- Eine Glosse – Nach fünf Tagen Dauerregen im [eigentlich] hochsommerlichen Sydney denke ich, dass es schlimmer kaum werden könne – und muss eines Besseren belehrt werden. Noch während ich das Brot in mich hinein quäle, es hat die Konsistenz nasser Pappe, drücke ich auf „Empfangen“. Wenige Bytes später stoppt mein Frühstück auf halbem Wege Richtung Magen; zu verdauen gibt es nämlich etwas ganz Anderes. Im Posteingang landet eine E-Mail meines Berliner Untermieters, in der er mir mitteilt, dass die Kommode, welche ich dereinst auf dem Hausflur abstellte, sang- und klanglos entschwand.
Großtante Sophias Kommode!
Dachte mein Untermieter zunächst noch an Diebstahl, stellt sich alsbald heraus, dass unser Nachbar bestens informiert ist. Das war er schon immer. Schon damals, als die Welt zwischen Hammer und Sichel noch in Ordnung war, wusste er immer über alles Bescheid. Schließlich war er an den entsprechenden Stellen beschäftig, „natürlich ganz harmlos“ wie er mir versicherte. Und weil mein Nachbar immer bestens informiert ist, wusste er auch zu berichten, dass unser lieber Vermieter die Kommode abholen ließ… Aus Gründen des Brandschutzes.
„Merkwürdig“, denke ich. Zwei Jahre lang bestand keine Gefahr, aber nun, ganz plötzlich, steht ein Problem im Wege. Ein Problem-Schrank, sozusagen. Doch tief in mir drin, da bin ich ganz sicher, ist das Problem nicht der Brandschutz. Denn unserem Nachbarn war der Problem-Schrank schon lang ein Dorn im nelken-roten Auge.
Die Kommode war nicht nur irgendein Möbel, das all die Dinge und Sachen beherbergte, die ich nicht brauchte, aber unbedingt besitzen musste. Auch war sie das letze Erinnerungsstück an Großtante Sophia aus Italien. Ich hatte das 90 Jahre alte Ding [also die Kommode, denn Großtante Sophia war bereits beerdigt] zunächst zwei Stockwerke eine steile Treppe herunter gehievt, um mir dabei fast das Genick zu brechen. Dann ging es weiter, mit einem klapprigen Wägelchen, einen steilen Berg hinunter und auch wieder hinauf. Es folgte der Transport via Ferkel-Taxe nach Neapel, wo das gute Stück kaum durch die Zugtür passte. In Rom angekommen, zerrte ich die Kommode in den Nachtzug, um diese schlussendlich, in Berlin, mittel U- und Straßenbahn durch die halbe Stadt bis in unserem Hausflur zu kutschieren.
Nun unternimmt der einzig verbliebene Hausrat der Sophia B. seine wohl letze Reise.
Endstation Schwanebeck. Berlins schönste Müllkippe.
Das Ungeheuerlichste an diesem Vorgang ist die Tatsache, dass mein Vermieter dafür auch noch Geld verlangt. Tatsächlich. Ich soll seine Quinte noch verzollen. „Im Gegenteil“, kommt es mir in den Sinn, „ich stelle denen eine Rechnung“! Für die Werkzeuge, Putzmittel und all den anderen Kram, der sich im Bauche des Wegelagerers befand. Und ein Wischtuch für die Tränen, die ich vergieße, ob des Verlustes meines hässlichsten Lieblingsmöbelstücks. Sagen wir 90,- Euro zzgl. Umsatzsteuer, damit in diesen schweren Zeiten wenigstens Peer Steinbrück etwas Positives von der Geschichte hat.
Ja, ich werde denen schreiben – und selbstverständlich erwarte ich umgehend eine Stellungnahme. Wahrscheinlich werden sie, so wie immer, in ihrem grässlichen Bürokraten-Deutsch zu antworten. Momentan wäre dies wie Öl im Feuer meiner Wut. Möglicherweise jedoch finden die Mitarbeiter des Vermietungsbüros zwischen all den Akten und Richtlinien, inklusive Brandschutzverordnung, noch einen Hauch Menschlichkeit. Mit einer Prise Galgenhumor? In dem Schreiben werde ich nicht „mit freundlichen Grüße“ verbleiben, das kann ein Gauner nicht erwarten. Aber ich werde eine kleine Portion australischer Sonne mit senden, auf dass sie deren kaltes Herz erwärmen möge. Denn ich will doch nur wissen, wo zum Henker Großtante Sophias Kommode abgeblieben ist. Vielleicht wird ja noch alles gut.
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