Buchkritik: “Frauen wollen erwachsene Männer” – Roland Kopp-Wichmann

„Frauen wollen erwachsene Männer“ lautet der aufrüttelnde Titel des Anfang Februar erschienenen, ersten Buches des Paartherapeuten Roland Kopp-Wichmann. Kernthese seines Buches ist, dass sich die mangelnde Ablösung von Männern negativ auf die Paarbeziehung auswirkt. Und sich oft in Kleinigkeiten zeige, wie etwa dass er „häufig beleidigt“ reagiere, wenn man ihn

Schnulli.jpg„Frauen wollen erwachsene Männer“ lautet der aufrüttelnde Titel des Anfang Februar erschienenen, ersten Buches des Paartherapeuten Roland Kopp-Wichmann. Kernthese seines Buches ist, dass sich die mangelnde Ablösung von Männern negativ auf die Paarbeziehung auswirkt. Und sich oft in Kleinigkeiten zeige, wie etwa dass er „häufig beleidigt“ reagiere, wenn man ihn kritisiert oder dass die Partnerin das Gefühl habe, mit einem verwöhnten Prinzen zusammen zu sein. Oder noch schlimmer: dass seine Mutter einen eigenen Schlüssel zur Wohnung des Paares besitzt. Teilweise unscharf voneinander abgegrenzt werden dabei psychoanalytische, systemische und konstruktivistische Konzepte zur Grundlage eines Praxisbuches, dessen Stärke die angebotenen Übungen und dessen Schwäche seine Subjektivität ist.

Eierkochen, Wohnungsschlüssel und ein „angemessener“ Kontakt zu den eigenen Eltern

Eher aus humoristischer, denn aus fachlicher Sicht interessant ist der im Buch angebotene Test für Männer („Wie erwachsen bin ich?“). Dieser enthält Fragen wie „Durften Sie als Junge im Alter über sieben Jahre im Bett neben ihrer Mutter schlafen?“ oder „Können Sie ein weiches Ei der Größe L kochen?“ und „Haben Sie als Jugendlicher Ihrer Mutter einmal Unterwäsche geschenkt?“. Als Kennzeichen von „Erwachsen-sein“ wird in dem Test darüber hinaus erfasst, ob weder Mutter noch Sohn Schlüssel für die Wohnung des jeweils anderen besitzen, ob Mann regelmäßig Sex hat und die Waschmaschine bedienen kann. Dies mag zu dem vom Autor unter anderem zugrunde gelegten „psychoanalytischen“ Konzept passen (wobei im Übrigen der herangezogene Ödipuskomplex kaum noch von Tiefenpsychologen als ernstzunehmendes Konzept gesehen wird), vernachlässigt aber, dass sich die herangezogenen Indikatoren („Wie finden Sie diesen Fragebogen?“) durchaus auch anders als mit mangelnder Ablösung erklären lassen. Allerdings räumt der Autor ein, keinen wissenschaftlichen Fragebogen vorlegen zu wollen. Seine explizite Definition von „Erwachsenen Männern“ bleibt demgegenüber eher unscharf: nach Kopp-Wichmann gehört hierzu unter anderem eine „gleichberechtigte“ Intimbeziehung über „einen längeren Zeitraum“ und ein „angemessener“ Kontakt zu den eigenen Eltern.

Theoretische Mixtur aus fast allem, was irgendwie plausibel klingt

Eine weitere These des Erstlingswerkes von Kopp-Wichmann ist es, dass sich unweibliche Frauen unmännliche Männer suchen würden, weil sie „mit der eigenen Sexualität auf Kriegsfuß stehen“ oder Mann-sein aufgrund negativer Erfahrungen mit verbaler oder gewalttätiger Dominanz gleichsetzen. Auch kann es sein, dass „wenn die Mutter nicht korrigierend eingreift“ ein Mädchen sich um den Vater zu gefallen, mehr mit dem „Männlichen“ identifiziert und das „Weibliche“ ablehnt. So finden Vatertöchter dann zu Muttersöhnchen (wobei letztere ihre Aggression oft unterdrücken und deshalb z.B. regelmäßig Beißschienen vom Zahnarzt brauchen, weil sie nachts mit den Zähnen knirschen – statt mit ihrer Frau ordentlich Sex zu haben). Auch abwesende Väter können für die spätere Paarbeziehung in vielerlei Hinsicht verheerende Auswirkungen zeitigen. Als Mann muss man deshalb seinen Frieden mit dem Vater machen, so Kopp-Wichmann. Und lernen eine gleichberechtigte Beziehung zu führen, sich gegen die Mutter stellen können und insgesamt einfach mehr Achtsamkeit aufbringen. Abgeleitet werden diese irgendwie alle plausibel klingenden Thesen, Tipps und Teufelskreise aus der über 25jährigen Praxiserfahrung des Autors. Und basiert auf einer haarsträubenden Mixtur eines sehr verkürzten Verständnisses konstruktivistischer, psychoanalytischer und systemischer Ansätze, die nach Kopp-Wichmann ja alle irgendwie recht haben und deshalb gleich alle einfließen. Leider finden Studien wie etwa zu dem Phänomen männlicher Nesthocker und ihrer Bindungsmotive, wie etwa die von Elke Herms-Bohnhoff durchgeführten Untersuchungen zu Spätausziehern ebenso wenig Berücksichtigung wie beispielsweise eine durchgängige und klare Unterscheidung zwischen emotionaler, funktionaler und kognitiver Autonomie.

Erwachsen-sein und Ablösung aus ökonomischer Perspektive vernachlässigt

Vernachlässigt wird durch den Autor auch, dass Ablösung und Erwachsen-werden sich gesellschaftlich verändert haben. Wie etwa die Schell-Jugendstudie belegt, wohnt die deutliche Mehrheit (73 Prozent) der Jugendliche zwischen 18 bis 21 Jahren noch bei den Eltern, traditionell verbleiben nach Angaben des statistischen Bundesamtes auch tatsächlich Männer länger bei den Eltern (unter den 30jährigen die noch zu Hause wohnen sind 14% männlich, jedoch nur 5% weiblich). Die Gründe für dieses geschlechtsspezifische Phänomen sind nicht endgültig geklärt, die zunehmende Zahl von „Nesthockern“ korrespondiert aber deutlich mit längeren Ausbildungszeiten und damit einer längeren ökonomischen Abhängigkeit – durchaus verständlich in einem Zeitalter, in dem Bildungsqualität eng mit Lebenschancen gekoppelt ist. Zudem vollziehen sich Auszug, Ausbildung, Partnerschaft und Geburt des Kindes nicht mehr zwingend nacheinander, sondern zeitgleich und unter den individuellen Bedingungen flexibilisierter Biografien. Die sich hieraus ergebenden Abhängigkeiten wirken sich zweifellos auch auf die Paarbeziehung aus, das Buch geht jedoch lediglich auf die psychologische Komponente ein und gibt keine Anregung für den Umgang mit de facto bestehenden Abhängigkeiten.

Anregungen und bewährte Praxistipps

Trotz deutlicher Schwächen in der theoretischen Basierung des Buches und einer Verengung auf eine rein psychologische Perspektive bietet dieses gleichwohl durch seinen teils explizit spekulativen Charakter zumindest eine Vielzahl von Anregungen für Männer und Frauen, das eigene Erwachsen-sein in der Beziehung zu reflektieren und Phänomene im Kontakt des Paares auch in Relation zur Elternbeziehung zu sehen. Darüber hinaus werden eine Reihe von in der Praxis bewährten Einzel- und Paar-Übungen vorgestellt (und auch nachvollziehbar erklärt), die sich mit Themen wie männlicher Identität, Vaterbeziehung und Paarkommunikation befassen. Interessierte können außerdem ein 3-Tage-Seminar zum Buch auf der Homepage des Autors buchen

Roland Kopp-Wichmann (2009): Frauen wollen erwachsene Männer. Stuttgart. Kreuz-Verlag

Bildquelle: pixelio.de (Lisa-Marie)

Kommentare

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  1. Ein super interessanter Beitrag… und eine noch viel interessantere Buchvorstellung. Ich denke, mangelnde Abnabelung ist ein großes Thema bei scheiternden Beziehungen…