Im Schiff nach irgendwo, Gespräch im Zwischendeck

A) Ich frage mich, ob das vor allem in Deutschland so ist: diese genüssliche Faszination am derzeitigen “Untergang”, mit seinen stündlich upgedatedeten Superlativen im “Krisenticker” und periodisch posaunten Vokabular die “düster”, “stärker als von allen Experten erwartet” oder “Horrorszenario”. Und das war nur das Radio und das Web, man möge

schuss.jpgA) Ich frage mich, ob das vor allem in Deutschland so ist: diese genüssliche Faszination am derzeitigen “Untergang”, mit seinen stündlich upgedatedeten Superlativen im “Krisenticker” und periodisch posaunten Vokabular die “düster”, “stärker als von allen Experten erwartet” oder “Horrorszenario”. Und das war nur das Radio und das Web, man möge sich nicht ausdenken was im Fernsehen los ist.

Denn zumindest hier in Dresden sind die Supermarktregale ja noch voll. Und eben war im Deutschlandfunk einer, der Ahnung zu haben schien und sagte, ja, in den US wahrscheinlich milder Aufwärtstrend wieder in I/2010 wenn nicht schon vielleicht sogar ab III/2009. Irgendwie hatte ich mir den Weltuntergang permanenter vorgestellt.

B) Das ist einfach publikumswirksamer als die Nachricht “nichts Neues vom Weltuntergang”, die sie, müssten sie ehrlich sein, stündlich zu bringen hätten. Andererseits hast du Recht, beim letzten Weltuntergang sprangen die Banker noch aus dem Fenster und die Leute holten das Geld mit Schubkarren aus dem Lohnbüro. Dafür ist der jetzige Untergang recht kommod.

Blöd ist, dass es keiner richtig weiß, ob er ist oder nicht, ob die Panik übertrieben oder eher stärker angebracht wäre. Wenn ich mir die Wirtschaftsdaten anschaue, ist da nur Schaum aufm Wasser. Aber wenn ich die Krisenbekämpfungsmaßnahmen sehe, schwant mir Böses. Übrigens: im September stand die Welt für fünf Stunden wirklich vor dem Untergang. Da wurden in zwei Stunden 550 Milliarden $ aus amerikanischen Bankkonten gezogen. Viel mehr ging nicht. Das hat uns damals keiner gesagt, logischerweise. Aber kurze Zeit später kam die Merkel und erklärte alle Bankguthaben für sicher ;-) dann wurde die Kurzarbeiterregelung erweitert, während vorn auf der Bühne noch “die Krise trifft uns nicht” geflunkert wurde. Denen allen geht der Arsch sowas von auf Grundeis. Wie heißt es im Film “Die Welt ist im Wandel..”

A) Da ist mein Punkt: welcher Prozentsatz der Krisendynamik ist Eigendynamik durch Untergangshype? Ich bezweifle, dass irgendeine Analystenclique die Formel zur Berechnung des Ausmaßes hat. Die Krisenbekämpfung hat auch zwei Aspekte: zum einen das Notwendige, zum anderen das Element, das zur Bekämpfung eines Superlativs ja immer neue Superlative aufgefahren werden müssen, um den Eindruck zu erwecken, man hätte den Orginalsuperlativ im Griff. Die Republikaner in den USA beispielsweise sind da reservierter als Liberale in Europa, wenn es darum geht, dem Großkapital mit Steuergeldern den Arsch und damit das System zu retten. Das finde ich bemerkenswert.

Mit anderen Worten: all die, die Kurzarbeit ansetzen und Milliarden beantragen… haben die alle individuellen Durchblick und gelangen zu dem selben Szenario was wahrhaft düster is? Oder is das alles eine Art Brummkreisel wo ein Wort das andere gibt und der Superlativ zum Handlungsmaxim für sämtliche Handelnden wird?

B)Ich traf neulich den Chef einer ziemlich großen, aber irgendwie doch noch mittelständischen Firma. 200 Filialen, 1000 Mitarbeiter. Er sagte, der Jahresanfang war scheiße. Das, glaubt er, lag am Wetter.

A) Wenn es allerdings so is, is die schauderliche Faszination am Untergang vermutlich einer der herausragenden Risikofaktoren bei dem Überkommen einer Krise durch eine völlig übersättigte westliche Gesellschaft.

B) Das sehe ich genauso. Der Thrill, das ist es, ist es doch immer. Und was die westliche Gesellschaft betrifft, braucht die den ja auch. Guck uns alle an. Haben alles, brauchen nichts mehr. Kaufen aus Langeweile, nicht weil wir müssen. Die Krise ist so gesehen Unterhaltung wie alle andere auch.

A) Du hast ja sogar einen Krummdolch. Wir standen letztens im Saturn und sagten: wenn wir mal zusammen wohnen, was stellen wir da eigentlich hin, wo bei anderen das TV steht?

B) Und in einem Buch aus den 30er Jahren fand ich neulich was Bemerkenswertes. These dort: erst war das Rad, dann die Dampfmaschine, dann die Elektrizität, dann Mobilität, dann Kommunikation, Konsum meinetwegen auch noch. Es gab jedenfalls immer eine neue Technologie, die revolutionär genug war, Verwertungsketten neu zu erschaffen, Bedarf zu produzieren usw. Aber wo sehen wir heute sowas? In den entwickelten Volkswirtschaften ist doch der Wettbewerb um die Konsumkraft jedes einzelnen Bürgers das einzige, was noch Wachstum produziert. Im Rest der Welt stehen allerlei Hürden vor dem großen Sprung in die westliche Wohlstandswelt.

Eine wirklich neue Technologie, sowas wie Flugautos, Eroberung ferner Planeten, eine Gesundheitsrevolution in Richtung Konsum von Langlebigkeit oder irgendwas, was ich auch nicht weiß, sehe ich nirgends, nichts mal aufschimmern. Wie lange können aber LCDs größer werden, Handys universeller einsetzbar, Internetanschlüsse schneller und DVDs hochauflösender, ohne dass das Interesse daran erlahmt?

A) Ja, da hast du Recht. Es steht echt nix Neues am Horizont, und das nicht nur technologisch, sondern auch künstlerisch, literarisch, politisch, kulturell oder sonst was. Nur noch Variationen. “Jetzt für kurze Zeit.” Allerdings: jeder dieser Schritte hat in umgekehrter Weise nicht nur die Welt dramatisch zusammenschrumpfen lassen, so dass wir heute grad mal drei, vier einigermaßen autonome Wirschaftsräume haben. Und damit natürlich den Raum für Neuentdeckungen vereengt. Andererseits haben sich aber die Menschen evolutionsartig verändert. Da ist keine Frontier mehr in Amerika, kein unbesiedelter Flecken, der Weltraum ist zu teuer, und so haben wir uns auf Wohlfühltechnologie verlegt. Und bei den meisten Menschen, die mich umgeben, bin ich mir sicher: wenn bis zu deren Lebensende Arbeitsspeicher immer größer und Handys immer kleiner und Flatrates immer günstiger wuerden… Denen reichte das fürs Leben. Hier würde doch, kurz gesagt, niemand mehr ein Schiff nach irgendwo besteigen wollen. Das war früher. Das hat uns da hin gebracht wo wir heut sind, aber eben nich mehr weiter.

B) Genau so ist es. Aber mal ehrlich: wie viele Superstars und Supermodels gehen die noch mitsuchen? 5? 12? 22?

A) Ich fürchte das ist eine ewige Schleife: Deutschlands Superstar, dann Girlgroup, dann Model, dann Koch, dann Bauer, dann Talent, dann sich-von-Schulden-Befreier, dann am-meisten-Abnehmer, dann bestimmt am-saubersten-Nacktputzer und vielleicht auch schnellsten-Schnitzelesser, um die Zwischenspeicher so weit belastet zu haben, das die neue Season los gehen kann.

B) Nur wie oft werden die Bayern noch Meister und kriegen Applaus dafür? Dreimal? 22 mal? 711 mal? Wird die 12. WM in Deutschland das 12. Sommermärchen bringen? Oder kommt noch irgendwas anderes? Irgendwann? Irgendwas?

Quelle: politplatschquatsch.com

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