Der anhaltinischen Melancholie entgegenwirken

Auf Schloss Goseck geht’s ums Liedgut und Sebastian Lohse (Letzte Instanz) eröffnete grandiosSchloss Goseck thront über der Saale. Auf der einen Seite blinkt Naumburg und auf der anderen Seite kann man Weißenfels erahnen. Irgendwann in den 90ern des letzten Jahrhunderts beschlossen einige langhaarige Freunde “Alter Musik” hier Kultur zu schaffen

sebas.jpgAuf Schloss Goseck geht’s ums Liedgut und Sebastian Lohse (Letzte Instanz) eröffnete grandiosSchloss Goseck thront über der Saale. Auf der einen Seite blinkt Naumburg und auf der anderen Seite kann man Weißenfels erahnen. Irgendwann in den 90ern des letzten Jahrhunderts beschlossen einige langhaarige Freunde “Alter Musik” hier Kultur zu schaffen und das Gelände vor dem Zerfall zu retten. Die Ortsansässigen dachten “Huch!” und “Was für Spinner!” und “Was wollen denn die hier!” und rollten mit den Augen. Mittlerweile feiern sie ihre Feste mit den Kulturmachern und freuen sich, dass da etwas entstanden ist, was den Ort belebt und der allgemeinen anhaltinischen Melancholie entgegenwirkt. Gut gemacht!

Seit Anfang 2009 wird nun auch das Konzept der Leipziger Liedertour – die Küchenkonzerte – in Goseck adaptiert. Hier heißt das Ganze dann Gosecker Schenkenkonzerte und bietet für 12 Euro einen Abend mit Freigetränk, lecker Süppchen und herausragenden Künstler an. Man kann in der Pension des Schlosses für wenig Geld übernachten und dem Stress der Stadt für zwei Tage entfliehen. Bei der Gegend ein Genuss!

Wein und Wandern und Ruhe und Licht!

Und so gab’s am 12.02.09 IN MEDIAS RES – NEUE LIEDER mit Sebastian Lohse und Clemens Pötzsch und Lohse sang wie ein Held und das Programm erfreute die Anwesenden. Dies ist das Schöne, in kleiner Runde (die Konzerte sind auf 30 Menschen im Publikum in der Schlossschenke ausgelegt) darf man zuhören und sich verzaubern lassen, während guter einheimischer Wein die Seele fliegen lässt.

Lohse und Pötzsch brachten Liedgut – Lied gut! Aus Texten vom großen Leipziger Lyriker Andreas Reimann und Werken Thea Elsters – daneben Lohsesachen und andere wunderbaren Schriften. Und die Jungs formten einen tollen Abend, sensibel inszeniert und fantastisch dargereicht. Klar doch, hat Lohse doch schon seit seinem fünften Lebensjahr Instrumente gelernt, Schauspiel und Gesang zelebriert und Musik studiert. Bekannt ist er natürlich auch durch sein 5 ½ jähriges Sängersein bei “Letzte Instanz“. Der Mann weiß einfach, was er tut. Zwischen emotionalen Darbietungen (Kopfkino) und kleinen charmanten Gags, respektvollen Worten zum großen Reimann und theatralischen Momenten (Dr. Faust) geht’s auf eine Reise, die sogar am Kabarettesken (Tango) schrammt.

Wirklich schön. Hohe Qualität und echtes Menscheln für Menschen, die zum Genuss keine zehntausend schwitzenden Mitgröhler brauchen. Besinnung aufs Wichtige, Lied und gut!

Und da Genuss ja auch durch den Magen geht, gab’s nach der Veranstaltung angenehme Gespräche im kleinen Kreis, Maroneneintopf von der Köchin, die gleichzeitig die Mutter der Kinder eines der Organisatores ist und eine Keramik in der diese dargereicht wurde, die förmlich das I-Tüpfelchen auf der Veranstaltung war. Das Geschirr kam aus Kahla und war wirklich Porzellan für die Sinne.

Alles in allem wirklich ein großartiges Konzept, liebevoll umgesetzt und warmherzig gereicht. Es ist schön, Menschen zu erleben, die mit soviel Spaß soviel Gutes herrichten!!!!

Und damit die Readers-Edition-Leser noch mehr aus eingeweihtem Munde erfahren können, gibt’s noch ein kleines Interview mit einem der Veranstalter – Robert Weinkauf:

Volly Tanner: Ein paar Worte bitte zu Alter Musik, was fasziniert Dich daran? Warum beschäftigst Du Dich damit?

Robert Weinkauf: Niemand weiß, wie die Musik des Mittelalters geklungen hat. Über diese etwa 1000 Jahre Musikgeschichte gibt es zwar inzwischen sehr viele und auch sehr fundierte Vermutungen, aber nicht viel mehr. Wenn man sich intensiv mit diesen Vermutungen beschäftigt, kommt man irgendwann auf eine eigene vertretbare Idee und man beginnt, als Ensemble eine eigene Stilistik zu entwickeln, die sich aus der Auffassung des Umgangs mit dem überlieferten Material ergibt. Als Instrumentalist genießt man ähnliche Freiheiten wie ein Jazzmusiker. Um die toten Notenzeilen, die wir auf alten Pergamenten oder in Büchern finden zum Leben zu erwecken, tatsächliche Musik daraus zu formen, bedarf es der Improvisation.

Mir als Sänger gibt es die wunderbare Möglichkeit, auf Melodien und großartige Texte zurückzugreifen, die ich auf meine Persönlichkeit übersetze. Und dann sind uralte schwarze Punkte plötzlich mein Lied. Der kreative Prozess ist nicht so weit entfernt von dem eines Songwriters. Ein anderer Sänger kann sich über den gleichen Urtext völlig andere Gedanken machen und wird dann also auch ein anderes Lied singen. Das finde ich sehr spannend.

Volly Tanner: Wo kann man Dich derzeit und mit welcher Formation LIVE erleben?

Robert Weinkauf: Seit 25 Jahren bin ich der Sänger des Leipziger Ensembles für mittelalterliche Musik “IOCULATORES“, mit dem wir im Rahmen unseres Festivals “montalbâne” im Juni ein Jubiläumskonzert in der Originalbesetzung geben und uns damit auch gleichzeitig von unserem Publikum verabschieden werden. Im Mai bin ich wieder mit dem Ensemble “La Ziriola” auf Tournee, das sich ebenfalls mit mittelalterlicher und aber auch alter, traditioneller Musik beschäftigt. Zum Ensemble gehören zwei IOCULATORES-Musiker und neben mir
noch ein zweiter Sänger und Multi-Instrumentalist: mein fantastischer Kollege Peter Rabanser, den viele aus den Ensembles “Unicorn” und “Oni Wytars” kennen werden. Unser derzeitiges Konzertprogramm arrangiert ein Zusammentreffen der beiden Ikonen mittelalterlicher, deutscher Liedkunst: Walther von der Vogelweide und Oswald von Wolkenstein. In Wirklichkeit trennten etwa 140 Jahre die Leben der beiden, umso erstaunlicher sind die künstlerischen und biographischen Parallelen, die uns letztlich veranlasst haben, ihnen dieses “gemeinsame Konzert” zu ermöglichen.

Ende der 90er Jahre war ich ja auch Gitarrist und Sänger der wiederbelebten Leipziger Beat-Legende “The Butlers” um Schlagzeuger Hans-Dieter Schmidt. Seit 2000 arbeite ich mit dem damaligen Pianisten und Frontmann Robert P. Mau und dem Bassisten Zsolt Petery zusammen in einem eigenen Band-Projekt: dem “Kammer-Beat-Ensemble” THE BUT. In dieser Formation, mit der wir ausschließlich eigenes Songmaterial darbieten, lebe ich in regelmäßigen Konzerten meine Affinität zur Musik der Sixties aus, inzwischen ja auch fast Alte Musik…

nächste Termine Raum Leipzig:

THE BUT
8. Mai 2009, Leipzig, “kultiviert anders!”
21. Mai 2009, Schloss Goseck, Liedertour special, zusammen mit ReVision und Franz Elze

LA ZIRIOLA
15. Mai 2009, Leipzig-Plagwitz, Heilandskirche, “der Vogelweider und der Wolkensteiner”

IOCULATORES
21. Juni 2009, Freyburg/Unstrut, “montalbâne”, “25 Jahre IOCULATORES – in memoriam”

Volly Tanner: Dein Engagement für Goseck. Warum, wie geht’s weiter?

“Schloss Goseck und unsere Tätigkeiten dort sind also fast zwangsläufige Fortsetzungen von Freundschaften und Kooperationen”

Robert Weinkauf: Das “Europäische Musik- und Kulturzentrum Schloss Goseck” geht eigentlich auch auf die “Keimzelle” IOCULATORES zurück. 1991 haben wir mit diesem Ensemble das Festival “montalbâne” initiiert, das bis heute das einzige akademische Festival für mittelalterliche in Deutschland ist und international Reputation als eines der innovativsten Festivals für Alte Musik genießt.
1993 war die erste CD des Ensembles ausschlaggebend für die Gründung des audiophilen Alte-Musik-Labels “Raumklang” durch Sebastian Pank, der bis vor einigen Jahren Musiker des Ensembles gewesen ist. Sebastian Pank wiederum hat 1998 der “Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt”, die die Immobilie verwaltet, das Konzept für Schloss Goseck vorgeschlagen, es wurde angenommen und die Musiker von IOCULATORES waren der Gründungskern des “Schloss Goseck e.V.” noch im September desselben Jahres.
“montalbâne” ist in der Trägerschaft eine Kooperation zwischen dem “Verein zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg” und dem Ensemble IOCULATORES gewesen, inzwischen haben wir unsererseits vom Ensemble auf den “Schloss Goseck e.V.” gewechselt. “montalbâne” ist also, genau genommen, die größte Veranstaltung des “Schloss Goseck e.V.”. Das Leipziger “Raumklang”-Label ist dann folgerichtig auch auf Schloss Goseck gezogen, da Sebastian Pank auf dem Schloss wohnt, im Gegensatz zu mir und den anderen Kollegen, die wir aus beruflichen und familiären Gründen in Leipzig geblieben sind. Außerdem ist es ja eine herrliche Stadt und Schloss Goseck ist in einer Dreiviertelstunde erreichbar. Kay Krause, der Lautenist von IOCULATORES und “La Ziriola” ist einer der beiden Gründer der Leipziger Firma “kocmoc.net”, die, was unsere Gemeinschaft betrifft, für das Erscheinungsbild von “Raumklang” und “montalbâne” verantwortlich zeichnen, auch die erste CD-Veröffentlichung von THE BUT wurde im Hause “kocmoc.net” gestaltet. Jörg Peukert, Sprecher und Dramaturg des Ensembles IOCULATORES, ist inzwischen der Direktor von Schloss Neuenburg.

“Theater und Literatur genießen leider nicht die Popularität wie verschiedene Stilrichtungen der Musik”

Schloss Goseck und unsere Tätigkeiten dort sind also fast zwangsläufige Fortsetzungen von Freundschaften und Kooperationen, die in einem relativ überschaubaren Kreis von Leuten eine 25jährige Geschichte haben, die im Leipziger Südwesten ihren Anfang nahm. Ich bin seit Anbeginn der 2. Vorsitzende des “Schloss Goseck e.V.” und habe im vergangenen Jahr ganz konkrete kulturelle Ressorts übernommen, weil wir nach zehn Jahren das Gefühl hatten, unsere Angebotspalette erweitern zu wollen – nämlich um Nicht-Klassische Elemente. Zuvor haben wir bereits begonnen, verstärkt Theater und Literatur ins Spiel zu bringen, wobei dieses Segment offensichtlich längeren Anlaufs bedarf, als musikalische Neuerungen. Theater und Literatur genießen leider nicht die Popularität wie verschiedene
Stilrichtungen der Musik, so dass die Etablierung dieser Elemente etwas längere Zeit in Anspruch nimmt.

Mein lieber Freund Paul Millns, Blues & Soul Poet aus London, den ich Ende der Achtziger Jahre in Leipzig kennengelernt habe, war vor sechs/sieben Jahren der erste und lange Zeit auch einzige “Nicht-Klassiker”, den wir regelmäßig nach Goseck geholt haben. Wir wussten Dank seiner sehr erfolgreichen Konzerte also schon länger, dass unser Programm auch angenommen wird, wenn wir nicht Alte Musik oder Klassik präsentieren würden.

Trotzdem haben wir uns bis 2008 Zeit gelassen, um nicht schleichend mehr anzubieten, sondern uns mit einer “Punktlandung” auf das neue Level zu begeben. Im September 2008 haben wir das Nachwuchs-Band-Festival “youngblood” für junge Bands des Burgenlandkreises installiert, das bereits mit seiner ersten Ausgabe etabliert war und nun jährlich stattfinden wird. Zeitgleich fand die erste Rock-Nacht statt, derer wir nun zwei pro Jahr auf dem Gosecker Schlosshof haben werden. Verdientermaßen, sozusagen aus musikgeschichtlicher Sicht, war die DeutschRock-Legende “RENFT” die erste Gosecker Rock-Nacht-Band. Im Mai werden wir “Stern akustisch” zu Gast haben,
die Band um IC Falkenberg und weitere ex-Stern Meißen-Musiker.
Gerade jetzt hatte unsere neue Veranstaltungsreihe der “Gosecker Schenkenkonzerte” Premiere, bei der monatlich Liedermacher, Singer/ Songwriter, Kleinkünstler Konzerte im intimen Rahmen unserer Schloss-Schenke geben, gemeinsam mit dem Publikum nach dem Konzert essen und schwatzen. Im April findet das 1. “Fritz-Feick-Freundschafts-Fest” auf Schloss Goseck statt. Der niedersächsische Musiker trifft sich mit Freunden und Fans ein Wochenende lang, um das Schloss und die Umgebung zu genießen.

Da ich einen relativ großen Freundes- und Kollegenkreis unter Rockmusikern und Kleinkunstkünstlern habe, werden wir über Jahre ein attraktives Programm in diesen Genres anbieten, so wie es unser eher klassisch geprägtes Publikum auch seit zehn Jahren gewöhnt ist. Die wissen inzwischen, dass sie sich auf uns als Veranstalter verlassen können und kommen eben auch nach Goseck, wenn ihnen Musiker unbekannt sind. Sie wissen, dass wir selber einen sehr hohen
Qualitätsanspruch haben und nach genau diesem Anspruch selber entscheiden, wer auf Schloss Goseck Konzerte gibt. Für die nicht-klassischen Genres möchte ich das auch erreichen. Das ist ein guter Ansporn, so wahnsinnig viel Zeit und Kraft in diese ausschließlich ehrenamtliche Arbeit zu investieren.

Letztlich habe ich zunehmend festgestellt, dass ich mich selber natürlich unheimlich gern auf der Bühne präsentiere, aber inzwischen eine fast gleichartige Genugtuung empfinde, wenn es mir als Veranstalter gelungen ist, ein Konzertpublikum glücklich gemacht zu haben. Dabei spielt es natürlich auch eine große Rolle, dass es mich zusätzlich froh macht, den Leuten ausgerechnet auf meinem Lieblingsschloss in Goseck diese Glücksmomente bereiten zu können, die ich selber immer wieder empfinde, wenn ich dort bin.

Volly Tanner: Gibt’s noch neben Musik und Orga und FRAU/KINDER ein Hobby Spargelschälweltmeisterschaftgewinnen oder so?

Robert Weinkauf: Mein Musiker-Dasein und auch die Tätigkeit auf Schloss Goseck bzw. innerhalb des Festivals “montalbâne” ist eigentlich das, was man Hobby oder sinnvolle Freizeitbeschäftigung nennen könnte. Im “richtigen” Leben bin ich selbständiger Handelsvertreter und betreue seit fast vierzehn Jahren die Klassik-Fachhändler im Osten Deutschlands und in Berlin. Bis 2005 habe ich in dieser Funktion die deutsche Filiale der “harmonia mundi france” vertreten und bin danach gewechselt zum Heidelberger “Note1 Musikvertrieb” und der deutschen Abteilung der belgischen Company “Codaex”.

Mit außergewöhnlichen Aktivitäten kann ich leider nicht dienen. Mein Spleen als Sammler sind “The Beatles” in all ihrer Trag- und Reichweite und ich hege eine tiefe Leidenschaft und Verehrung für die naive Philosophie und das künstlerische Gesamtwerk von Yoko Ono.

Volly Tanner: Danke Robert!

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