Spenden in der Krise? Hilfsorganisationen zeigen sich optimistisch – Interview

Die Gürtel werden enger geschnallt. Das zweite Konjunkturpaket ist mittlerweile verabschiedet und allerorten schreit die Wirtschaft – wie zuletzt die Schaeffler AG – nach finanzieller Hilfe. Doch wie steht es um die, die diese nicht erst seit gestern brauchen? Denken wir in Zeiten, in denen es scheinbar uns an den

gdhfgd.jpgDie Gürtel werden enger geschnallt. Das zweite Konjunkturpaket ist mittlerweile verabschiedet und allerorten schreit die Wirtschaft – wie zuletzt die Schaeffler AG – nach finanzieller Hilfe. Doch wie steht es um die, die diese nicht erst seit gestern brauchen? Denken wir in Zeiten, in denen es scheinbar uns an den Kragen geht, noch an Länder in der Dritten Welt? Ich befragte einige Vertreter von Hilfsorganisationen und das Resultat gleicht einer großen Überraschung.

Zu Wort kommen: Svenja Koch, Pressesprecherin des Deutschen Roten Kreuzes, Christine Decker (Stv. Leiterin Öffentlichkeitsarbeit von Caritas international), Paul Bendix (Geschäftsführer von Oxfam Deutschland e.V.), Christoph Waffenschmidt (Vorstandsvorsitzender von World Vision Deutschland e.V.) und Rudi Tarneden (Sprecher UNICEF Deutschland e.V.)

RE: Wirkt sich die Weltwirtschaftskrise bisher auf die Spendenbereitschaft für solche Regionen wie etwa Afrika aus? Wenn ja, in welchem Umfang ist dies bereits spürbar und erwarten Sie diesbezüglich einen (weiteren) Einbruch?

koch.JPGSvenja Koch (DRK): Wir gehen davon aus, dass auch unsere Förderer sich Sorgen um ihre finanzielle Zukunft machen und hoffen, dass sie uns trotzdem weiter unterstützen. Ob es weniger Geld für Hilfsprojekte etwa durch die Bundesregierung oder die EU gibt, wird sich wenn dann erst langfristig zeigen. Das träfe dann alle Regionen – nur für Afrika ist das Spendensammeln besonders schwierig.

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christine.jpgChristine Decker (Caritas international): Nein, bisher stellen wir keinen Einbruch bei den Spendeneinnahmen fest.

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efgd.gifPaul Bendix (Oxfam): Bisher können wir weder in unseren 31 deutschen Oxfam Shops noch bei unserer Spendenwerbung einen Rückgang feststellen.

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669_l1.jpgChristoph Waffenschmidt (World Vision): Da wir eine Patenschaftsorganisation sind und unsere Paten sich in der Regel langfristig, nämlich bis zum 18. Lebensjahr ihres Patenkindes engagieren, spüren wir derzeit noch keine gravierenden Einbrüche. Im Vergleich zu den zurückliegenden Jahren ist jedoch die Neu-Spender-Gewinnung zurückgegangen. Sollte die Wirtschaftskrise allerdings über mehrere Jahre anhalten, werden wir sicher auch Einbrüche zu spüren bekommen.

Allerdings gibt es auch noch weitere Finanzierungsmöglichkeiten, wie z.B. öffentliche Gelder oder das Thema CSR (Corporate Social Responsibility). Hier sehen wir ein steigendes Interesse von Unternehmen, die auf uns zukommen und fragen, wie sie in sozialer Hinsicht Projekte von World Vision unterstützen können. Darüber freuen wir uns sehr. Ohne eine gemeinsame Anstrengung aller gesellschaftlichen Kräfte werden die ärmsten Länder ihre Probleme nicht lösen können.

fad5d40942.jpgRudi Tarneden (UNICEF): Die Spendenbereitschaft in Deutschland ist bisher weiter groß. Obwohl in den vergangenen Monaten ein Trommelfeuer negativer Nachrichten die Bundesbürger erreichte, kam es vor Weihnachten nicht zu einem Einbruch bei den Spenden. Schätzungsweise 25 Prozent der Deutschen spenden regelmäßig – auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten. Allerdings ist es schwieriger geworden, neue Spender anzusprechen und auch Firmen halten sich – vermutlich vor dem Hintergrund der Finanzkrise – zurück.

RE: Was wären die Folgen – besteht die Gefahr, dass durch ausbleibende Spenden sogar Hilfseinrichtungen vor Ort geschlossen werden müssen?

Svenja Koch (DRK): Bisher gibt da keine konkreten Befürchtungen, da die meisten Projekte langfristige Finanzierungszusagen haben. Das wird erst bei neuen Projektanträgen relevant.

Christine Decker (Caritas international): Nein, im Moment besteht diese Gefahr nicht. Wir gehen auch nicht davon aus, dass es dazu kommen wird.

Christoph Waffenschmidt (World Vision): Sollte es zu gravierenden Spendeneinbrüchen kommen, würden wir sicher auch über unsere Arbeit in den Entwicklungsländern nachdenken und hier und da Korrekturen vornehmen müssen. In solch einem Fall würden wir jedoch genau sondieren, was ist entbehrlich, wo können wir noch einsparen, ohne das es weh tut. Derzeit sind bei World Vision Deutschland solche Überlegungen zum Glück noch nicht nötig.

Rudi Tarneden (UNICEF): Erfahrungen aus früheren Wirtschaftskrisen wie zum Beispiel Ende der neunziger Jahre in Asien zeigen, dass aufgrund der Turbulenzen an den Finanzmärkten seinerzeit viele Kinder die Schule abbrechen mussten. Sie mussten plötzlich zum Einkommen ihrer Familien beitragen. Chronische Mangelernährung nahm zu und der Gesundheitszustand verschlechterte sich. Frauen gingen zum Beispiel nicht mehr zum Arzt, auch wenn sie krank waren, weil sie sich die Behandlung nicht mehr leisten konnten. Weil Exporterlöse wegbrachen, kürzten viele Regierungen auch ihre Ausgaben für die soziale und medizinische Grundversorgung. Deutschland hat die Möglichkeit, die Auswirkungen der Finanzkrise abzufangen. Wenn aber eine Näherin in Bangladesch ihren Job verliert, stehen sie und ihre Familie vor dem Nichts.

RE: Trotz der Krise haben in den betroffenen Industriestaaten fast alle Menschen noch genügend zu essen. In Afrika dagegen geht es ums nackte Überleben. Ärgert es Sie, dass – auch hierzulande – auf zu hohem Niveau gejammert wird?

Svenja Koch (DRK): Nein, was man als bedrohliche Situation empfindet, ist von Kulturkreis zu Kulturkreis unterschiedlich. Ich will mich niemandem das Recht des Jammerns absprechen. Es gibt viele vergessene Katastrophen und es ist unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Menschen, die dadurch existenziell bedroht sind, nicht vergessen werden..

Christine Decker (Caritas international): Es gibt sicherlich objektive Kriterien, die das Ausmaß einer Notsituation erfassen. Für denjenigen, der Not leidet, ist es aber immer eine sehr subjektive Erfahrung. Die subjektiv erlebte Not wird für den Betroffenen dadurch nicht geringer, dass ein anderer vielleicht noch größere Not leidet.

Paul Bendix (Oxfam): Nein, Armut ist immer relativ.

“Wir könnten das Leben von Millionen Kindern retten.”

Christoph Waffenschmidt (World Vision): Man muss immer daran denken, in den Industrieländern geht es in erster Linie um Geld – auch wenn es weh tut. Trotzdem haben wir in Deutschland soziale Sicherheitssysteme, die im Notfall einspringen. In vielen südlichen Ländern gibt es diese nicht. Hier geht es wirklich um Leben oder Sterben. So stirbt immer noch unnötigerweise alle 3 Sekunden ein Kind unter fünf Jahren. Das sind etwa 9,2 Millionen Kinder im Jahr.

Für einen Bruchteil des Geldes, der jetzt für die Sanierung der Folgen aus der Wirtschafts- und Finanzkrise kurzfristig zur Verfügung gestellt werden, könnten wir das Leben von Millionen Kindern retten.

Pro Jahr bräuchten wir 15 Milliarden US-Dollar, um die Kindersterblichkeit um 6 Millionen zu senken. World Vision fordert daher 10% der öffentlichen Entwicklungshilfegelder für den Aufbau und die Verbesserung von Gesundheitssystemen in den ärmsten Ländern der Welt.

Rudi Tarneden (UNICEF): Die Probleme bei uns und in Afrika lassen sich nur schwer miteinander vergleichen. Aber es ist schon merkwürdig, wenn wochenlang über Konsumgutscheine diskutiert wird, die umgerechnet das Jahreseinkommen eines Menschen in den ärmsten Ländern der Welt ausmachen würden. Trotzdem – auch bei uns gibt es viele Kinder, die ausgeschlossen sind und keine Chancen für sich mehr erkennen können.

RE: Wie zu lesen war, ist der deutsche Staat selbst nicht gerade das beste Vorbild, da er die EU-Selbstverpflichtung von 0,7 Prozent des BNE für Entwicklungshilfe nur zur Hälfte einhält. Muss man nicht erst einmal da ansetzen?

Svenja Koch (DRK): Es wäre begrüßenswert, wenn der Anteil der Entwicklungshilfe erhöht würde. Und es ist wichtig, erzielte Erfolge etwa in der Bekämpfung von Malaria nun nicht durch neue Sparzwänge in den Haushalten auf der Nordhalbkugel zu gefährden.

Christine Decker (Caritas international): Das ist eine politische Entscheidung, die auch nur von den Verantwortlichen in Berlin korrigiert werden kann. Wir setzen uns in unseren Gesprächen auf politischer Ebene für ein Umdenken ein.

Paul Bendix (Oxfam): Wir fordern seit vielen Jahren, dass Deutschland die versprochenen 0,7 Prozent des BNE für Entwicklungshilfe zur Verfügung stellt. Heute sind es allerdings erst 0,37 Prozent. Wir hoffen sehr, dass die Bundesregierung ihr Versprechen trotz der globalen Finanzkrise einhält – schließlich leiden gerade die Menschen in den armen Ländern besonders unter deren Folgen.

Sie werden ihre Länder verlassen und zu uns kommen.”

Christoph Waffenschmidt (World Vision): Das machen wir auch. Seit etwa 3 Jahren haben wir eine Anwaltschaftsabteilung in Berlin. Die Kolleginnen und Kollegen dort stehen in engem Kontakt mit den politisch Verantwortlichen. Auf dem G8 Gipfel legen wir auch öffentlich
den Finger in die Wunde, und wir werden das auch weiterhin machen, wenn die Politiker ihre Zusagen nicht einhalten.

Wir können an den Flüchtlingsdramen, die sich derzeit auf den Weltmeeren abspielen, beobachten, was passiert, wenn wir den Menschen nicht vor Ort helfen, sich selbst und ihre Kinder zu ernähren, wenn die Menschen keine Perspektive haben. Sie werden
ihre Länder verlassen und zu uns kommen. Kriege um Nahrung und sauberes Trinkwasser werden zunehmen.

Rudi Tarneden (UNICEF): Dieses Versprechen ist schon alt und viele Industrieländer haben es immer noch nicht eingelöst. Allerdings hat Deutschland versprochen, schrittweise in den kommenden Jahren mehr Geld bereit zu stellen. Viele Politiker haben offensichtlich verstanden, dass Hilfe nicht nur ein Gebot der Solidarität ist, sondern auch des Eigennutzes, denn soziale und politische Instabilität ist im Interesse von uns allen. Fast noch wichtiger als mehr Entwicklungshilfegelder wären aber gerechtere Handelsbeziehungen, die es den ärmsten Ländern ermöglichen würde, auf den Weltmärkten zu bestehen.

RE: Ist in Anbetracht der Amtseinführung von Barack Obama – der kenianische Wurzeln hat – die Hoffnung berechtigt, dass sich bei Manchem dadurch vielleicht doch ein stärkeres Bewusstsein für die Lage in Afrika entwickeln wird?

Christine Decker (Caritas international): Barack Obama ist noch nicht einmal eine Woche lang im Amt. Er hat in diesen Tagen bereits deutlich gemacht, dass er in wesentlichen Punkten eine andere Politik machen will als sein Amtsvorgänger. Insofern ist es durchaus möglich, dass Obama auch in der bisherigen Afrika-Politik der USA neue Akzente setzt.

Paul Bendix (Oxfam): Das ist wenig wahrscheinlich. Obama wird in der deutschen Öffentlichkeit vor allem als US-Amerikaner und nicht als Afrikaner betrachtet.

Christoph Waffenschmidt (World Vision): Das wäre sehr zu hoffen. Afrika ist unser Nachbarkontinent und wir als Europäer sind darum in besonderer Weise gefordert, den Menschen dort zu helfen. Die Menschen sind fantastisch und beeindruckend, sind fröhlich und kreativ und haben den wirklichen Willen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Dabei unterstützt World Vision mit seiner Projektarbeit die Menschen vor Ort. Wenn wir nach 15 – 20 Jahren die Region wieder verlassen, sollen die Menschen selbst in der Lage sein, die Maßnahmen, die wir gemeinsam aufgebaut haben, selbständig weiterzuführen.

Rudi Tarneden (UNICEF): Es ist schon ein starkes Signal, dass der mächtigste Mensch der Welt afrikanische Wurzeln hat. Ob wir uns stärker dem afrikanischen Kontinent zuwenden, wird aber auch davon abhängen, in welchem Maße der Kontinent überhaupt auf der politischen Agenda Beachtung findet. Unser Bild Afrikas wird ja leider immer noch stark durch negative Stereotypien geprägt.

RE: Vielen Dank Ihnen allen für das Interview und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.

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Interview: Felix Kubach

Photo: hdptcar via flickr.com (cc Lizenz)

Kommentare

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  1. Guter Artikel/Interview und mal eine ganz andere Sichtweise auf das Thema Wirtschaftskrise.
    Als ich von Firmen-Förderprogrammen las, stellt sich mir die Frage, warum unterstützt man bei uns staatlich nicht in der derzeitigen Lage nur Unternehmen die solche Projekte mitmachen.
    Umweltverantwortlichkeit und/oder solche Hilfsprogramme sollten als Bedingung für Unternehmen gelten, die nun staatliche Hilfe in Anspruch nehmen wollen.