Zu einem Eklat kam es gestern während einer Podiumsdiskussion auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos (Schweiz). Nachdem Israels Präsident Schimon Peres eine hitzige Verteidigungsrede für den vor kurzen von seinem Land vom Zaun gebrochenen, unverhältnismäßig brutalen, mittlererweile beendeten – mit den Hamas-Raktenangriffen auf Israel begründeten – Krieg im Gazastreifen gehalten hatte, fragte dieser den ebenfalls an der Runde teilnehmenden türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan: “Was hätten Sie denn getan, wenn jeden Abend Raketen auf Istanbul niedergegangen wären?” Als Erdogan darauf antworten wollte, ließ man ihn nicht zu Wort kommen. Der Moderator der Diskussion, der Journalist David Ignatius von der Washington Post, bügelte den türkischen Premier mit den Worten – die Debatte sei zuende – brüsk ab.
Die Unsitte, Meinung mundtot zu machen
Eine offenbar allgemein salonfähig gewordene Unsitte, welche auch in deutschen Talkrunden (Maischberger, Illner, Will usw.) nicht selten zu verfolgen ist. Augenscheinlich wohl hauptsächlich immer gerade dann, wenn dem Sender die Meinung des im Moment zu Wort Gekommenen – sei diese(r) nun politisch links (so kürzlich Frau Sahra Wagenknecht bei Anne Will) oder z.B. wegen des Gazakriegs israelkritisch (wie Peter Scholl-Latour bei “3nach9″) eingestellt. In diesen Fällen wird Meinung brutal abgewürgt, sozusagen mundtot gemacht. Und mag diese auch der Wahrheit auch noch so nahekommen, wie die anderen im Talk geäußerten…
Premier Erdogan, gestern in Davos, reagierte auf derlei Verhalten, sauer und kühl, passend zur winterlichen Witterung vor Ort: Mit den Worten “Ich komme nicht mehr nach Davos, weil Sie mich nicht sprechen lassen!”, raste er mit offenbar erhöhtem Blutdruck aus dem Saal.
Die Türkei – das Land pflegt bereits lange gute Beziehungen zum Staat Israel – hatte sich (neben anderen Ländern) während des Gaza-Krieges (und davor ebenfalls schon) um Friedensgespräche zwischen Israel und den (freilich in Fatah- und Hamas-Anhänger gespaltenen) Palästinensern bemüht und nach Beginn des Krieges sofort für eine Waffenruhe eingesetzt.
Schadensbegrenzung
Nachdem sich Erdogans Aufregung gelegt hatte, war er auf einer eiligst einberufenen Pressekonferenz um Schadensbegrenzung bemüht. Er erkärte, lediglich den Moderator Ignatius kritisiert zu haben, welcher ihn nur 12 Minuten – Peres dagegen aber 25 Minuten – habe zu Wort kommen lassen. Er, so Erdogan, respektiere Peres, was dieser jedoch gesagt habe, sei nicht wahr. Der türkische Premier: “Auch wir haben die Fakten.”
Tayyip Erdogan reiste danach umgehend nach Istanbul ab. Nach der Landung sagte Erdogan auf dem Atatürk-Flughafen laut “tagesschau.de”, Peres habe ihn angerufen, um sich für die Art und Weise in der er gesprochen habe zu entschuldigen.
So weit das turbulente gestrige Geschehen, die harten Fakten, welche zum “Eklat von Davos” führten. Verständlich auch die Reaktion Erdogans auf der Podiumsdiskussion. Der Gaza-Krieg polarisiert. Niemand wundert das. Auch hier auf Readers Edition schlugen (und schlagen) die Emotionen darauf hoch…
Es bleibt ein fader Beigeschmack
Zum Schluss jedoch steigt dann doch noch ein fader Beigeschmack aus dem gereizten Magen auf. In Istanbul wurde Tayyip Erdogan gegen 2 Uhr türkischer Zeit von tausenden Demonstranten mit frenetischen Beifall empfangen. Wie die Korrespondentin von Funkhaus Europa heute morgen aus Istanbul berichtete, hätten sogar Verkehrsbetriebe Istanbul eigens die zum Flughafen führende Metro-Linie wieder aktiviert worden, um die Erdogan-Sympathisanten aus der Bosporus-Metropole hinaus zum Airport zu befördern. Die Fahrt hin und zurück war sogar kostenlos. Die Menschen schwenkten türkische und palästinensiche Fahnen und zeigten Transparente mit Texten wie “Willkommen zurück, Eroberer von Davos” oder “Welt schau auf unseren Ministerpräsidenten!” Das Schlimme: Neben zur Genüge bekannten nationalistischen Sprüchen ertönten auch eindeutige antisemitische Sprechchöre beim Empfang des türkischen Premiers. Eine Stimmungwelle, welche – fraglos angeheizt durch das (kriegs-)verbrecherische Tun Israels im Gaza-Streifen – schon seit Tagen die Türkei beherrscht. So groß die Wut der türkischen Muslime darüber, so verständlich und naturgemäß umfangreich deren Solidarität mit dem geschundenen palästinensichen Volk ohne eignen Staat auch sein mag; eines ist ebenso klar: Antisemitismus rechtfertigen selbst die blutigsten Fakten nie und nimmer!
Auch tut das nicht die Tatsache, dass in der Türkei im März Kommunalwahlen anstehen. Die erklären höchstens die Reaktion der Istanbuler Verkehrsbetriebe, den Personentransport der Erdogan-Anhänger zum Atatürk-Flughafen kostenfrei zu stellen. Insofern ähneln die Handlungen türkische Wahlkämpfer durchaus dem ihren Kollegen in aller Welt. Wir in Deutschland wissen: Was setzte z.B. ein Wahlkämpfer Roland Koch (CDU) nicht schon alles ins Werk, um sich und seiner Partei die Macht zu erhalten. In besserem Licht lässt aber diese nüchterne Festellung freilich die türkischen Reaktionen auf durchaus in der Sache Kritikwürdiges – da gibt es kein Vertun! - nicht erscheinen.
Gemüter abkühlen lassen und Chancen ergreifen
Mögen sich die Gemüter in der Türkei rasch wieder abkühlen. Die Regierung Erdogan täte gut daran, betreffs der türkisch-israelischen Beziehungen, nicht noch weiteres Porzellan zu zerschlagen. Und auch dem Staat Israel (auch er steht ironischerweise vor Wahlen) stünde es gut zu Gesicht endlich einmal innezuhalten. Um Verhandlungen mit der (einst demokratisch korrekt in die Regierung gewählten Hamas) wird Tel Aviv letztlich nicht umhin kommen. Die Türkei wäre, um diesen (auf Leben und Tod notwendigen) Verhandlungen den Weg zu bereiten, nicht der schlechteste Partner…
Ein absolut treffender Beitrag. Israel kann sich für eine sichere Zukunft weder auf seine Atomwaffen noch auf dauerhafte blinde Unterstützung durch die U.S.A. verlassen. Israel braucht Verbündete. Es hat einen starken Verbündeten in der Türkei und viele treue Verbündete in Europa, Deutschland voran.
Aber den Frieden mit den Palästinensern zu torpedieren, wie Israel das seit Jahrzehnten macht, schwächt Israels Position schon heute. Wo findet sich Israel denn wieder, wenn die Welt einmal wirklich gründlich in Aufruhr gerät und die U.S.A. die Rolle des einseitig Israel schützenden Weltpolizisten nicht mehr spielen können?