Musik als “Mannschaftssport” – Es gibt noch mehr als die Konserve

Seit mehr als 40 Jahren ist der Jugendspielmannszug St. Otto e.V. in Bamberg aktiv. Nun hat der Verein Nachwuchssorgen. Ein Blick auf historische Photos im Vereinsheim in der Siechenstraße 75 verrät es: Der einst gut bestückte Spielmannszug ist merklich geschrumpft. Vorbei die Zeiten, in denen eine stattliche Zahl an Musikern

spielz.jpgSeit mehr als 40 Jahren ist der Jugendspielmannszug St. Otto e.V. in Bamberg aktiv. Nun hat der Verein Nachwuchssorgen.

Ein Blick auf historische Photos im Vereinsheim in der Siechenstraße 75 verrät es: Der einst gut bestückte Spielmannszug ist merklich geschrumpft. Vorbei die Zeiten, in denen eine stattliche Zahl an Musikern die Menschen mit fröhlichen Klängen erfreute. Heute sind es gerade einmal 25 Aktive, die dem Zug beiwohnen – im günstigsten Fall. Denn abgesehen von vielfältigen Verpflichtungen, die die einzelnen Mitglieder neben ihrer musikalischen Leidenschaft haben, gibt es vor allem eine Sorge: Viele Nachwuchshoffnungen bleiben nach der qualitativ hochwertigen Ausbildung nicht in der Gemeinschaft.

“Es sieht mehr oder weniger kritisch aus”, beschreibt Stabführer René Lachmann die angespannte Situation des Traditionsvereins. Nur einige Wenige würden derzeit die unzähligen zu erledigenden Aufgaben hinter den Kulissen schultern. Und es würden immer weniger. Von einem “Wahnsinns-Verein” wie zu früheren Zeiten könne da, trotz kontinuierlicher öffentlicher Präsenz in und um Bamberg, schon lange nicht mehr gesprochen werden.

25 Aktive und 120 Passive zählt der Jugendspielmannszug St. Otto e.V., der neben klassischer Marschmusik auch moderne Stücke im rund 230 Werke umfassenden Repertoire hat, aktuell zu seinen Mitgliedern. Jung und Alt kommen hier zusammen und lernen voneinander. Ein Umstand, den alle Beteiligten sehr zu schätzen wissen. Von gerade einmal neun Jahren bis in die hohen 60er hinein ist daher alles mit an Bord. 14 feste Termine stehen jedes Jahr im gemeinsamen Auftrittskalender, vom Johannisfeuer über Kirchweihen und Jubiläen bis hin zu den Faschingsumzügen. Das sollte doch locken, oder etwa nicht? René Lachmann zuckt etwas ratlos mit den Schultern. Konkrete Ursachen für das längerfristig fehlende Interesse der Kids sucht auch er vergebens. Mit Hilfe eines umfassenden Rahmenprogramms würde nämlich von jeher versucht, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Ob Reisen zu befreundeten Vereinen, die sie immerhin bis nach Bedford in Großbritannien, Esztergom in Ungarn oder Rodewald führten, Aktivitäten nach den Auftritten und Probentagen oder besondere Ausflüge je nach Jahreszeit, das Vereinsleben beschränke sich nicht nur auf üben, üben, üben. Obwohl gerade auch die Qualität der Ausbildung nun merklich zugenommen hat. “Früher erfolgte die Ausbildung ehrenamtlich durch die Musiker selbst unter Anleitung des musikalischen Leiters”, erzählt er weiter. “Heute kommen wieder, wie schon in der Vergangenheit geschehen, Musikstudenten von der Universität zu uns, die hier sehr gerne ihr theoretisches Wissen praktisch anwenden.” Zwar habe sich die Ausbildung, die einst sogar von den Bamberger Symphonikern unterstützt wurde und mit einer vierwöchigen Schnupperphase beginnt, dadurch etwas in die Länge gezogen und auch der Preis sei etwas gestiegen, doch gelohnt habe sich dieser Schritt auf jeden Fall.

Schule und Internet – zwei zukunftsträchtige Säulen

Fast wehmütig werde da auf die zahllosen Musikvereine der Region geschaut. Denn derart massive Nachwuchssorgen wie sie hier vorzufinden sind, seien den klassischen Musikkapellen fremd, klärt er über die vermeintliche Konkurrenz auf. René Lachmann und sein Team hoffen daher auch weiterhin auf die Effekte der musikalischen Früherziehung, die sie ebenfalls anbieten, die Mundzumundpropaganda und die Reichweite des Internets, das ihnen, neben dem letztjährigen Gang in die Schulen, nun die nötige Öffentlichkeit bescheren soll.

Johanna Peter, ehemalige Spielerin im Zug, erinnert sich jedenfalls gerne an die 15 zurückliegenden Jahre, in denen sie dem Verein verbunden war und den sie auch heute noch ein ums andere Mal aktiv unterstützt. Schon im Grundschulalter war die heutige BWL-Studentin auf die bunte Truppe gestoßen und seitdem konsequent dabei geblieben. “Sicher ist es im Spielmannszug nicht so bequem wie in einer Kegelgruppe”, meint sie verschmitzt, “auch eine ordentliche Portion Leidenschaft gehört sicher dazu”, doch missen wolle sie die Zeit, die sie gemeinsam mit ihren engen Freundinnen hier hatte, unter keinen Umständen. Viel zu viel habe man zusammen erlebt, tolle Momente miteinander geteilt und auch, das sei sogar entscheidend, so einiges von der Welt gesehen. Auch sie bedauert den neuerlichen Trend, schon kurz nach der Ausbildung wieder das Weite zu suchen und all die Mühe, die die Ausbilder in die jungen Talente gesteckt haben, in den Wind zu schlagen.

Lieber Musik machen als vor der Glotze sitzen

spiel2.jpgVera, Nathalie, Michelle, Leonie, Jacqueline und Anna bekommen von den sorgenvollen Gedanken der “Großen” dagegen wenig mit. Die jungen Nachwuchstalente genießen einfach die Zeit, die sie gemeinsam im Jugendspielmannszug erleben dürfen. Über Schule, Eltern oder Geschwister sind sie zum Verein gestoßen und nun mit Feuereifer bei der Sache. Die vielseitig interessierten Mädchen, die auch anderweitig sehr aktiv sind, schätzen die vielen gemeinsamen Aktivitäten und mittlerweile sind auch sie zu einer richtigen “Clique” zusammengewachsen. Teils dürfen sie auch schon im Zug mitlaufen und sind mächtig stolz auf ihre historischen Uniformen. Ob das uncool sei? Mit vehementem Kopfschütteln verneint das quirrlige Gespann solche Vermutungen. Ganz im Gegenteil. Sie alle haben entdeckt, dass es abseits des Mainstreams aus der Konserve, wie von Sarah Connor, den Prinzen oder Katey Perry, auch noch andere Richtungen auf der musikalischen Landkarte gibt, die sie nicht mehr missen möchten. Ob “Schöne Maid”, “Das rote Pferd” oder “Den Bürgern zu ehren”, auch im Repertoire des Spielmannszuges haben sie ihre Hits ausgemacht. Da fällt dann auch das Üben nicht allzu schwer. “Unsere Eltern finden es besser, dass wir Musik machen, anstatt vor der Glotze zu sitzen”, betonen sie alle im Chor.

Ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen können sie derweil schon in Kürze. Die traditionellen Faschingsumzüge stehen genauso vor der Tür wie ein Nachwuchsvorspiel Mitte Mai. Und auch träumen von der ferneren Zukunft ist erlaubt. “Zum 50-Jährigen wäre ein gemeinsamer Auftritt mit dem Stabsmusikcorps der Bundeswehr natürlich eine tolle Sache”, schwärmt René Lachmann am Ende. Ganz ohne Aktive, die sich am “Mannschaftssport Jugendspielmannszug” beteiligen, wird er auch in acht Jahren sicher nicht dastehen. Denn gerade dieser Tage hat sich auf ein Neues gezeigt: auf seine “Mädels” kann er definitiv bauen. Sie rühren schon jetzt bei Freunden und Klassenkameraden kräftig die Werbetrommel für “ihren” Verein. Da bleibt ihm nur noch hinzuzufügen: “Bei uns ist wirklich jeder ganz herzlich willkommen. Nicht nur Anfänger und Kinder, sondern natürlich auch Jugendliche und Erwachsene, die ein Instrument erlernen möchten oder auch Wiedereinsteiger, die den Aufwand in einem großen Orchester scheuen, aber trotzdem in einer Kapelle mitspielen möchten, können jederzeit ganz unverbindlich bei uns hereinschauen.” Und wer weiß, vielleicht werden die Photos in der Siechenstraße 75 eines Tages auch wieder ganz anders aussehen.

Mehr Informationen zur Ausbildung und den Aktivitäten unter:
www.spielmannszug-bamberg.de

Interessierte können auch gern persönlich mit dem Verein Kontakt aufnehmen:
info@spielmannszug-bamberg.de

Da die Einnahmen für bezahlte Auftritte stark nachgelassen haben, ist der Verein auch für jede Spende, die der weiteren Unterstützung seiner Jugendarbeit dient, sehr dankbar. Ein Zuwendung kann auf folgendes Konto erfolgen: Sparkasse Bamberg Kto. 34827.

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*