Mit der Produktion eines Electronic Press Kits (EPK), also einer Art Pressemappe für Journalisten elektronischer Medien, wird die letzte Runde des PopCamps -Meisterkurs für Populäre Musik eingeläutet – Zeit für einen Blick hinter die Fassaden
Wie im Fluge sind die Monate vergangen seit die Bands das erste Mal aufeinandergetroffen sind. Mitte Mai letzten Jahres stand das Live-Audit in Celle an und seitdem ging es Schlag auf Schlag. Formelwesen aus Berlin, die hesslers aus Mannheim, Maren & Montauk sowie Alien Coen und Band, beide aus Weimar, haben rasante Zeiten hinter sich gebracht. Zwei Arbeitsphasen wurden ebenso erfolgreich gemeistert wie Konzerte, Radioauftritte und sonstige Herausforderungen, die das Leben als Musiker so mit sich bringen. Viel ist über ihr ambitioniertes Treiben berichtet worden. Es waren Momentaufnahmen von Geschehnissen, die sie wohl nicht so schnell vergessen werden. Nun laufen die Kandidaten der vierten PopCamp-Staffel ins “Finale” ein. Bei der Deutschen Rockmusik Stiftung werden die jungen Talente nun nacheinander ihre Electronic Press Kits produzieren und somit aus dem Schoß des Spitzenförderprojekts “entlassen”.
“Zusammenpacken und los!”, so könnte wohl eine der meistgemachten Aufforderungen während des gesamten Meisterkurses für Populäre Musik umschrieben werden. Von Termin zu Termin eilend, zwischen Musik, Privatem, Job oder Universität pendelnd, gab es wenig Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren. Entsprechend wertvoll waren die Stunden, die Gelegenheit zur inneren Einkehr boten, die Aufschluss über das eigene Streben gaben und die es vor allem auch Außenstehenden erlaubten, ihr Tun von einer anderen, inneren Seite zu beleuchten.
“Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum”, stellte der große Philosoph Friedrich Nietzsche schon vor mehr als hundert Jahren fest. Seine weisen Worte wirken bis in unsere Tage nach. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte er sich getäuscht. Denn genau seine Erkenntnis ist es, die charakteristisch für diese kleine Schar zu stehen vermag, die mit Hilfe eines engagierten und einfühlsamen Dozententeams ein ums andere Mal über sich hinausgewachsen ist. Nietzsches Feststellung haben sie sich scheinbar zu eigen gemacht hat. Denn mittlerweile scheint klar, für sie alle kommt derzeit wenig anderes in Frage.
“Musik passiert einfach. Sie ist eine ‘Wölkchenwelt’, die man sich selbst bestimmen kann”
“Wir haben unseren eigenen Sound gefunden”, resümiert etwa Sängerin Mareen Kessler das Ergebnis der harten Arbeit. Maren & Montauk sei gerade dabei einen eigenen Weg, eine eigene Identität zu finden und wolle nun versuchen, den Profiweg einzuschlagen. Und auch die hesslers setzen dieser Tage alles daran. “Wir suchen gerade einen Produzenten”, berichtet zum Beispiel Gitarrist Thomas Zipner von den derzeitigen Ambitionen seiner Truppe, die in nächster Zeit zwischen Karben und Nürnberg unterwegs sein wird. Immerhin, so ergänzt Schlagzeuger Moritz Müller, bedeute Musik für sie fast das ganze Leben. Mit ihrer Hilfe sei es möglich, sich eine ganz eigene Welt zu bauen und sich auch einmal fallen zu lassen. Denn “Musik passiert einfach. Sie ist eine ‘Wölkchenwelt’, die man sich selbst bestimmen kann” und das schätze er jeden Tag. Ob sie andere davon überzeugen müssten? Eigentlich nicht. Immerhin gäbe es Projekte wie “School of Rock“, die Kids schon frühzeitig sehr praxisnah mit dieser Leidenschaft in Kontakt brächten. Doch, das geben sie unumwunden zu, es müsse wieder klar werden, dass Stars nicht á la Dieter Bohlen gemacht würden. Wichtig sei vielmehr, gerade in der heutigen Zeit, die Ehrlichkeit und Natürlichkeit eines Künstlers herauszustellen. Sie jedenfalls hoffen, dass sich so etwas zwischen den vielen “aufgeblasenen Acts” wieder durchsetzen wird. Dass diese berechtigt ist, kann auch Gitarrist Jan Frisch bestätigen: “Da keimt noch viel Potential”, wirft dieser ein. “Gerade auf Myspace sieht man, wie viele eigentlich Musik machen”, ergänzt da auch Kollegin und Sängerin Alin Coen, die schon viele verbindende Momente mit Musikern erlebt hat und mit ihrer Band nun erstmal eine neue Platte ins Auge fassen wird.
Musik und Enthusiasmus für eine gemeinsame Sache, das prägt die vierte “Generation PopCamp”. Viele von ihnen sind ihrer Leidenschaft schon seit Kindesbeinen verfallen. Entscheidende Einflüsse aus der Familie wechseln mit einschlägigen Erfahrungen, die sie dahin gebracht haben, wo sie heute sind. Und sie wollen mehr.
Doch was ist eigentlich Erfolg? Professor Udo Dahmen, der das PopCam als Kurator, Supervisor und Consultant begleitet, ist sich jedenfalls nicht so sicher, ob dieser, so wie in den USA, allein am verdienten Geld bemessen werden könne. Das PopCamp, daran glaubt er allerdings fest, trage maßgeblich zur Profilschärfung bei. In den vergangenen Arbeitsphasen wurden die Künstler wesentlich in ihrer Substanz angerührt, was den innersten Wesenskern der Bands zu Tage treten ließ. Deshalb liegt ihm viel daran, den oft nur materiell betrachteten Erfolg differenziert zu sehen. Denn der Aufbau einer “Community” gehöre hier genauso dazu, wie die eigene Weiterentwicklung. “All das trägt zur Professionalisierung bei und gestaltet die Perspektive klarer.”
“Ohne Musik kann ich nicht leben!”
16 junge Menschen stehen nun an dieser Schwelle. Viele der Impulse, die sie in den vergangenen Monaten “im Sandkasten Popcamp”, wie es Kosho ausdrückt, bekommen haben, sind angekommen oder bereit zur Verarbeitung. Und die Hoffnung ist nicht nur in Anbetracht vergangener Kandidaten (wie hier im Film zu sehen), sondern auch mit Blick auf den Werdegang ihrer Dozenten, groß, dass auch sie es schaffen werden. Da ist zum Beispiel Fabio Trentini. Dem umtriebigen Italiener war nach eigenen Angaben schon als Kind klar “Musiker werden zu müssen”. Beeinflusst durch eine ausgesprochen musikalische Familie – insbesondere den eigenen “Rocker-Daddy” – und den bekannten Sänger und Schauspieler Adriano Celentano, landete er schon im zarten Alter von elf Jahren am Schlagzeug, dem mit 14 bereits der erste Bass folgte. Der Rest ist Geschichte – mit allen Höhen und Tiefen. “Hier in Deutschland fehlt oft der Mut”, sagt er in einer der wenigen Pausen sichtlich nachdenklich. Doch was auch passiere – immerhin habe er es auch mit “vernünftigen Jobs” versucht – “ohne Musik kann ich nicht leben!”. Sie sei die universelle Sprache, ihr muss nichts hinzugefügt werden.
Sein Kollege Oliver Rüger kann da ähnliches berichten. Mit gerade einmal dreizehn begann er mit dem Gitarrenspiel. Und auch wenn er erst seit wenigen Jahren von seinem kreativen Schaffen leben könne, sei für ihn klar: “Privates und Beruf sind für mich nur schwer trennbar. Ich bin mit jeder Faser meines Körpers Musiker und habe nur wenige Momente, in denen ich nicht an sie denke”. Für ihn ist sie zu einem “Lebensprofil” geworden. Ein Mittel, das Gefühlen Farbe verleihen könne.
Unterschreiben können das sicherlich auch seine Mitstreiter in dieser vierten Staffel. Von der Musik als “Tankstelle” oder “Grundnahrungsmittel” ist da ebenso die Rede wie von einem “besten Freund”. Sie gibt ihnen ein “Zuhause” und ist zugleich “Ventil”. Sie sei, so Kosho weiter, die “schönste Form, um Materie zu spüren und dann zu überwinden”. “Ich weiß nicht, wie es sein wird, aber meine Vision wäre, dass jeder, der will, Musik machen kann ohne sich Gedanken machen zu müssen, ob man davon leben kann.” Ob das ein schöner Traum bleiben wird? Wer weiß. Sicher ist jedenfalls, dass so gut wie alle sich nicht vorstellen könnten, in ihrem Leben etwas anderes zu machen. Und so fasst auch Dozentin Anke Lange das Ergebnis der vielen Gespräche wie folgt zusammen: “Hobby und Profession kann sehr prägend sein. Das Leben für die Kunst hat bei ihnen (den jungen Bands als auch den Dozenten) jedenfalls eine ganz große Bedeutung.”
Musik überschreitet Grenzen – über Kontinente hinweg
Projektleiter Michael Teilkemeier, der zusammen mit Assistentin Marleen Mützlaff, den Kopf des Spitzenförderprojekts bildet, ist deshalb auch überzeugt, dass mit der hier geleisteten Arbeit so einiges bewegt werden kann: “Ich glaube, dass gerade die Popmusik sich dadurch auszeichnet sinnstiftend zu sein.” Mit ihrer Hilfe könnten schließlich sämtliche Grenzen über Kontinente hinweg überschritten werden.
Wer ihm nicht glaubt, dem sei heute ab 23.05 Uhr die 110-minütige Rückschau von radioeins auf das PopCamp-Konzert im vergangenen November ebenso empfohlen wie am 30.1. um 21.05 Uhr ganze 55 Minuten PopCamp bei “on stage” im Deutschlandfunk.
Hier geht’s zu einer Bilderserie des Konzerts: News in Bildern
Hiert geht’s zur Bilderserie der zweiten Arbeitsphase: News in Bildern
Mehr zum Thema in unserer Sonderbox PopCamp 2008
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