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Vermischtes + Internetkultur

Cyber-Mobbing

Montag, den 16. Februar 2009 um 14:52 Uhr von Kai Beisswenger
Quelle: Pixelio.de, Druck aushalten, Fotograf: Gerd Altmann(geralt)

Ein Wort geht um im Internet und lässt uns alle aufhorchen: Cyber-Mobbing, der moderne Blitzableiter für Frust und dunkle Leidenschaften aller im Netz vereinigten Richter und Henker. In Freizeit- und Meinungsforen, in Literaturforen, an Singlebörsen, in Online-Netzwerken, auf Informationsseiten und Blogs wird geschmäht, belästigt, bloßgestellt, werden Lügen verbreitet, private Emails und Fotos veröffentlicht, so dass sich die virtuellen Balken biegen.

Kein einziges Forum oder Netzwerk, kein Blog kommt ohne Schmähungen aus. Nicht ein einziger im Internet veröffentlichter Text, der zur Diskussion gestellt wird, bleibt frei von Verleumdungen, persönlichen Angriffen oder Drohungen. Ist das die schöne, neue Welt, die wir uns gewünscht haben? Oder sind wir endlich an dem Punkt angelangt, den uns Martin Heidegger prophezeit hatte: Haben wir unser Sein dem Seienden geopfert und huldigen wir nun einem postmodernen Gott, dem Mammon der Technik?

Sind wir zumindest im virtuellen Netz irre und heimatlos geworden? Gäbe es ein Bewusstsein nach dem Tode, Thomas Hobbes würde sich im Grabe freuen und feierte späte Genugtuung: Der Mensch ist des Menschen Wolf im Internet!

Der Verfasser hat sein Gebaren im Netz kritisch beobachtet und selber fest gestellt, dass er auch hin und wieder vom Virus des Bösen befallen wird. Was ist der Grund, warum ein im Alltag braver Dr. Jekyll im Internet zum bösen Mr. Hyde mutiert?

Bevor wir uns der Frage stellen, schauen wir uns einen Fall an, über den in den letzten Wochen im Internet heiß diskutiert wurde.
www.esowatch.com ist eine aus Wiki, Forum und Weblog bestehende Internetseite, welche auf den ersten Blick sachlich und ernsthaft über Esoterik und Pseudowissenschaften informiert. Verweilt man etwas und wagt einen zweiten Blick, dann werden Heilmethoden der Scharlatanerie und der Beutelschneiderei bezichtigt. Das wäre im Grunde nicht weiter problematisch, wenn dritte Personen schadlos blieben, man auf Hetze und Lügen verzichtete - ja, dann könnten Esowatch-Autoren schreiben, was immer sie mögen. Leider ist das nicht der Fall. Die Autoren, mit akademischer Bildung gesegnet, ereifern sich über Wissenschaftler, die nicht in ihr Weltbild passen, wie beispielsweise der Philosoph Helmut Hille und der Arzt Dietrich Grönemeyer.

So können wir auf Esowatch.com lesen:
“Helmut Hille ist ein deutscher Philosoph und Autor aus Heilbronn, ein so genannter ‘big picture man’. Von den Details hat er schlicht keine Ahnung… So biegt man sich die Realität zurecht, wenn man von Mathematik und Physik keine Ahnung hat, aber mitreden will…”

“Dietrich Grönemeyer… ist Arzt und lehrt an der anthroposophischen Universität Witten-Herdecke Radiologie und Mikrotherapie. Seine umstrittenen Äußerungen zu Krebs haben ihm in Fachkreisen den Ruf eines populistischen Scharlatans eingebracht. Ungewöhnlich ist auch, wie er an seinen Professor-Titel gelang. Üblicherweise erfolgt ein Ruf auf Grund wissenschaftlicher Leistungen oder einer umfangreichen Habilitation. Grönemeyer hatte bis dato weder einen wissenschaftlichen Ruf erworben, noch erwähnenswerte Publikationen veröffentlicht. Ebenso erstaunlich ist, dass Grönemeyer vorgibt, sanft und ganzheitlich zu behandeln, seine Mikrotherapie aber wegen der hohen Strahlenbelastung unter Fachleuten sehr umstritten ist …”Das sind nur zwei Auszüge aus der “Webseite des großen Hauen und Stechens”. Die Betreiber und Autoren von Esowatch.com betreiben einen Kreuzzug gegen anerkannte Wissenschaftler sowie gegen Grenzgebiete der Wissenschaft. Da wird alles als “Eso abgewatscht”, was nicht in ihr Weltbild passt.

Warum machen sie das? Was steckt hinter dieser Intoleranz, die bis zu abgrundtiefen Hass reicht?

Ist es das, was Peter Sloterdijk unter dem fundamentalistischen Gift unserer Zeit versteht? Das grenzenlose Experimentieren ohne Moral, das uns bodenlos und heimatlos mache, ebenso heimatlos, wie es Martin Heidegger bereits empfunden hatte?
Das letzte Jahrhundert der psychoanalytischen Wissenschaft hat uns vermutlich nur vorgegaukelt, dass unser Eros, also unsere erotischen Triebe, unser Sein bestimmen. Kriege und Schlachten werden mit anderen Leidenschaften gefochten. Falls Heidegger und Sloterdijk Recht haben und wir das Sein durch das Seiende ausgetauscht haben, dann gilt für das Seiende eine andere Triebkraft. Das, was uns Menschen im Internetzeitalter wieder mehr prägt, ist der Thymos, unsere Lebenskraft. Das sind positive Gemütsverfassungen, wie Selbstbeherrschung, Gelassenheit, Selbstachtung und Stolz, welche allerdings vor dem ersten Klick im Netz zu oft in Vergessenheit geraten. Denn auf der großen Bühne des Internet spielen eher die negativen Triebkräfte des Thymos die entscheidende Hauptrolle: Zorn, Neid und Hass.

Warum ist das so? Warum streiten, hauen und stechen Menschen im Internet und geben fast alles von sich preis, obwohl sie auf der anderen Seite Angst vorm gläsernen Bürger haben und einer Volkszählung kritisch gegenüber stehen? Oftmals wird das Hauen und Stechen mit der Anonymität und der Sanktionsfreiheit begründet. Das scheint nur ein Scheinargument zu sein, denn eine Anonymität des Internet existiert nicht; wir können höchstens von einer Pseudoanonymität sprechen. Zum einen sanktionieren Forenbetreiber die Bösewichte und schließen immer wieder “bösartige Nicks” vom Forenbetrieb aus und zum anderen lassen sich viele Nicks nach ein paar Mausklicks demaskieren. Darüber hinaus kann das Opfer eines persönlichen Angriffs gegen den Täter rechtlich vorgehen, falls der Angriff ehrverletzenden Charakter hat, ein Angriff auf die Menschenwürde vorliegt oder es sich um eine Diffamierung handelt. Dann können auf den Täter wegen Beleidigung oder Verleumdung Gegendarstellungs-, Unterlassungs- oder Schadensersatzansprüche zukommen. Wer meint, dass in diesem Falle die Foren- oder Netzwerkbetreiber den Namen des Täters nicht preis geben, der irrt sich. Ist der Täter Autor oder Betreiber einer Website oder eines Forums, dann kann auch gegen den Inhaber der Domain vorgegangen werden. Das ist vor allem dann sinnvoll, wenn der Betreiber oder der Täter in Deutschland sitzt. Wenn die Website allerdings aus dem Ausland kommt, dann sieht es nicht gut aus, denn es ist fraglich, inwieweit der Betreiber der Domain nach deutschem Recht zu belangen ist.

Und schon sind wir zurück bei unserem Beispiel Esowatch.com. Im Impressum der Seite steht:
“… Darum agiert Esowatch anonym, um die Autoren vor Belästigungen und Schlimmerem zu schützen… Es ist uns klar, dass Anonymität erstmal der Glaubwürdigkeit nicht dienlich ist…”Esowatch.com verzichtet also auf ein gesetzlich vorgeschriebenes Impressum und lässt die Domain anonym hosten. Schlechte Karten hatte deshalb ein Mobbing-Opfer, das sich gegen abwertende Darstellungen seiner Person in der Wiki des Internet-Portals www.esowatch.com wehren wollte. Das Verfahren wurde eingestellt (Anzeige gegen unbekannt wegen übler Nachrede, Staatsanwaltschaft München I AZ 266 UJs 719754/08).

Also gibt es doch eine Anonymität im Internet?

Nein, denn auch das Geheimnis Esowatch.com ist gelüftet worden. Ein Esowatch-Opfer schrieb eine E-Mail an info@esowatch.com und regte den Empfänger mit einer fingierten Geschichte dazu an, eine präparierte und öffentlich nicht bekannte Webseite zu besuchen. Der Esowatch-Betreiber tappte wie gewünscht in die Falle. Eine Programmierung stellte sicher, dass die Daten des Besuchers umgehend erfasst und per E-Mail zur Verfügung gestellt wurden.
Anton Winkler (Pressesprecher der Staatsanwaltschaft München I) rät Mobbing-Opfern, die Möglichkeit einer Privatklage an einem zentralen Ort in Deutschland zu prüfen. Es gibt keine Anonymität im Internet. Mobbende Nicks können ebenso überführt werden wie Domains, die sich Mobbing zum Auftrag gemacht haben.

Zurück zur Philosophie!

Von Sloterdijks Ethik der feindlosen und herrschaftsfreien Beziehungen im Zeitalter der Homöotechnik sind wir weit entfernt. Sloterdijks Zukunftstraum Homöotechnik ist eine herrschaftsfreie Technik, die Intelligenz intelligent aufgreift und neue Zustände der Intelligenz erzeugt. Wie wir gesehen haben, ist Cyber-Mobbing das Gegenteil davon. Der Dialog im feindlosen Raum wird ersetzt durch den Hass im virtuellen Raum. Hier heult des Menschen Wolf mit seinesgleichen.

Weitere Informationen: www.openpr.de/news/282431.html

Photo Quelle/Copyright: Gerd Altmann, via pixelio.de

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11 Reaktionen zu “Cyber-Mobbing”

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  1. Jan van Winried

    am 16. Februar 2009 um 15:23 Uhr | Link | Kommentar melden

    Janz schön viel Philosophie. Nach meinem Kenntnisstand sind auf derartigen Seiten hauptsächlich solche Zeitgenossen unterwegs, die auch im wahren Leben gerne rumstänkern und über Andere herziehen. Auch negatives Feedback ist eine Form, wahrgenommen zu werden. Die gemeinsame Hetze gegenüber vermeindlich Schwächeren gibt diesen Menschen Hochgefühle, die Ihnen im täglichen Leben fehlen (da gibts einen auf die zwölf).

  2. Joss

    am 16. Februar 2009 um 17:40 Uhr | Link | Kommentar melden

    Da gaebe es eigentlich ganz grundsaetzlich mal die Moeglichkeit, einen kleinen
    Exkurs ins Strafrecht zu machen. Mal in aller Ruhe erst mal diverse Strafparagraphen
    in Erinnerung rufen (Verleumdung, Noetigung, Erspressung, usw.).
    Wie ja auch die Sache mit politisch motivierten Straftaten nicht ungesehen hinge-
    nommen wird. Da gaebe es auf jeden Beispiele aus allen extremen Lagern.
    Und dann auch noch, in Erweiterung dieses wirklich noetigen Beitrages die
    Moeglichkeiten einer Strafanzeige, usw.
    Das sind alles Sachen die man irgendwie weiss, so allgemein, aber dann doch
    wieder nicht. Wenn es um Details geht. Zumindest ist es bei mir so. Vielleicht
    auch bei anderen. … Und waere deshalb dankbar fuer derlei Beitraege.
    Danke uebrigens fuer diesen.

  3. Esowatch.com im Münchhausen-Test: »Akupunktur« | H.Blog: Homöopathie & Forschung

    am 17. Februar 2009 um 09:31 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Kai Beisswenger bei READERS EDITION: »Cyber-Mobbing« […]

  4. Cyber-Mobbing « Heinkas DNs & DN-News

    am 17. Februar 2009 um 10:49 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Siehe auch: readers-edition.de […]

  5. » Cybermobbing AuGuS Theater Neu-Ulm: Das Theater macht Sinn

    am 17. Februar 2009 um 23:41 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Scheint ne merkwürdige Welt zu sein, in der wir auf diesem Block zum Glück nicht leben - obwohl es auch hier Ansätze gegeben hat. Wer mal Lust hat, sich näher zu informieren hier ein Link […]

  6. Abwehr gegen Cyber-Mobbing | Blog - Jocelyne Lopez

    am 21. März 2009 um 10:27 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] 16.02.09 - Cyber-Mobbing: […]

  7. Gisela

    am 3. April 2009 um 12:16 Uhr | Link | Kommentar melden

    Du sprichst mir ja so aus der Seele! Ich habe den Eindruck, als ob sich jeder, der im echten Leben nicht klarkommt, virtuell austobt und zwar auf übelste Weise. Ignorieren ist schwer, sehr schwer. Wenn man allerdings nicht reagiert, ist der Andere vielleicht am besten gestraft, weil er sonst eine Wichtigkeit erhält, die dem Ganzen nicht angemessen ist.

    Im zwischenmenschlichen Bereich kann das Internet sowohl ein Segen wie auch ein Fluch sein. Von daher - vielleicht hatten unsere Großeltern es doch besser. Sie mussten sich noch von Angesicht zu Angesicht unterhalten….;-)

  8. Diffamierung im Internet und Cyber-Mobbing « Internet « Andreas Kemmerer, Diffamierung, Internet, Mobbing, Rache

    am 8. April 2009 um 17:32 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Gegen Cyber-Mobbing bei Blog.de Die Verleumdungs-Seiten ESOWATCH, GWUP und Forum Alpha Centauri von Jocelyne Lopez Gegen Cyber-Mobbing bei Mediation Berlin Blog Cyber-Mobbing Ade bei scoyo Cyber-Mobbing bei readers edition Esowatch.com im Münchhausen-Test: »Akupunktur« bei psychophysik […]

  9. » Psycho-Krieg im Internet - ein deutsches Phänomen? oder: wer sind Helga König und Ute-Marion Wilkesmann? schon gewusst?

    am 7. Februar 2010 um 12:56 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Readers Editon - Cybermobbing […]

  10. Psycho-Krieg im Internet - oder: wer sind Ute.Marion Wilkesmann und Helga König? - PUBLICUS TREVERENSIS - Kleine Trierer Webzeitung

    am 7. Februar 2010 um 14:13 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Readers Editon - Cybermobbing Geschrieben von PT_Redaktion in Blick ins Internet um 14:08 | Kommentare (0) | Trackbacks (0) Ihre Bewertung dieses Artikels: […]

  11. Psycho-Krieg im Web – oder: wer sind Helga König und Ute-Marion Wilkesmann? « …schon gelesen?

    am 9. Februar 2010 um 09:24 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Readers Editon – Cybermobbing Beschlagwortet mit:Cyermobbing, Psycho-Krieg im Internet, Ute-Marion Wilkesmann […]

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