Das ist die Geschichte von Raed. Eine von Tausenden Geschichten aus dem Gaza-Streifen.
Raed war ein zufriedener Mann. Mit seinem Taxi ernährte er seine Familie, seine acht Kinder und seine Frau; wenn was übrig blieb, unterstützte er auch noch die Familie seiner Brüder und Schwestern sowie seinen Vater. Raed hatte sich ein Haus bauen können, neben dem Haus seines Vaters und Bruders. Raed war ein Mensch, der selbst dann noch für den Dialog mit Israel einstand, als sich Hamas im Gaza-Streifen blutig an die Macht geputscht hatte.
Raed hat eine bewegte Geschichte.
Am 8. November 2006 verfehlen israelische Artillerie-Granaten ihr Ziel um Hunderte von Metern und treffen zwei Häuser mitten in Beit Hanoun. 21 Zivilisten, darunter 14 Frauen und Kinder, sind nie mehr aus ihrem Schlaf erwacht. Mindestens 50 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. 13 Personen einer einzigen Familie kommen ums Leben, von der 86-jährigen Großmutter bis zum sechs Monate jungen Säugling. – Es war Raeds Familie.
Ein “rares und ernsthaftes technisches Versagen eines Feuerkontrollsystems”, befindet eine armee-interne Untersuchung. Keine Entschuldigung, kein Wort des Bedauerns. Schuld für das “technische Versagen” ist niemand.
Raed hat weitergemacht. Raed ist morgens weiter ins Taxi gestiegen, suchte Kunden, um mit ein paar Hundert Schekel pro Monat seine Familie zu ernähren. Manchmal hatte er Treibstoff, manchmal nicht, je nachdem, wie viel Treibstoff trotz der Wirtschaftsblockade in den Gaza-Streifen gelangte.
Am 27. Dezember 2008 ist die Welt dann doch still gestanden.
Die ersten drei Kriegstage liegt Raeds Familie am Boden, auf zwei Innenräume seines Hauses verteilt. “Wäre einer der Räume zerstört worden, hätten vielleicht wenigstens die im Nebenraum überlebt”, sagt Raed. Als die Kugeln durch die Fenster fliegen, beruhigt er seine Kinder, die Soldaten würden nur wissen wollen, wer im Haus sei. Als sie kein Wasser mehr haben, bringen sie sich im Nachbarshaus, bei Raeds Vater, in Sicherheit – doch auch das wird zu gefährlich. Mit einer weissen Fahne ausgerüstet, verlässt Raeds Familie das Gebäude, bei sich haben sie nicht mehr als die Kleider, die sie anhaben – es sollte das letzte Mal sein, dass sie ihr Haus sehen.
Als Raed nach der Waffenruhe zurück kommt, findet er nicht einmal mehr den Ort, wo einst sein Haus stand. Einzig ein T-Shirt seines Sohnes zeigte ihm, dass hier wohl sein Haus gestanden haben muss. Die israelische Armee hat die Gebäude systematisch zerstört, gesprengt. Haus für Haus. Das Dorf Asbed Abed Rabo im Norden des Dorfes gibt es nicht mehr.
Und dann haben Armee-Bulldozer Raeds Taxi überrollt. Altmetall. Die Einnahmequelle der Familie ist ebenso Geschichte wie das Haus, die Olivenbäume, Kleider, Fotoalben, Schulbücher, Geschirr. Die Familie von Raed hat keine Vergangenheit, keine Gegenwart mehr und viele Fragen zur Zukunft.
Raeds 17-jährige Tochter weigert sich, auch nur über die Schule, die Universität zu reden. “Es gibt keine Zukunft für uns. Warum sollte ich noch etwas lernen?” – Raeds 17-jährige Tochter war eine der besten Schülerinnen im Norden des Gaza-Streifens, hat Wettbewerbe gewonnen.
Raeds Leben ist ein Trümmerhaufen. Mit starren Augen, läuft er immer wieder über die Trümmer, die einst sein Heim, seine Heimat waren. Raed fragt mich, was er denn seinen Kindern für eine Zukunft zu bieten habe. — Hätten Sie eine Antwort?
Das ist die Geschichte von Raed. Eine von Tausenden Geschichten aus dem Gaza-Streifen des Januar 2009.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf andremarty.com.
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