“Der detaillierte Blick macht einen guten Placeblog aus” – Ein Interview

Michael Göbbels, Student an der Universität Karlsruhe, hat eine Masterthesis über das Thema der Relevanz und Nutzung von Placeblogs geschrieben. Nach einer kurzen Übersicht, die bereits zu Wochenanfang erschienen ist, wollte es die Readers Edition noch einmal ganz genau wissen und hat nachgehakt. RE: Was macht einen guten Placeblog aus?

mg1.jpgMichael Göbbels, Student an der Universität Karlsruhe, hat eine Masterthesis über das Thema der Relevanz und Nutzung von Placeblogs geschrieben. Nach einer kurzen Übersicht, die bereits zu Wochenanfang erschienen ist, wollte es die Readers Edition noch einmal ganz genau wissen und hat nachgehakt.

RE: Was macht einen guten Placeblog aus?

Göbbels: Das besondere Merkmal ist ja die thematische Eingrenzung der Inhalte auf eine Stadt, Region oder auch nur einen Stadtteil oder Straßenzug. Für mich persönlich beschäftigt sich ein Placeblog in der Hauptsache mit Dingen wie Architektur, Bautätigkeiten, besonderen Plätzen und lokalen Veranstaltungen. Am besten mit Fotos und Videos. Der Placeblog sollte auf Dinge in der eigenen Umgebung aufmerksam machen und eventuell zur Diskussion anregen. Es gibt Placeblogger, die spazieren mit der Kamera durch ihre Kommune und fotografieren. Oft kenne ich die Plätze, Menschen oder Objekte bereits, habe mir aber noch nie wirklich größere Gedanken darüber gemacht. Dann hat man oft diesen Wiederkennungseffekt und die Materie ist spannend, weil man interessante Hintergründe darüber erfährt, nach dem Motto: ‘Das hast du doch auch irgendwo schonmal gesehen’. Ich denke, dieser detaillierte Blick macht einen guten Placeblog aus.

RE: Inwieweit unterscheiden sich Stadtteilblogs von der herkömmlichen lokalen Berichterstattung?

Göbbels: Stadtteilblogs sind nicht an irgendwelche Formatvorgaben gebunden. Der Autor kann schreiben wie er möchte. Ausführlichkeit und Themenwahl ist ihm überlassen. Er  kann auch über Dinge berichten, die eventuell nur für sehr wenige Leute von Relevanz sind. Er kann Bilder und Videos von anderen Seiten einbeziehen und die Artikel bei Bedarf aktualisieren.  Die regionalen Nachrichten werden oft aufgegriffen und kommentiert. Seltener berichten Printmedien über Beiträge aus Stadtblogs. Ein Autor wird selten nur immer eine Art von Beiträgen schreiben. Über die Zeit entwickelt sich im Wechselspiel zwischen Autor(en) und Stammlesern eine eigene Mischung aus Themenwahl,  Stil und Umgangsformen. Nur wenn es beiden Parteien Spaß macht, wird er Blog auf Dauer Erfolg haben.

RE: Placeblogs als Teil einer wissenschaftlichen Arbeit. Das klingt doch sehr exotisch. Wie bist du zu diesem Randgebiet der Forschung gekommen?

Göbbels: Das hatte drei Gründe. Erstens interessiere ich mich persönlich für Social Software, Web 2.0 und Blogs. Ich habe als „Kind der 80er“ noch die gesamte Entwicklung persönlich mitterlebt und verfolgt. Damals war vieles wie DSL noch nicht selbstverständlich. Zweitens habe ich ein Praktikum zwischen Bachelor und Master beim Planungsverband Rhein/Main gemacht. Die Kontakte konnte ich für die Umfrage im Mai 2008 nutzen. Dort bin ich auch mit dem Thema Bürgerbeteiligung über das Internet bezüglich Planungsfragen in Kontakt gekommen. Und schließlich drittens: Das Stichwort „regionale Identität“ fällt oft im Zusammenhang des interkommunalen Wettbewerbes oder des Wettbewerbes zwischen Regionen und ich wurde bei meinem Masterstudium (Regionalwissenschaft und Raumplanung) an der Universität Karlsruhe darauf aufmerksam.  In Karlsruhe existiert das größte Stadtwiki Deutschlands und so bin ich auf Regionalwikis und Placeblogs gestoßen. Mein früherer Bachelor half mir dann bei der Umsetzung des Onlinefragebogens und den technischen Aspekten von Weblogs.

RE: Zu Anfang stellst du ja einige Thesen über das Treiben und die Nutzung der Seiten auf. Beispielsweise die, dass Placeblogs und Regionalwikis hauptsächlich von auswärtigen Besuchern aufgesucht werden, um sich über die Region oder den Ort zu informieren oder dass Placeblogs und Regionalwikis als ‚Identitätsanker‘ für ehemalige Bürger dienen und deshalb häufig aus dem Ausland frequentiert werden. Warst du sehr erstaunt darüber, dass sich deine Annahmen nicht bestätigt haben?

Göbbels: Ich wollte die Thesen absichtlich etwas „provokant“ formulieren. Den Ausgang hatte ich weitestgehend erwartet. Ich denke, das hängt mit der Zusammensetzung der teilnehmenden Webseiten zusammen. Die Thesen waren bereits formuliert bevor klar war, welche Seiten letztlich an der Umfrage mitmachen würden.

RE: Welche Bedeutung haben Placeblogs nun bereits als Medium, wie stark werden diese genutzt bzw. wie sieht der typische Nutzer aus?

kroep.jpgGöbbels: Die Blogleser kommen eigentlich aus allen Altersschichten. Es gibt weniger sehr junge Leser als bei privaten, tagebuchähnlichen Blogs und vereinzelt auch vergleichsweise sehr alte Leser. Es handelt sich hauptsächlich um Männer, die mehrheitlich über einen Hochschulabschluss verfügen (oder noch aktuell studieren) und als Angestellte arbeiten. Mehrautorenblogs in Großstädten haben teilweise 4-stellige Besuchszahlen pro Tag. Das hängt stark vom Datum der Gründung ab. Kleine Placeblogs in einer ländlichen Gegend haben vergleichsweise niedrige, dreistellige Zugriffszahlen. Die Menge potentieller Leser ist natürlich sehr unterschiedlich und kann nur in Relation gesehen werden. In Einzelfällen kann der Placeblog zum Diskussionsmittelpunkt werden. Der Vesteblick.de berichtete: „…Der Kommunalwahlkampf im Frühjahr dieses Jahres (OB-Wahl in Coburg) war das herausragende Ereignis auf Vesteblick.de. Mehrere Tausend Besucher, teils mehr als 100 Kommentare pro Beitrag und ein teils wahlentscheidender Meinungstransport.“ Im Regelfall sind Placeblogs aber eher ein zusätzliches, ergänzendes Medium.

RE: Was waren evtl. Schwierigkeiten, die sich bei der Befragung ergeben haben?

Göbbels: Der Begriff „regionale Identität“ ist schwer zu kommunizieren, entsprechend sind die Antworten manchmal etwas unerwartet ausgefallen. Seitenbetreiber empfanden den Fragebogen als zu persönlich und wollten deswegen nicht teilnehmen.

RE: Wie siehst du die Zukunft von Placeblogs, sind diese noch im Kommen? Was wären deine Empfehlungen für deren Weiterentwicklung?

Göbbels: Zunächst kann natürlich ein solider Technikunterbau nicht schaden. Der Einsatz von Videos ist auch noch eher selten. Das Seitendesign sollte am Anfang  nicht unbedingt im Vordergrund stehen, aber irgendwann kann man sich mal Gedanken um ein professionelles Design machen. Es wird sicher noch einige experimentelle Neugründungen an Placeblogs und Regionalwikis geben. Viele davon werden vermutlich aber wieder verschwinden. Ein Placeblog muss einen eigenen Charakter und eine gewisse Stammleserschaft aufbauen, um „erfolgreich“ zu sein. Ich glaube, Blogs mit mehreren (guten) Autoren haben Vorteile, da sich die Arbeit verteilen lässt und insgesamt mehr Aktivität besteht.

RE: Nachdem du in deiner Arbeit selbst festgestellt hast, dass dein Untersuchungszeitraum zu kurz bemessen war, gibt es von deiner Seite Ambitionen, noch tiefer in das Thema einzusteigen?

Göbbels: In vielleicht 2 Jahren wäre eine ähnliche Umfrage sicher interessant. Welche Seiten existieren überhaupt noch? Ich würde mich aber auf wenige Seiten konzentrieren, um diese intensiver zu untersuchen. Mich interessiert auch das Thema der Glaubwürdigkeit, da ja mehr und mehr auch von gekauften Beiträgen und Schleichwerbung die Rede ist.

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Interview: Nicole Oppelt & Felix Kubach

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