Die EU verfolgt ein ehrgeiziges Projekt: “Nichts weniger als eine neue Bibliothek von Alexandria ist angestrebt, eine Arche Noah der europäischen Kulturgüter, zugänglich für jeden, der über einen geeigneten Internetzugang verfügt.” So liest man in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Kulturaustausch“, das vom Institut für Auslandsbeziehungen herausgegeben wird*. Ich wollte mehr wissen und fragte nach bei Horst Forster, Direktor für Digitale Inhalte und Kognitive Systeme in der Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien der Europäischen Kommission, was es mit dem Projekt Europeana auf sich hat.
RE: Welches publizistische Konzept steht hinter der Aktion Europeana?
Horst Forster: Europeana will direkten Zugang zu europäischen Bibliotheken, Archiven und Museen geben, ohne dass der Nutzer viele verschiedene Webseiten durchklicken müsste. Wir nutzen das Potential des Internets, um Bücher, Gemälde, Zeitungen, Archivdokumente und Filmfragmente, Landkarten und Fotografien aus Kultureinrichtungen in ganz Europa zusammenzubringen. Das Material stammt aus vertrauenswürdigen Einrichtungen. Das garantiert die Authentizität.
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RE: Das Interesse an der Plattform war so groß, dass sie im November gleich nach einem Tag unter den hohen Nutzerzahlen zusammengebrochen ist. Wurde das Problem inzwischen behoben?
Horst Forster: Wir haben zusätzliche Hardware-Komponenten installiert, damit Europeanas Kapazität auch für hohen Andrang ausreicht. Europeana kann jetzt viermal mehr Nutzer bedienen als das ursprüngliche System. In Spitzenzeiten können wir kurzfristig weitere Kapazitäten aufschalten. Seit der Wiedereröffnung im Dezember läuft die Seite stabil.
RE: Was ist anders als bei vergleichbaren Projekten, oder gibt es die bisher nicht? Können Sie ein oder zwei Anwendungsbeispiele nennen: welchen Nutzen kann der Normalbürger daraus ziehen?
Horst Forster: Unseres Wissens gibt es kein vergleichbares Projekt dieser Größenordnung. Das besondere an Europeana ist, dass ein einziges Interface ganz unterschiedliche Materialen und Medien zusammenbringt: Texte, Bilder, audiovisuelles Material, Töne. Wer sich für Chopin interessiert, braucht nur den Namen einzutippen und schon stehen ihm hunderte Bilder, gedruckte und handgeschriebene Noten, Tonaufnahmen und Briefe zur Verfügung – und zusätzlich weitere Dokumente, die Chopins Leben an verschiedenen Orten in Europa dokumentieren.
Anderes Beispiel: Jemand, der sich für flämische Malerei interessiert und den Namen „Memling“ eintippt, wird Ergebnisse aus mehreren Ländern erhalten. Die Gemälde stammen aus Belgien, aber auch aus Kulturinstituten in Frankreich, Rumänien und den Niederlanden – man kann also eine virtuelle Ausstellung besichtigen. Ihre Suche können sie leicht ändern oder verfeinern. Europeana zeigt Ihnen auch, wann die Gemälde entstanden sind, in welchem Land sie sich befinden und von welcher Institution sie zu Europeana beigesteuert werden.
RE: Viel Geld ist bereits in Europeana geflossen, weitere 120 Millionen Euro sollen folgen. Wer sind die Unterstützer, könnte die gegenwärtige Finanzkrise die Weiterentwicklung gefährden?
Horst Forster: Lassen Sie mich zwischen den Mitteln unterscheiden, die für die Entwicklung von Europeana zur Verfügung stehen – das sind ungefähr 2,5 Millionen Euro pro Jahr –, und den 120 Millionen Euro, die für das größere Gebiet der digitalen Bibliotheken vorgesehen sind. Dieses Geld wird für Forschung und Entwicklung im Zusammenhang mit der Digitalisierung, Online-Verfügbarkeit und digitalen Bewahrung eingesetzt. Es stammt aus dem Forschungsprogramm sowie den Programmen eContentplus und „Wettbewerbsfähigkeit und Innovation“.
Wir können noch nicht genau abschätzen, ob und wie die Finanzkrise die Digitalisierung und verwandte Aktivitäten in den Mitgliedstaaten beeinflussen wird. Einerseits könnte es Tendenzen geben, die Ausgaben zu senken. Vielleicht wird es auch schwieriger, private Sponsoren für die Digitalisierung zu finden. Andererseits handelt es sich bei diesen Aktivitäten um einen signifikanten Beitrag zur Informations-Infrastruktur der Zukunft – und das ist genau der Bereich, in den viele Mitgliedstaaten verstärkt öffentliche Investitionen lenken wollen.
RE: Das Projekt ist ein Mehrstaatenprojekt, wie hoch ist der Anteil Deutschlands, wie hoch der der anderen Länder?
Horst Forster: Der deutsche Anteil hat sich seit der Eröffnung im November erheblich erhöht und liegt nun bei 12,5 Prozent. Allgemein gibt es noch ein Ungleichgewicht zwischen den Beiträgen der verschiedenen Länder. Frankreich hat bemerkenswerte Anstrengungen unternommen, um Inhalte für Europeana bereitzustellen und hält weiterhin die Spitzenposition. Aus einigen anderen Ländern stehen erst relativ wenige Objekte zur Verfügung. Im Laufe der Zeit wird sich dies jedoch angleichen, wenn auch diese Mitgliedstaaten die Digitalisierung weiter vorantreiben und ihre Kultureinrichtungen mehr Inhalte bei Europeana einbringen.
RE: Gibt es Kritiker des Projekts? Was sind deren Argumente?
Horst Forster: Es gibt viel positives Echo in der Presse und auch in der Blogosphäre. Kommentatoren loben das interessante Material, das Europeana bereitstellt, und dass man in ausländischen Sammlungen viel Interessantes auch über das eigene Land finden kann. Wie erwartet gab es aber auch Kritik, und deutschsprachige Kommentatoren waren damit vielleicht etwas großzügiger als andere. So wurde gern aufgelistet, was man in Europeana noch vermisst… z.B. der eine oder andere klassische Schriftsteller. Dabei wird dann schon mal vergessen, dass die Europeana-Entwicklung noch am Anfang steht. Andere Kritiker machen auf Fehler bei der Klassifizierung und den Metadaten aufmerksam – typische Kinderkrankheiten also, die sich im Laufe der Zeit sicher auswachsen. Schließlich werden auch die Nutzungsbedingungen kritisiert, bei denen Europeana von den Eigentümern, also den verschiedenen Kultureinrichtungen, abhängig ist. Sie werden bisweilen als restriktiv empfunden, insbesondere, wenn es um gemeinfreies, also nicht urheberrechtlich geschütztes Material geht. Wir nehmen diese Kritik durchaus ernst und wünschen uns eine Grundsatzdiskussion über die Stellung von gemeinfreiem Material im Digitalzeitalter. In ihrem jüngsten Positionspapier zu Europas kulturellem Erbe forderte die Kommission, „dass gemeinfreie Werke diese Eigenschaft bei einer Formatänderung nicht verlieren sollten. So sollten sie gemeinfrei bleiben, wenn sie digitalisiert und über das Internet bereitgestellt werden.“ Wenn Sie das nachlesen möchten, empfehle ich Ihnen folgenden Link: http://ec.europa.eu/information_society/activities/digital_libraries/doc/communications/progress/communication_de.pdf
RE: Wie wird das Internet Ihrer visionären Vorstellung in der nächsten Stufe aussehen? Wird es unsere Art zu denken verändern?
Horst Forster: Ich möchte mich in meiner Antwort gern auf die künftige Bereitstellung von Inhalten aus Kultureinrichtungen in Internet konzentrieren. Unser Ziel ist es, Europas kulturelles Erbe über das Internet für alle verfügbar zu machen. Dafür brauchen wir noch etwas Zeit, aber je mehr wir uns dem Ziel nähern, umso mehr wird das den kulturellen Horizont vieler Menschen erweitern. Kultur kann in Zukunft auch ein wichtiger Antriebsmotor für neue und innovative Informationsangebote sein, zum Beispiel in der Bildung oder im Tourismus. Sprachbarrieren stellen eine weitere Herausforderung dar, die es zu überwinden gilt. In einer Weiterentwicklung wird Europeana auch Suchfunktionen über mehrere Sprachen anbieten: Sie geben ein Suchwort auf Deutsch ein, erhalten auf Wunsch aber auch Ergebnisse, die dieses Suchwort in anderen Sprachen enthalten. Übersetzungsfunktionen sind ebenfalls geplant.
Der direkte Internet-Zugang zu kulturellen Ressourcen aus ganz Europa verändert vielleicht nicht unsere Art zu denken… aber vielleicht doch die Art, wie wir die Welt sehen.
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Mehr zu Herrn Forster: http://ec.europa.eu/dgs/information_society/cv/forster/index_en.htm
* Artikel “Life is live” von Claudia Schmölders/ nur in der Printfassung S. 72
Interview: Felix Kubach
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