“Generation Abwarten” – Selbstverständnis einer Generation

“Eine ganze Generation verlorener Träume, die nur noch ein Ziel hat: Ein Ziel zu haben.” Dies ist in meinen Augen die Antwort auf die Frage: Was prägt meine Generation? Natürlich sieht die Wahrheit vielschichtiger aus. Also folgt mir, wenn ihr mögt, durch “die Jugend von heute”, die ich grob auf

geanw.jpg“Eine ganze Generation verlorener Träume, die nur noch ein Ziel hat: Ein Ziel zu haben.” Dies ist in meinen Augen die Antwort auf die Frage: Was prägt meine Generation? Natürlich sieht die Wahrheit vielschichtiger aus. Also folgt mir, wenn ihr mögt, durch “die Jugend von heute”, die ich grob auf die Jahrgänge ’84 bis ’92 beziehen würde.

Selbstverständnis

Wie jede Generation hält sich auch meine Generation für etwas Besseres. Aber der Unterschied zur “Elterngeneration” ist nicht so schwerwiegend, dass es zu einem Generationenkonflikt kommt. Meine Generation wächst in einer recht friedlichen Umgebung auf. Verschiedene Probleme zeichnen sich am Horizont ab (z.B. Klimawandel). Meist sind diese Dinge jedoch noch nicht so gegenwärtig, dass sie als direkte Bedrohung angesehen werden. Und so drängt meine Generation nicht danach schon jetzt die Lenkung zu übernehmen, sondern wartet ab, ob “die da oben” die Probleme abwenden können.

Meine Generation sieht sich als Chance an, glaubt unkomplizierter, pragmatischer an Probleme herangehen zu können. Sie möchte natürlich alles besser machen, aber nicht alles grundlegend anders.

Ziele, Ängste und Traum

Es gibt keinen gemeinsamen Feind. Kein imperialer Kommunist, kein unterdrückender Monarch. Dies ist in meinen Augen Problem und Chance zugleich. Chance, da man die Gelegenheit hat, Ideen und Träume in Ruhe zu entwickeln. Chance, weil eine freie Welt die Wahrscheinlichkeit für das Wiederaufkeimen von Hass und Verfolgung mindert. Aber es ist auch ein Problem. Keine großen Veränderungen bedeuten auch, dass man es sich überlegt, ob man für eine kleine Veränderung überhaupt kämpft. Zudem fehlt der Jugend Gemeinschaft. Sie träumt von Zusammenhalt und Gemeinschaft. Daher haben Portale wie MySpace, StudiVZ und Facebook so großen Widerklang. Das bedeutet natürlich auch Konfliktpotential. Eine Jugend, die Gemeinschaften sucht, läuft Gefahr, diese an falschen Stellen zu finden.

Natürlich gibt es auch Ziele und Herzensthemen meiner Generation. Das zentrale ist der angesprochene Wunsch nach mehr Gemeinschaft, der sich noch weiter fassen lässt: Als Wunsch nach mehr Gefühlen, mehr Emotionen. Weitere Themen wie Klimawandel, soziale Probleme oder Krieg und Unterdrückung in anderen Teilen der Welt, werden wahrgenommen, in vielen Teilen der Jugend sogar stark diskutiert. Für wirkliches Handeln tangieren jene Themen die Jugend jedoch zu wenig, so dass nur kleine Gruppen sich ausgiebig damit beschäftigen.

Eine große Angst meiner Generation ist es, vollkommen im Vakuum der Bedeutungslosigkeit zu verharren, lediglich eine Zwischenstation zu sein. Große technische Errungenschaften scheinen in der Vergangenheit oder der Zukunft angesiedelt zu sein.

Andere Generationen

Was denkt meine Generation über ihre Eltern? Natürlich gibt es Differenzen, wie es sie in jeder Generation gibt. Aber es sind keine unüberbrückbaren Probleme, wie beispielsweise bei den 68ern. Probleme, wie beispielsweise der Klimawandel sind hausgemacht. Meine Generation kritisiert jedoch weniger die gemachten Fehler, als den Versuch, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Der vermutlich größte Unterschied ist, dass wir nach dem Kalten Krieg groß wurden und im Gegensatz zu vielen älteren Menschen nicht in veralteten Strukturen denken und so der Zukunft vielleicht besser gegenübertreten können. Vielleicht als einzige gegenüber stehen können.

Kritik gibt es aber auch an der Generation nach uns. Nicht selten hört man uns sagen, wie dreist oder unerzogen Kinder heutzutage seien und das wir da besser waren. In diesem Bezug hören sich viele von uns vielleicht sogar an, wie Oma und Opa. Sowieso spricht die Tatsache, dass Werte wie Familie und Freundschaft, Ehe wieder mehr bedeuten durchaus dafür, dass mit der Generation der Großeltern eine größere Ähnlichkeit besteht.

Idole

Idole sagen viel über eine Generation aus. Mehr noch als real existierende Personen, verdeutlichen jedoch fiktive Charaktere das Selbstverständnis einer Generation. Ich möchte an dieser Stelle auf zwei, die jeder in meinem Alter kennt, eingehen, da man an ihnen etwas deutlich machen kann.

Charakter eins ist Neo aus Matrix. Neo ist zunächst ein ganz normaler Mensch, ohne besondere Fähigkeiten, der ein gewöhnliches Leben führt. Dann gibt es ein einschlägiges Ereignis und er entwickelt sich zum Helden, der eine Aufgabe hat. Dies ist durchaus der Traum vieler junger Menschen: Aus dem grauen Alltag entfliehen, eine Bestimmung zu bekommen.

Charakter zwei: Dr. House aus der gleichnamigen TV-Serie. Dr. House ist ein Misanthrop, wie er im Buche steht. Er beleidigt, diskriminiert. Eigentlich kein Charakter, mit dem man Sympathien aufbauen würde. Doch auch hier muss man um eine Ecke denken. Denn Dr. House ist nicht nur fies und gemein, er ist auch ein genialer Arzt, der immer wieder Menschenleben rettet. Und er erzieht mehr oder weniger nebenbei noch Patienten und Kollegen, bringt ihnen das ein oder andere aus dem Leben bei. Dr. House ist kein schlechter Mensch und es ist ihm auch nicht egal, was die Menschen von ihm denken. Aber er legt keinen Wert darauf, krampfhaft nett zu sein. Er will, dass man ihm nach dem bewertet, was er leistet und nach den Intentionen seines Handelns. Viele Jugendliche sehen dies ähnlich, daher ist die Serie so erfolgreich. Sie wollen, dass man Menschen nicht nach Aussehen und Umgangsform bewertet, sondern vielmehr auf das “was hinten dabei raus kommt”.

Prägende Ereignisse

Meine Generation hat keinen Weltkrieg, keinen Kalten Krieg, kein geteiltes Land. Die wichtigsten Ereignisse, “unsere” mit Kuba-Krise oder Mauerfall, sind der 11. September 2001 und der Irak-Krieg. 9/11 fand für viele von uns zu einem Zeitpunkt statt, als unsere politisch-historische Bildung noch bruchstückhaft war. Beim Irakkrieg waren viele schon weiter. Sie sahen, wie sich dieser Krieg über Monate hinweg andeutete, wie es Protestströme gab und man dem Kriegsbeginn letztendlich doch nur schmerzhaft zusehen konnte. Es gibt nur wenige junge Menschen die diesen Krieg guthießen.

Welche Wirkung hatte er auf meine Generation? Das Gefühl chancenlos zu sein gegen die Mächtigen. Zugleich verstärkte er jedoch den Ansporn, eine alternative Form des Umgangs zu entwickeln, wie man ihn bei der Fußball-WM oder dem Welt-Jugend-Tag erleben konnte.

Doch auch unscheinbare, kleine Ereignisse machen viel vom Lebensgefühl dieser Generation aus. Als ein Beispiel ist hier die Anerkennung der Homo-Ehe zu nennen. Homosexualität, verschiedene Religionen, Kulturen. Ich keiner vorangegangenen Generation sind all diese Dinge so akzeptiert worden wie in meiner. Grenzen verschwinden, Kulturen vermischen sich. Dies führt auch dazu, dass die friedliche Welt eines geeinten Europas nicht generell in Frage gestellt wird. Diese Generation “doktert” maximal am System herum, stellt aber keine Systemfrage, was früher nicht gänzlich ausgeschlossen war.

Perspektiven

Meine Generation wächst in einer sich schnell ändernden Welt auf. Internet und Handys auf der einen Seite, ein aufstrebendes China und aufstrebende arabische Staaten auf der anderen Seite. Sinnbildlich, dass die USA unter Bush noch eine Art Feindbild waren, zumindest derzeit unter Obama jedoch wieder als Heilsbringer gehandelt werden.

Meine Generation weiß, dass sie es schwer haben wird. Die Antwort auf diese Herausforderung ist eine ganz eigene: Viele Träume gehen spätestens nach der Schule verloren, werden dem Alltag geopfert. Werden vergessen oder begraben, weil es “erst mal” darum geht, gesicherte Verhältnisse zu finden. Erst sichere Verhältnisse, dann erst die Welt retten, überspitzt ausgedrückt. Erst einmal warten. Dies ist auch der Grund, warum ich meine Generation als “Generation Abwarten” betiteln würde. Ob meine Generation den Mut und auch die Gelegenheit haben wird, ihre Träume noch einmal auszupacken, wenn jeder seine “gesicherten Verhältnisse” erreicht hat? Dies bezweifele ich leider, genauso wie ich es bezweifele, dass jeder seine gesicherten Verhältnisse erreichen wird.

Ich persönlich würde mir manchmal etwas mehr Mut von meiner Generation wünschen. Etwas mehr Kampf, etwas mehr Risiko und die Bereitschaft auch mal für seine Träume die unsichere Variante zu wählen.

Dies alles stellt natürlich nur meine Eindrücke und meine Meinung dar…

Photo Quelle/Copyright: Klaus-Uwe Gerhardt, via pixelio.de

Kommentare

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  1. Liebenswert und sehr bemerkenswert! Der Beitrag zeigt, dass die Elterngeneration mehr tun muss, um den Anschluss an die Jugend zu halten. Er zeigt auch, dass die heutige Jugend, wann immer sie ausreichende Chancen bekommt, offen und aufgeweckt ist, was für die Zukunft hoffen lässt.