Markus Beckedahl von netzpolitik.org hat ein internes Memo zur Mitarbeiter-Rasterfahndung bei der Deutschen Bahn veröffentlicht und von dieser eine Abmahnung erhalten. Ihm wird der Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen vorgeworfen. Die Abmahnung schlägt derweil medial hohe Wellen, es ist bereits vom “nächsten PR-Desaster” für die Bahn die Rede. Ich befragte Markus Beckedahl zu den aktuellen Vorgängen.
RE: Wie war deine erste Reaktion auf die Abmahnung, warst Du schockiert (oder hätte man vielleicht sogar entfernt mit so etwas rechnen können)?
Markus Beckedahl: Das ist ja nicht das erste Mal, dass ich solche Papiere veröffentliche. Bisher ist nichts passiert, weil es bisher in der Regel politische Papiere waren. Nun sitzt die Rechtsabteilung eines Konzerns dahinter. Ich hab mich kurz gefragt, ob die Abmahnung per eMail ein Fake ist. Als ich mir sicher war, dass dies kein Fake ist, hab ich mich für die Veröffentlichung entschieden. Schockiert war ich nicht, nur verwundert. Zumal ich parallel in den Online-Medien Überschriften las wie “Mehdorn gibt Fehler zu”.
RE: Zwar hat Bahnchef Mehdorn in der Affäre Fehler eingeräumt, ein direktes Schuldeingeständnis wird es von ihm dennoch wohl nicht geben. Er spricht von einem “normalen Regelverfahren zur Korruptionsbekämpfung”. Wie beurteilst Du die Reaktion Mehdorns bzw. das gesamte Krisen-PR nach Bekanntwerden der internen Datenüberprüfung?
Markus Beckedahl: Von Krisen-PR kann man da eigentlich nicht mehr sprechen. Ich bin enttäuscht, dass ein Staatsunternehmen so reagiert und so lange braucht, um die ganze Sache transparent zu machen.
RE: Die Aufdeckung solcher Fälle der Mitarbeiter-Ausspionierung häuft sich, ob nun bei Lidl, Telekom oder Deutscher Bahn. Ist dies der neue Zeitgeist, eine Kultur des Generalverdachts – siehst du da eine Linie bzw. Koinzidenz?
Markus Beckedahl: Eine Koinzidenz sehe ich auf jeden Fall zur Telekom. Anscheinend haben sich ja die Sicherheitsabteilungen der Konzerne etwas verselbstständigt und beinahe schon Geheimdienststrukturen aufgebaut. Die dann zusammen gearbeitet haben, und Informationen austauschten. Das muss in beiden Fällen restlos aufgeklärt werden.
RE: Die Solidarität seitens anderer Blogger mit Dir ist so groß, dass das Thema auch in die großen Mainstream-Medien “überschwappte” und bereits von einem “nächsten PR-Desaster” für die Bahn die Rede ist. Zeigt sich hier die immer unterschätzte Macht der “kleinen” Blogger?
Markus Beckedahl: Es zeigt zumindest einen aktuellen Stand der Bedeutung und Relevanz von Social Media Netzwerkstrukturen in Deutschland im Jahre 2009. Und der ist nicht so schlecht, wie manche ihn herbeireden.
RE: Du hast bereits angekündigt, das Dokument online zu lassen und die Unterlassungserklärung nicht zu unterschreiben. Rechnest Du mit einem langwierigen Rechtsstreit?
Beckedahl: Ich hoffe nicht. Ich warte ja noch darauf, dass die Rechtsabteilung der Deutschen Bahn AG die Forderungen der Unterlassungserklärung zurückzieht. Dann könnte ich mir den Stress und die finanziellen Mittel für einen Rechtsstreit ersparen und die Zeit sinnvoller nutzen. Ich werde auf jeden Fall nicht auf die Forderungen eingehen.
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Interview: Felix Kubach
Markus Beckedahl ist Mitgründer der Agentur newthinking communications, Mitorganisator der jährlich im April stattfindenden Bloggerkonferenz re:publica und Betreiber des vielfach ausgezeichneten Blogs netzpolitik.org.
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