Das Ende des Kapitalismus?

Man reibt sich die Augen und mag seinen Ohren nicht trauen: die Sätze, die heute aus den Mündern von Politikern kommen waren noch vor einem Jahr undenkbar. Galt noch vor kurzem jedes Eingreifen des Staates als kapitalistisch-konterrevolutionär, so gehört es heute zum guten Ton und wird selbst von großen Finanzinstituten

Man reibt sich die Augen und mag seinen Ohren nicht trauen: die Sätze, die heute aus den Mündern von Politikern kommen waren noch vor einem Jahr undenkbar. Galt noch vor kurzem jedes Eingreifen des Staates als kapitalistisch-konterrevolutionär, so gehört es heute zum guten Ton und wird selbst von großen Finanzinstituten eingefordert. Selbst eine Sozialisierung von Betrieben oder das Kaufen von Anteilen an Unternehmen ist wieder Thema.

Noch vor kurzem galt der Verkauf der Deutschen Bahn als das Modernste überhaupt. Inzwischen muss man im Blätterwald schon mit der Lupe suchen, um noch eine Erwähnung eines möglichen Börsengangs zu finden. Ohne dass dies bislang explizit geäußert wurde scheint dieser nicht nur kurzfristig vom Tisch zu sein, da dieser dummerweise in eine falsche Zeit fiel, sondern auch langfristiger. Denn vermutlich finden sich in der heutigen Zeit zum einen weniger willige Investoren und auch der mögliche Verkaufspreis wird sinken.

Schon vor dem Börsengang wurde die Bahn marktwirtschaftlich getrimmt.

Das heißt “sicherheit” wurde kleingeschrieben. Die Prinzipien des Kapitalismus sind an sich simpel: Der Mitteleinsatz soll möglichst gering und das Ergebnis möglichst hoch sein. Oder auch: Gewinnmaximierung. “Gewinnmaximierung” klingt schon so schrecklich, dass viele Menschen es für eine Erfindung von Kommunisten halten. Ist es aber nicht. Eines der Probleme dieser Orientierung ist, dass wenn sich alle Maßnahmen diesem Ziel unterordnen vieles, was gesamtgesellschaftlich als wertvoll angesehen wird, unter den Tisch fällt.

Hinzu kommt die starke Betonung der Konkurrenz. In einem weltweiten Markt und einer totalen Konkurrenz gibt es kein Ende der Optimierung des Gewinnes. Am Anfang der Industrialisierung schien es noch realistisch, dass wir alle von dem Fortschritt durch verstärkte Mechanisierung und Automation profitieren würden. Zum Teil ist dies auch wahr. Das heißt, die Erträge in der Landwirtschaft pro Hektar  sind zuverlässiger auf einem hohen Niveau. Aber auch hier ist interessant, dass zum Beispiel der heutige auf Maschinenernte ausgerichtete Getreide-Anbau nicht etwa die geerntete Kornmenge erhöht: Eine Getreidepflanze hat ihren höchsten Ertrag dann, wenn sie genug Platz hat zum Wachsen. Getreidefelder sind nicht so bepflanzt, dass sie den Kornertrag optimieren. Sie sind optimiert dafür die Kosten für das Ernten zu senken! Das liegt darin begründet, dass im Kapitalismus die Lohnkosten einen hohen Kostenfaktor bilden. Das bedeutet eben, dass jede Reduzierung von Arbeitskraft den Gewinn erheblich steigert. Wenn also Kosten für Arbeit nicht die heutige Rolle spielen würden, bräuchte man viel weniger landwirtschaftliche Fläche.

Im Kapitalismus wird das Denken belohnt…

Die omnipräsente Konkurrenz sorgt dafür, dass es immer jemanden gibt, der die Produktionskosten eines Gutes unterschreiten kann und somit seine Produkte billiger anbieten kann. Es scheint also nach unten keine Grenzen zu geben. Insbesondere dann, wenn man Arbeitsschutzbestimmungen aushebelt, Gewerkschaften verbietet und auch sonst keinen Gedanken darauf verschwendet, welche Nebenwirkungen die Produktion hat (z.B. Umweltverschmutzung). Im Kapitalismus wird eben das Denken belohnt, das rücksichtslos auf das Ziel der Gewinnmaximierung hinarbeitet. Es gibt außer einigen Steuern und Abgaben keinen gesellschaftlichen Anspruch an den Erträgen teilzuhaben. Die Arbeitsverhältnisse werden bestimmt durch die Trennung von Besitzenden und Besitzlosen.

In der modernen Wirtschaft ist zudem das Kapital mobiler und unpersönlicher geworden. Das heißt, an die Stelle des klassischen Fabrikeigentümers treten Fonds und Finanzinstitute, die die Interessen vieler, teilweise auch kleiner, Anleger vertreten. Die leihen den Fonds Geld, damit diese es vermehren. Je besser sie das tun, desto mehr Anleger geben ihnen Geld und desto mehr verdienen die Manager. Und auch desto mehr Geld haben die Fonds um mehr Eigentum anzueignen. Wobei Eigentum oft nicht mehr materialisiert wird in realen Werten, sondern in Papierwerten bleibt. Ein erheblicher Teil der Fiannzwirtschaft spielt sich somit mehr und mehr virtuell ab. Man wird erinnert an Monopoly und Spielgeld. Und tatsächlich folgt dies bestimmten Spielregeln. Firmen wir Porsche haben in den letzten Jahren mehr Geld mit dieser neuen kapitalistischen Innovation verdient als mit der klassischen Autoproduktion.

Viele Kritiker der heutigen Entwicklung meinen nun, dass diese Innovationen das eigentliche Problem darstellen. Man will es so darstellen, als wenn wir nun erstmals eine Krise des Weltwirtschaftssystems erleben. Man meint, dass der Staat jetzt kurzfristig alles anders machen muss als noch vor wenigen Monaten. Der Staat soll Billionen in die Wirtschaft stecken um “notleidende Banken” (Unwort des Jahres 2008) zu retten. Nun werden strengere Regeln für das Finanzsystem verlangt. Im Übrigen wurden ähnliche Regeln nach dem letzten großen Crash 1929 implementiert – aber dann, insbesondere unter Reagan ff. wieder entfernt. Sprich: In unregelmäßigen Abständen bricht der Kapitalismus zusammen, bekommt neue Regeln auferlegt, Millionen verlieren ihren Arbeitsplatz, Kriege brechen aus,…. – dann bekommt der Kapitalismus Zügel und die Gesellschaft päppelt ihn wieder auf – und wenn er stark genug ist, werden die Regeln wieder gelockert, was wiederum zu einer Überhitzung und Blasenbildung führt. Große Teile der Infrastruktur in den USA wurden dort das letzte Mal aufgebaut als man versuchte mit keynesianischen Methode eine Stimmulierung der Wirtschaft hinzubekommen.

Selbst hartnäckiger Vertreter des Marktradikalismus wie Alan Greenspan mussten zugeben, das der Kapitalismus nicht so funktioniert, wie seine Ideologie es glauben macht.

Wahr ist wohl, dass selbst die Vertreter des modernen Kapitalismus nicht wirklich hundertprozentig wissen, wie das System funktioniert. Zum Teil wirken die Methoden und die Erklärung wie moderne Astrologie, wie z.B. die Chartanalyse.

In Deutschland haben wir durchweg Politiker an der Spitze, die diese Ideologie ohne Abstriche unterstützten. Müntefering versuchte einmal mit dem Begriff “Heuschrecken” die Debatte zu prägen. Dies war aber nichts anderes als ein Ablenkungsmanöver. Gehörte Müntefering wie Schröder und Steinmeier doch zu den Hauptarchitekten nach dem Regierungswechsel 1998 mit Hartz IV und der Auflösung der “Deutschland AG”.

Worin liegt die Lösung?

Zunächst einmal darin, die Fehler im System zu erkennen und nicht bei der Kritik Einzelner stehenzubleiben. Ein System, das den Egoismus der Individuen fördert wird stets das Problem haben, dass dieser Egoismus sich immer wieder gegen die Gesellschaft und andere richtet. Heute ist es möglich als Eigentümer von Immobilien die Wohnstandards beliebig herunterzuschrauben und mit abstrusen Konstruktion dafür zu sorgen, dass man keinen Cent Steuern zahlen muss. Dies ist vollkommen legal, wohingegen viele Selbständige am unteren Ende der Einkommen teilweise ohne Krankenversicherung gegen erhebliche Widerstände kämpfen müssen – oder sich auf dem Arbeitsmarkt bei Minimalstlöhnen gegenseitig Konkurrenz machen sollen. Die, die dort hinten runter fallen werden zusätzlich oft noch gesellschaftlich verachtet, während diejenigen, die profitieren auf Kosten von anderen mit Politikern bei Empfängen mit Sekt anstoßen. Aber es geht nicht um den Sekt oder die Personen. Es geht auch darum, das es eine echte Umverteilung geben muss und Regeln, die es erleichtern, dass sich Menschen selbst organisieren und anders Wirtschaften zu können, ohne das ihnen Steine in den Weg gelegt werden. Denn die Wirtschaftsgesetze in Deutschland belohnen oft die Konstruktionen, die die Macht eines Unternehmens in die Hand weniger legen. Spätestens seid dem Buch “Die Weisheit der Vielen” wissen wir aber, dass die Intelligenz und das Geschick nicht in den Köpfen weniger liegt, sondern in uns allen.

Unser Gesellschaftssystem aber hat immer noch das Ziel Eliten zu bilden und die Herrschaft der Besitzenden zu festigen. Dass das nicht funktioniert ist historisch nun schon mehrfach sichtbar geworden. Doch noch immer wird an bestimmten Glaubenssätzen festgehalten. Nicht weil es dafür Argumente gäbe, sondern weil man das, was man über Jahrzehnte rezitiert und davon profitiert hat nicht einfach so über Bord werfen mag. Aber nötig wäre es, denn das, was da jetzt an Paketen geschnürt wird scheint uns eher noch tiefer in die Krise zu stürzen.

Kommentare

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  1. Die Kritik am auf blanken Egoismus gegründeten System ist nur zu berechtigt. Was sich an diese Darstellung anschließen sollte, ist die Erarbeitung von Alternativen.
    Der Hinweis darauf, dass keiner so viel weiß wie wir alle zusammen und auf die Mechanismen der Schwarmintelligenz allein führt noch nicht weiter, auch wenn neuere Erkenntnisse über die Funktionsweise unseres Gehirns nahelegen, dass nicht zwangsläufig “homo homini lupus” ist, wir vielmehr mit starken inneren sozialen Strebungen auf die Welt kommen. Wie kann ein besseren System ausschauen?