilfsteam in die vom Erdbeben im März des Jahres betroffenen Gebieten, in denen über 80.000 Menschen starben; es verbreitete die Charta 08, ein Statement, das für eine grundlegende politische Reform eintritt. Das alles wurde zu viel für jene, die nun die Schließung von Bullog andordneten.

Der Kommentar des Wissenschaftlers Xiao Han bringt sehr gut zum Ausdruck, warum Bullog wichtig ist.

“Bullog versammelt viele wichtige Denker in China, die vernünftig und ernsthaft, manchmal aber auch bissig und beißend sind. Sie sind ein Garant dafür, dass die moderne chinesische Gesellschaft einen klaren Kopf behält. Inzwischen übernimmt Bullog einen guten Teil der sozialen Verantwortung, die eigentlich die Gesellschaft selbst übernehmen sollte. Vor allem bei den Hilfsaktionen für die vom Erdbeben von Sichuan Betroffenen leistete es einen ganz wesentlichen Beitrag.”

Die Schließung von Bullog kam zu einem Zeitpunkt, als eine “Reinigungs”-Kampagne im chinesischen Internet lief. Aber Bullog schien auf keiner der öffentlichen Liste von mit Schließung bedrohter Seiten auf. Bullog wurde ermordet.

Luo Yonghao, der Betreiber von Bullug, erzählt, was mit der Webseite geschah:

“Am 9. 1. 2009 bekam ich um 15 Uhr eine Email vom Kundenbetreuer von Wan-net, die lautete:
Guten Tag!
Die Kommunikationsverwaltung von Beijing leitet ein Statement des Informationsbüros von Beijing weiter: Da www.bullog.cn eine große Menge schädlicher politischer und aktueller Informationen verbreitet, wurde angeordnet, dementsprechende Maßnahmen zu treffen. Da die Webseite aber dieser Aufforderung nicht Folge leistete, wird sie nun geschlossen.”

Das ist also der Grund für die Schließung. Weitere Erklärungen gab es keine.

Luo schreibt weiter:

“Als ich am Morgen aufwachte, stellte ich fest, dass ich acht Stunden geschlafen hatte, was bei mir nur sehr selten vorkommt. Ich wollte eigentlich Huang Bing (den CTO von Bullog) anrufen, um damit zu prahlen, dass ich an dem Tag, an dem Bullog geschlossen wurde, acht Stunden durchschlief. Aber bei der Vorstellung, dass der Kerl sogar so tun könnte, als ob er noch überhaupt nicht aufgestanden wäre, ließ ich es bleiben. Als ich das Telefon nahm, das ich auf lautlos gestellt hatte, sah ich, dass eine Reihe von Mitteilungen des Bedauerns eingetroffen waren, sowohl von Fremden als auch von alten Freunden. Ich antwortete denen, die ich gar nicht kannte, mit “danke”, und schrieb meinen Freunden “Was soll’s? Das ist nun das vierte Mal. Tut, was ihr tun solltet, und lasst mich in Ruhe!”

Aber nachdem ich voller Freude aufgewacht war, setzten nun doch Sorgen und Selbstvorwürfe ein: Was können die Leute jetzt, wo es Bullog nicht mehr gibt, eigentlich lesen? Wären sie einverstanden damit, wenn Bullog nicht wieder geöffnet würde? Was soll ich tun? Was soll ich tun?

Mit der Frage “Was soll ich tun” im Kopf drehte ich aus einem Gefühl der sozialen Verantwortung heraus meinen Computer auf und las die Kommentare auf Google und Baidu. Die Postings waren voll von Worten wie “weinen”, “Trauer”, “empört”, ”deprimiert”; “Adieu, Bullog”, “Tränen”, “so traurig” usw.

Es ist sicher, dass Bullog wiedergeöffnet wird. Darüber brauchen wir uns jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Wenn es wirklich nicht funktionieren sollte, dann mache ich ein internationales Bullog und ein anderes in China auf, das dann vielleicht unter dem Namen DunkeyBlog läuft. Ich persönlich sehe keine Probleme. Ich habe ja lediglich eine Webseite eröffnet, die ein Posting löscht, wenn eines gelöscht werden soll, oder die einen Blog löscht, wenn er gelöscht werden soll. Nichts Außergewöhnliches wird passieren. Macht euch nicht selbst verrückt!”

Song Shinan 宋石男, einer der Blogger auf Bullog, macht seiner Empörung Luft:

“Sperr es zu, sperr es einfach zu. Du kannst es fürs Frühlingsfest sperren, aber nicht den ganzen Frühling lang.”

Was die chinesischen Medien betrifft, so wagte nur Southern Metro Daily (南方都市报) über die Schließung von Bullog.cn zu berichten.

Die Geschichte von Bullog im Wiki spiegelt sein Wachstum und seine Auf und Abs wider:

“2007.08.18 Der Blog “I don’t support Beijing Olympics” wird geschlossen.
2007.10.19 Während der Tagung des 17. Nationalen Volkskongresses wird Bullog um 14 Uhr gezwungen zu schließen.
2008.11.24 Der Blog “ProState In Flame” wird geschlossen.
2008.12.24 Der Blog von Ran Yunfei wird geschlossen. Er bloggte täglich (”Jeden Tag einen Schritt, keine Eile”).
2009.01.09 Der inländische Server von Bullog wird geschlossen, wodurch Bullog International unerreichbar wird. Manche meinen, die Schließung hätte mit einer Reinigungs-Kampagne zu tun. Aber es könnte auch damit zu tun haben, dass manche der Blogger die Charta 08 unterzeichnet hatten. Dies zeigt, dass in China eine politische Wende nach links einsetzt.”

Was Bullog geleistet hat, ist unglaublich:

“2008.04.19 Mehr als eine Million Page Views pro Tag
2008.05 Nach dem Erdbeben von Sichuan sammelte Bullog mehr als eine Million Spenden. Luo selbst leitete das Team, das vor Ort Hilfe leistete.”

In Telescope 望远镜 fasst Feng37 eine Reihe von Reaktionen von Netzbürgern auf die Schließung zusammen. Der Titel eines Posts, das die sogenannte Antivulgäre Kampagne lächerlich macht, die Bullog auslöschte, lautet:

“Trauere um Bullog, diesen noblen “Vulgären”.”

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Global Voices. Die Übersetzung erfolgte durch Ingrid Fischer-Schreiber, Teil des “Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Global Voices.

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