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Wirtschaft

Nichts los in Davos oder die Ökonomie der Untergangspropheten

Dienstag, den 3. Februar 2009 um 11:23 Uhr von decoien

Ich bin sehr enttäuscht vom World Economic Forum in Davos. Ermutigende Schlagzeilen bleiben nicht hängen von dieser Veranstaltung, die mehr zu einer PR-Veranstaltung für die Funktionselite degeneriert ist. Dabei hätte ich genau diese Aufbruchsstimmung von dort erwartet.

Ein Kommentator der NZZ trifft den Punkt:

“Umso erschreckender ist es, am WEF in Davos beobachten zu müssen, dass sich an diesem Herdentrieb praktisch nichts geändert hat. Wie von einem geheimen Kommando «180 Grad kehrt, marsch!» gelenkt, bewegen sich erneut alle im Gleichschritt, nur diesmal in eine andere Richtung. Statt naiver Euphorie ist jetzt abgrundtiefer Pessimismus angesagt. Die Redner überbieten sich gegenseitig mit einer geradezu intellektuellen Lust an der Schwarzmalerei, und die Zuhörer scheinen es ziemlich unkritisch fast mit Resignation hinzunehmen: «Das ist die neue Realität, auf die wir uns einzustellen haben.» Da kommt einem unwillkürlich der von Walt Disney inszenierte kollektive Selbstmord der Lemminge in den Sinn.”

Enttäuschte tröstet Josef Joffe, der für Zeit Online aus Davos schrieb:

“Die Oldtimer von Davos haben schon vor Jahren eine absolut richtige Zukunftstheorie entwickelt: den  ‘Two-Year Inverted Leading Indicator’ – den ‘Zwei-Jahre Umgekehrten Frühindikator’. Auf deutsch: Die Institutionen oder Leute, die hier als Helden gefeiert werden, sind zwei Jahre später Staub und Asche. Zwei Jahre bevor die ‘Asiatischen Tiger’ lahm geschlagen wurden, waren sie die ökonomische Zukunft der Welt. Dann gingen die Dotcom-Giganten 2001 in Flammen auf. Es folgte der Triumphzug der Finanz-Akrobaten, der Hedgefonds und Private Equity Fonds. Heute liegen sie am Boden und müssen ihre Gulfstream-5 Flugzeuge verkaufen. Deshalb die Große Frage: Wer wurde auf diesem Weltwirtschaftsforum als Herrscher des Universum gefeiert? Die Antwort dieses Autors nach einer kurzen Umfrage: die Propheten des ‘Es wird alles noch viel schlimmer werden’ unter den Ökonomen.”

Wenig tröstend auch, dass ich mit meiner Einschätzung vom vergangenen Freitag nicht allein lag, dass die Untergangspropheten die Schlagzeilen dominierten. Ähnlich sah das auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die in ihrer Printausgabe titelte: “Davos feiert die Propheten des Desasters”. Allen voran nennen Zeit und FAS Nouriel Roubini. Er ist der dunkle Prophet, der immer schon alles gewusst haben will.

Und ich will das gar nicht bestreiten. Sicher hat Roubini auch nachprüfbar diverse richtige Vorhersagen getroffen, wenn auch nicht zeitlich korrekt. Zu seinem vorläufigen Schutz ist anzufügen, dass kaum einem Ökonomen sowohl inhaltlich richtig als auch zeitlich korrekt die richtige Vorhersage gelingt und schon gar nicht dauerhaft.

Die Ökonomie des Nouriel Roubini

Doch Roubini ist mittlerweile ein Sonderfall geworden. Ee hat es nämlich geschafft, sich und seine Firma durch seine Prognosen optimal zu vermarkten. Nach Informationen der FAS v. 1.2.09 kostet ein Auftritt von Roubini mittlerweile 50.000 US-Dollar. Dies ist ein stolzer Preis, um sich die Stimmung versauen zu lassen und etwas zu hören, was man schon weiß.

Persönlich würde ich für Roubini keinen Cent bezahlen, denn sein Kalkül muss doch klar werden. Er hat es geschafft, sich mit seinen düsteren Prognosen medienwirksam zu platzieren. Seine düsteren Aussichten bringen Aufmerksamkeit und ihm und seiner Firma viel gutes Geschäft. Ihn würde es nicht einmal stören, wenn die düsteren Prophezeiungen nicht eintreten. Er verdient sein Geld heute und  könnte sich in der Zukunft darauf berufen, dass seine Warnungen erhört wurden und Politiker und Unternehmen mit den richtigen  Maßnahmen reagiert haben.

Owen Lamont, früher Professor an der Yale Universität, erklärt die Extremprognosen damit, dass Prognostiker starke Anreize für extreme Vorhersagen haben. Nur extreme Vorhersagen fallen in diesen Zeiten auf und sorgen für entsprechende Aufmerksamkeit für den jeweiligen Analysten. Mit der Aufmerksamkeit steigt die Kundenbasis und damit erhöhen sich die Einnahmen für sein Geschäft. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, ob die Prognosen zutreffen oder nicht. Kontrolliert wird ohnehin selten. Häufig erfolgt die Berichterstattung sogar asymmetrisch. Hat ein Analyst mit einer extremen Prognose ins Schwarze getroffen, dann kann er zum Guru aufsteigen. Trifft er nicht, dann wird dies meist ignoriert

Wenn das Armageddon tatsächlich eintritt, dann wird Roubini als Orakel gelten und ebenfalls Guru-Status erreichen, wie einst Henry Kaufmann. Dann werden noch mehr Journalisten und Manager an seinen Lippen hängen. Roubini verdient dann noch mehr Geld mit Aussagen, die für niemanden einen Wert haben. Roubini handelt damit übrigens komplett ökonomisch und geschickt. Neben ihm gibt es eine große Zahl weiterer Untergangspropheten, die es allerdings nicht geschafft haben, sich so in Szene zu setzen.

Zum Schluss. Selbstverständlich kann auf Prognosen (auch auf düstere) nicht verzichtet werden. Aber Wissenschaftler und Medien tragen eine Mitverantwortung für einen kritischen Umgang mit diesen Prognosen. Hier bestehen indes Zweifel. Aktuell verfestigt sich der Eindruck, dass das “bizarre Wettrennen” (Süddeutsche) um die negativste Konjunkturprognose weitergeht.

Ein Beitrag von decoien
Betreiber des privaten Weblogs blicklog.com

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