Etwa 11.000 sächsische Lehrer haben vor dem Landesministerium in Dresden für höhere Gehälter demonstriert und einen zweitägigen Warnstreik eingelegt, so dass cirka 1000 Schulen im Freistaat geschlossen blieben. Obwohl sächsische Schüler hinsichtlich ihrer naturwissenschaftlichen Kompetenzen die Leistungs-Spitze beim Ländervergleich des PISA-Tests bilden und hinsichtlich der Chancengleichheit mit Schweden und Finnland mithalten, bekommen sächsische Lehrer bundesweit das geringste Gehalt. Doch die Geringschätzung der Pädagogen ist kein auf den Freistaat begrenztes Phänomen.
Berufsstand der Pädagogen – nicht nur monetär diskriminiert
Trotz der beständigen Beteuerungen seitens der Bundesregierung, Bildungschancen gelte es zu erweitern um so unter anderem das Armutsrisiko bestimmter Bevölkerungsgruppen zu senken, eine international konkurrenzfähige Volkswirtschaft zu etablieren und für Gerechtigkeit unter den Geschlechtern zu sorgen bzw. insgesamt die Zukunft Deutschlands angesichts der sich global stellenden energiepolitischen Herausforderungen zu sichern, erhalten jene, die an vorderster Front mit diesen Aufgaben täglich betraut sind, nicht nur wenig Unterstützung. Sondern werden geradezu diskriminiert. Dies zeigt sich nicht nur in den für eine akademische Berufsgruppe mit einer im europäischen Vergleich relativ langen Ausbildungsdauer von 10 Semestern vergleichsweise geringen Gehältern; viel deutlicher tritt die politische Ächtung dieser Berufsgruppe in von oben verordneten Teilzeitregelungen, Schulschließungen und vor allem äußerst geringen Gestaltungsspielräumen zu Tage – und das in einem Beruf, der neben der Wissensvermittlung auch Aspekte wie Erziehung, Diagnostik, Beratung und Familien- und Sozialarbeit umfasst.
Die mediale Konstruktion des Pädagogen als psychisches Wrack
Parallele Abwertungsprozesse lassen sich folgerichtig auch in der medialen Konstruktion von Lehrern finden, die sich unter anderem in den regelmäßig auftauchenden Schlagzeilen zum Gesundheitszustand von Pädagogen widerspiegeln a la „Schon im Studium krank“, „Burn-out? Viele Lehrer brannten nie“ oder „Diagnose Lehrer“. Häufig werden dabei undifferenziert Studienergebnisse verallgemeinert oder unzutreffend wiedergegeben und Experten mit markigen Sprüchen zitiert. Letztere demontieren ihre Seriosität leider häufig, indem sie mit platten Statement opportunieren, die den Belastungen und der Belastungsbewältigungsmöglichkeiten einer in dieser Weise pauschal abqualifizierten Berufsgruppe keinesfalls gerecht werden. Auch literarisch wird immer wieder das Klischee der zerstörten Pädagogenpersönlichkeit aufrechterhalten, wie sich exemplarisch in den küchenpsychologischen Ausführungen des Schriftstellers Bodo Kirchhoff zum Lehrerberuf zeigt – von finalen Abrechnungen mit Groschenroman-Niveau wie dem Lehrerhasser-Buch ganz zu schweigen.
Das Lehrer-Bild in der Bevölkerung: vom Täter zum Opfer
Es nimmt nicht wunder, dass das Bild des Pädagogen in der Allgemeinbevölkerung spätestens seit der PISA-Misere um die Jahrtausendwende der politischen wie medialen Geringschätzung entsprach. Insbesondere den Lehrern, die aufgrund struktureller Gegebenheiten am wenigsten Einfluss auf das Bildungssystem nehmen können, wurde paradoxerweise die Alleinschuld an bildungsbezogenen Alarmmeldungen gegeben. Folgerichtig war das Image der Pädagogen lange Zeit undifferenziert ein Täterbild. Die gute Nachricht ist, dass sich dies inzwischen verändert hat. Nach einer dimap-Umfrage im Auftrag der ZEIT hat sich das Lehrerbild in der Allgemeinbevölkerung deutlich differenziert. Gleichwohl sind mit 47% immer noch gut die Hälfte der Befragten der Ansicht, Lehrer würden sich zu viel über ihren Beruf beklagen, nur 40% sind mit dem beruflichen Engagement der Lehrer zufrieden. Insgesamt lässt sich feststellen, dass Lehrer heute mehr als Opfer der Bildungsmisere wahrgenommen werden. Dass aber auch hierin eine gewisse Diskriminierung steckt, wird größtenteils nicht reflektiert.
Ächtung von Pädagogen – Teil der Bildungsmisere
Der geringe Status des Berufes kann nicht von ungefähr als wesentlicher Teil der sich noch immer nicht zufrieden stellend vollziehenden Wandlung des Bildungswesens angesehen werden. Leistungen von Lehrern insbesondere in der Arbeit mit sozial schwieriger Klientel erfahren derzeit keine öffentliche Anerkennung, das wissenschaftliche Interesse von Bildungsforschern beschränkt sich nur allzu oft auf die Suche nach gesundheitlichen oder psychischen Defiziten und die ministeriale Zuwendung ist von Kontrolle, Misstrauen und einer Art hochherrschaftlicher Verwaltungslogik geprägt. Insofern wäre die Aufstockung der Gehälter wie sie sächsische Lehrer fordern ein wichtiges Signal für den längst überfälligen, sachlichen Umgang mit Möglichkeiten und Grenzen des Pädagogenberufes.
Bildquelle: pixelio (knipseline)
Buch-Tipp: Ricken, Norbert (2007): Über die Verachtung der Pädagogik. Berlin: Springer
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