Placeblogs und Stadtwikis – zentrale Pole öffentlicher Diskussion

Lange haben wir auf das Ergebnis warten müssen. Bereits im Mai vergangenen Jahres trat Michael Göbbels, Student des Masterstudiengangs Regionalwissenschaft/ Raumplanung an der Universität Karlsruhe (TH) an die Internetgemeinde heran. Nun ist die Autoren- und Nutzerbefragung zu Webprojekten mit Ortsbezug im Rahmen seiner Masterthesis unter der Betreuung von Professor Dr.

webi.jpgLange haben wir auf das Ergebnis warten müssen. Bereits im Mai vergangenen Jahres trat Michael Göbbels, Student des Masterstudiengangs Regionalwissenschaft/ Raumplanung an der Universität Karlsruhe (TH) an die Internetgemeinde heran. Nun ist die Autoren- und Nutzerbefragung zu Webprojekten mit Ortsbezug im Rahmen seiner Masterthesis unter der Betreuung von Professor Dr. rer. nat. Joachim Vogt sowie Professor phil. Stefan Selke “druckfrisch” bei uns eingetroffen. Mit erstaunlichen Ergebnissen.

“Wie wurden Sie auf die soeben besuchte Webseite erstmalig aufmerksam?”, “Wie oft besuchen Sie diesen Stadtblog/dieses Regionalwiki?” oder “Warum lesen Sie diesen Stadtblog”: Fragen über Fragen hatte der junge Mann gemeinsam mit dem Planungsverband Rhein-Main parat. Diese sollten ihm Aufschluss über die Beweggründe der Nutzung, den täglichen Zeitaufwand, die eigenen Intentionen sich aktiv im Netz zu tummeln, aber auch über die Wichtigkeit dieser Portale innerhalb der Community geben.

Acht Monate, 198 Onlinefragebögen, drei Bögen mit Teilantworten, 32 Autoreninterviews und letztlich 72 Seiten später scheint klar: “Lokalbezogene Webprojekte haben nur eine geringe Außenwirkung und werden nur selten aus dem Ausland aufgerufen. Vielmehr übernehmen sie Funktionen herkömmlicher Nachrichtenportale und dienen für einen Teil der Nutzergruppe als rudimentäre Netzwerkplattform”, beschreibt er die Reichweite aber auch die spezielle Rezeption von Seiten, die sich in großer Zahl auch auf der Readers Edition in Form der “Placeblogger-Gemeinde” vereinen. Gerade einmal 35 Jahre jung sei hier der hiesige Durchschnittsleser, habe einen hohen Bildungsgrad und sei zudem vornehmlich männlich, hat Göbbels außerdem herausgefunden. Gegenüber dem bundesweiten Durchschnitt ist er zudem sehr häufig im World Wide Web anzutreffen und zeigt darüber hinaus “Anzeichen eines habitualisierten Surfverhaltens”.

Placeblogs als zentrale Pole der öffentlichen Diskussion

Allerdings, dessen ist auch er sich bewusst: “Trends und Entwicklungen sind einem schnellen Wandel unterzogen, der durch eine Differenzierung der Nutzungsformen zunehmend die Übersicht erschwert. Gleichzeitig befinden wir uns in einer Zeit fortdauernder Globalisierungsprozesse. Nicht zuletzt durch die Finanzkrise werden Zeichen für eine zunehmend vernetzte und von einander abhängige Welt evident.” Weblogs, Wikis und weitere Web 2.0-Angebote können auch hier ihren Beitrag leisten. Immerhin, und das scheint ganz offensichtlich, ersetzen sie zunehmend und in immer größerer Zahl die Lokalberichterstattung, die in den klassischen Medien seit Jahren stagniert. Was dabei entsteht, ist nicht nur eine Plattform für die Einheimischen. Nein, Michael Göbbels macht deutlich: sie sind durchaus in der Lage auch als “Anlaufstellen für Ortsfremde” zu fungieren, die ganz bequem über das Internet abgerufen werden können.

Und er schreibt ihnen noch mehr zu: “Obwohl die Reichweite in der Regel klein ist, können Placeblogs zu zentralen Polen der öffentlichen Diskussion über umstrittene regionale Ereignisse werden. Placeblogs sind in der Lage Lücken zu füllen, die durch den Rückzug der Printmedien aus der regionalen und lokalen Berichterstattung resultieren, insbesondere in geringer besiedelten Gebieten”. Dabei gehe es lange nicht nur um politische Geschehnisse. Regionale Bräuche und Traditionen stünden hier ebenso hoch im Kurs wie etwa die eigene Nachbarschaft.

Wissenswertes jenseits des Mainstreams

“(…) Stadtteilblogs sind eine gute Ergänzung zur üblichen Tagespresse. Hier findet man auch Informationen und Wissenswertes jenseits des ‘Mainstreams’: direkt und aktuell vom Nachbar!”, stellt da etwa ein Umfrageteilnehmer heraus. Andere sehen den Nutzen auch in ganz anderen Gefilden: “(…) Ich bin es leid, dass der Triersche Volkfreund das ‘Alleinvertretungsrecht’, das alleinige Recht auf Meinungsbildung und mittlerweile auch als nahezu einziger Veranstalter in der Region hat!”, schimpft dieser und rühmt damit gleichzeitig den entstehenden “Gegenpol” im Internet.

webi7.jpgFür knapp 60 Prozent der Befragten ist demnach sicher – hier, auf ihren Blogs wird ihnen ein “wahres Bild” vermittelt. Meist sei gerade die Darstellung lokaler Politik in den lokalen Medien sehr geschönt und gefärbt, wird da angeführt. In Blogs würden dagegen andere Details angesprochen und Hintergründe beleuchtet.

Die lokalbezogene Blogosphäre befindet sich in einer Findungsphase

Das scheint anzuspornen. Denn bewusst geplant haben wohl die wenigsten Autoren eine solche Seite. Der Zufall hat ihnen oftmals in die Hände gespielt. Die Freude am Experimentieren, vereint mit redaktioneller Unabhängigkeit nehmen dabei eine bedeutende Stellung ein. “Ziele und Ideen ergeben sich im laufenden Betrieb durch ‚Learning by Doing‘ und werden durch steigende Besucherzahlen oder Nutzerfeedback angetrieben”, so das “Erfolgsrezept”.

Das gibt auch dem Student Michael Göbbels Hoffnung. Die jungen Pflänzchen, da ist er sich sicher, werden sich in den nächsten Jahren konsolidieren, aber auch professionalisieren. Denn, “Anders als in den Vereinigten Staaten befindet sich die deutsche, lokalbezogene Blogosphäre nach meiner Meinung noch in einer Findungsphase.” Ob sie sich allerdings gegenüber herkömmlichen Webportalen behaupten könne, bleibt abzuwarten. Denn Vorsicht ist geboten: “Social Software könnte die erfolgreiche Aktivierung einer Bürgerbeteiligung über das Internet ermöglichen. Die bloße Bereitstellung einer technischen Plattform wird allerdings in den wenigsten Fällen zum Erfolg führen.” Es steht also noch viel Arbeit ins Haus.

Photo Quelle/Copyright: Gerd Altmann, via pixelio.de

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