Wir sind nicht nur deshalb solidarisch mit Israel, weil wir als Deutsche die historische Verantwortung für die Ermordung von 6 Millionen Juden haben. Auch deshalb ist unser Verhältnis zum Staat Israel sicher ein ganz besonderes. Deshalb bekämpfen wir Antisemitismus, egal ob er von rechts, aus der scheinbaren Mitte der Gesellschaft, aus muslimischen Kreisen oder von links kommt.
Deshalb protestieren wir, wenn am Stand des Iran auf der Frankfurter Buchmesse die “Protokolle der Weisen von Zion” unkommentiert als die reine Wahrheit angepriesen werden. Deshalb sind wir angeekelt, wenn wir in der Charta der HAMAS lesen, die Juden wären angeblich an allen Kriegen der Welt schuld, auch am 2. Weltkrieg, aus dem sie im Übrigen riesige finanzielle Gewinne gezogen hätten. Ein wahrhaft ekelhafter Satz insbesondere dann, wenn man bedenkt, was den Juden während des 2. Weltkriegs tatsächlich widerfahren ist.
Zum Holocaust ist in der Charta der HAMAS natürlich nichts zu lesen. Gerade wegen des historischen Versagens Deutscher gegenüber den Juden, dessen negativer Höhepunkt der Holocaust war, müssen wir laut aufschreien, wenn in der arabischen Welt bereits Kinder mit antijüdischen Parolen indoktriniert werden, wenn bereits im Kinderprogramm des HAMAS-Senders Al Aqusa zur Ermordung von Juden aufgerufen wird.
Der eigentliche aktuelle entscheidende Grund, warum wir als Deutsche und als westliche Welt mit Israel solidarisch sein sollten, ist ein anderer:
Israel ist das einzige Land im Nahen Osten, das unsere Werte teilt. Die Werte, die wir in Europa so gerne für das Christentum exklusiv vereinnahmen, sind in Wahrheit jüdische Werte: Die Achtung des Individuums, Nächstenliebe (3. MOSE 19,18); Solidarität mit dem, der in soziale Not geraten ist u.s.w.
Israel ist das einzige Land im Nahen Osten, das unsere demokratischen Prinzipien teilt: Weitgehende Gleichberichtigung von Mann und Frau, Freiheit der Meinungsäußerung, Demonstrationsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit für alle, bis hin zur Freiheit der sexuellen Orientierung.
Ich finde es gut, dass es in Israel Demonstrationen gegen die Militär-Aktion in Gaza gab, auch wenn ich anderer Meinung war. Gleichzeitig würde ich mir wünschen, die Menschen in Gaza dürften überhaupt gegen die HAMAS und ihren Raketenterror gegen israelische Zivilisten demonstrieren.
Ich finde es gut, dass Amira Hass in der “Haaretz” einer der, wenn nicht der größten israelischen Tageszeitung, die dank ihrer englischsprachigen Internet-Ausgabe einem noch größeren Publikum zugänglich ist, veröffentlicht. Selbst wenn die kritischen Kolumnen von Amira Hass wegen ihrer Einäugigkeit oft schwer zu ertragen sind. Ich würde mir wünschen, dass es in der arabischen Welt und im Iran auch Journalisten gäbe, die kritisch über Regierungen berichten dürfen, ohne um Freiheit oder gar Leib und Leben fürchten zu müssen.
Ich finde es gut, dass es in Israel Organisationen wie Becelem gibt, die über kriminelle Übergriffe von Siedlern auf die arabische Bevölkerung berichten. Ich habe in Israel auch schon einen Vortrag von Becelem gehört und sehe ihre Arbeit auch teilweise kritisch, aber es ist ein Zeichen des funktionierenden Meinungspluralismus in Israel, dass es Becelem und vergleichbare Organisationen gibt.
Ich würde mir wünschen, dass im Iran eine Organisation gäbe, die gefahrlos auf die bedrängte, schlimme Lage der Angehörigen der Bahai-Religion hinweisen kann.
Ich würde mir wünschen, dass es in Gaza eine Organisation gäbe, die sich für die christliche Minderheit einsetzen würde oder könnte. Die Situation in Gaza wird für Christen unter der HAMAS, die gerade dabei ist, die Scharia einzuführen, immer dramatischer.
In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass der Staat Israel garantiert, dass Juden, Christen und Muslime beispielsweise in Jerusalem ihren jeweiligen Glauben leben können. Bis Anfang Juni 1967, als Ostjerusalem unter jordanischer Verwaltung stand, war es Juden nicht erlaubt, an der Westmauer zu beten.
Ich finde es gut, dass es in Jerusalem trotz des Widerstandes einer kleinen Gruppe religiös-radikaler Juden und des Vatikans (!) einen Christopher-Street-Day gab, und dass es offensichtlich eine fette Party war.
Ich warte noch auf den Tag, an dem in Riad, Damaskus und Teheran Homosexuelle auf Straße unbeschwert feiern dürfen. Bis dahin wären sie wahrscheinlich froh, sie müssten nicht im Untergrund leben. Zumindest im Iran weiß man sicher, dass Homosexuellen oder solchen Menschen, denen man vorwirft, sie seien homosexuell (auch Minderjährigen!) die Todesstrafe droht und auch schon häufig – teilweise durch öffentliches Erhängen – vollstreckt wurde.
Deshalb wegen alledem: Solidarität mit Israel!
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Photo: jasoneppink via flickr.com (cc Lizenz)
@ Jörg Jarolimeck: Sie haben Recht und es erfreut, auch einmal Stimmen zu lesen, die nicht so denken wie doch offenbar die meisten in Deutschland.
Mich hat das auch schon oft geärgert: Dass immer wieder zu hören ist, wir müssten allein deshalb, weil wir wegen unserer Geschichte in einer besonderen Verantwortung stünden, zu Israel halten. Natürlich haben wir eine besondere Verantwortung, aber die sehe ich eher darin begründet, dass wir uns eine gewisse Scham und Demut bewahren und nicht ausgerechnet den Nachfahren der Opfer vorwerfen sollten, sie würden heute “Nazi-Methoden” anwenden – weil das geschmacklos und dumm ist (und nicht stimmt, wie jeder weiß, der sich mal mit den Methoden der Nazis beschäftigt hat – siehe Leningrad, siehe Babyn Jar.
Aber darin erschöpft es sich eben nicht und das ist, wie Sie zu Recht schreiben, auch nicht der eigentlich Grund, warum wir zu Israel stehen sollten. Sondern eben auch, weil es eine lebensfrohe, weltliche, rechtsstaatliche Demokratie ist, die für die gleichen Werte eintritt wie wir. Israel ist der “Vorposten der Demokratie” im Nahen Osten. Ich erinnere mich noch gut, im Zuge der Korruptionsvorwürfe gegen Ehud Olmert irgendwo im Internet Leserbriefe von Moslems aus allen möglichen arabischen Zeitungen (Ägypten, Saudi Arabien, Irak etc.) gelesen zu haben, in denen etwa folgendes gesagt wurde: Erstens, wie lächerlich diese Korruptionsvorwürfe doch seien angesichts der immensen Korruption in den eigenen arabischen Ländern, zweitens, wie toll die Leserbriefschreiber es fanden, dass über diese Korruptionsvorwürfe in Israel offen gesprochen wurde, dass Ermittlungen durchgeführt wurden, dass die Presse hierüber berichtete – denn all das kennen die Menschen aus arabischen Ländern in der Regel nicht.
Ich meine allerdings, dass die Nähe zum Westen nicht der alleinige Grund ist, warum wir Israel unterstützen sollen. Sondern ein wichtiger Grund ist eben auch, dass Israel tatsächlich im Recht ist. Es ist ein Staat, der sich seit seiner Gründung mehrfach und immer noch gegen seine Vernichtung wehren muss, obwohl die Juden bereits seit 1880 in dem Land siedeln, obwohl sie das Land von den dort damals nur vereinzelt lebenden Arabern gekauft haben und obwohl es 1947 einen UN-Teilungsbeschluss gab, der das Land den Israelis zusprach.
Abschließend: Wenn sich die Deutschen nur ein einziges Mal so über Geschehnisse in anderen Gegenden der Welt erregen würden wie über die in und um Israel – etwa über die in Tibet, Ruanda, Somalia, Iran, Russland etc. -, dann wäre mir auch bedeutend wohler und ich fände das alles nicht so schrill, hysterisch, hasserfüllt, und ja: antisemitisch.