Kaum ein Bezirk in Berlin hat sich in den letzten zehn Jahren so verändert wie der Prenzlauer Berg. Während Mitte schon immer staatstragend war, in Charlottenburg sich schon ewig schöne Fassaden zeigen, deren Inhalt man hinterfragen kann, in Kreuzberg sich die Lebenskünstler wie eh und je tummeln und im immer unterschätzten Schöneberg sich die Bildungsbürger bemühen, genauso kultiviert zu leben, zu kochen und sich einzurichten wie das Männerpärchen nebenan, hat sich im Viertel um den schönen Kollwitzplatz etwas getan. Und schon trifft man dort ganz andere Menschen als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren.
Drei Filme illustrieren sehr gut, wodurch der besondere Reiz dieses Viertels einst entstanden ist. Der erste davon, “Die Legende von Paul und Paula” ist dabei noch nicht einmal im Prenzlberg gedreht. Die Altbauten, die im Film bewusst als Gegensatz zu den kalten, technokratischen Wohnmaschinen in Marzahn gezeigt werden, wurden aber kurz nach den Filmarbeiten in Friedrichshain gesprengt. In Prenzlberg dagegen ließ man praktisch identische Fassaden stehen. Sie verfielen zwar, aber das Versprechen einer Heimat auch für die, die sich nicht dem Staat auf jede Art und Weise anpassen wollten, hielten sie nach wie vor.
Und so konnte ein Jahrzehnt später der Film “Solo Sunny” erneut den Prenzlberg als Wohnort für Nonkonformisten in der DDR zeigen. Diesmal wurde der Film auch hier gedreht. Und als die Sängerin Sunny hier auch gegen den gesellschaftlichen Druck und die allgemeine Enge weiter um ihr Glück kämpft, konnten sich wohl viele Bewohner des Viertels mit ihr identifizieren. Wie im Film auch musste es dabei nicht unbedingt eine politische Opposition sein, die man hier im Prenzlberg veranstaltete. Einfach sein eigenes Leben zu leben, das reichte schon aus. Künstler sein, Sänger in einer Band, selbst das konnte schon Glück sein.
1989 hatte dann genau diese Generation aus dem Prenzlauer Berg ihre große Stunde. Was dann Mitte der Neunziger Jahre aus diesen Menschen geworden ist, zeigt wiederum der Film “Sommer vorm Balkon“. Es geht um Menschen, die sich mit der neuen Situation nach der Wende abgefunden haben, die aber nicht wirklich in der Gegenwart angekommen sind. Den es vor allem darauf ankommt, im neuen, freieren, aber auch härterem Leben nicht unter die Räder zu kommen. Und wieder bieten verfallene Häuser – diesmal mit mehr Kneipen – vor allem ein Heimatgefühl. Man kennt und hilft sich im Kiez. Damals waren die meisten Fassaden noch nicht renoviert. Aber das sollte sich jetzt schnell ändern.
Doch was ist aus diesem Viertel inzwischen geworden?
Der erste Schlag war vielleicht die Ära der Dot.Coms um die Jahrtausendwende. Plötzlich bekamen die relaxten Lebenskünstler und Studenten hier Jobs, Geld, gelegentlich auch Verantwortung. Es wurde hipp, hier zu wohnen. Dachgeschosse wurden in einer Geschwindigkeit ausgebaut, dass einem schwindlig wurde. Und fast jeder Preis ließ sich dafür plötzlich erzielen. Doch das war dann wieder recht schnell vorbei und auch Bonner Beamte konnten die Lücke nur teilweise füllen. Nach der Pleite der Web Economy musste man sein Leben mit anderen Dingen ausfüllen. Die Bewohner des Prenzlauer Berges entschieden sich für das Kinderkriegen. Und so wurden aus Szene- und Erfolgsmenschen schnell Familienmütter und Väter, statt nachts traf man sich jetzt tagsüber in den Kneipen, mit dem Kinderwagen als neuem Statussymbol. Und immer seltener besuchte man die nun neuen, hippen Viertel der Stadt. Denn dann hatte man ja auf dem Rückweg das Problem mit den Parkplätzen.
Tatsächlich haben innerhalb der letzten fünf Jahre alle Freunde, die ich im Prenzlberg hatte, das Viertel verlassen. Der nette, junge Kollege mit Kariereaussichten wohnt inzwischen mit seiner Freundin in Köpenick am See. Der Schulfreund, der auf “The Clash” steht und Webdatenbanken programmiert, ist nach Lichterfelde gezogen. Das junge Ehepaar mit Kind und Jobs im Kulturbereich haben wir erst nach dem Umzug nach Charlottenburg kennengelernt. Und die clevere und hübsche Medizinstudentin wurde mir in dem Jahr fremd, in dem sie mit einem Gymnasiallehrer nach Prenzlberg gezogen ist.
Merkwürdigerweise scheint mir genau dieses Jobprofil den Bezirk inzwischen zu prägen. Nur der Autor Wladimir Kaminer soll noch immer hier wohnen, aber selbst er schreibt seine schönen Geschichten über die Berliner Russen schon fast maschinell entsprechend der kommerziellen Rhythmen des Buchmarktes. Es ist längst aus mit der kreativen Welt an der Hochbahn.
Inzwischen gibt es innerhalb des S-Bahnringes kaum einen Bezirk in dem ich seltener bin. Aber auf der anderen Seite: Im Sommer durch die Straßen zu gehen und auf die schönen Fassaden aus der Gründer- und Jugendstilzeit zu sehen und an die Vergangenheit zu denken, das hat immer noch etwas.
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