Der neue US-Präsident Barack Obama hat seit seinem Amtsantritt gewiß einiges angestoßen bzw. bereits ins Werk gesetzt, was für sein Land und darüber hinaus – für die ganze Welt – drängend längst auf der Agenda gestanden war. Aber – Hand aufs Herz! – wir wussten und wissen, Obama selbst hat darauf hingewiesen: dass die aufgelaufenen lösenden, nun der Lösung harrenden Probleme derartig groß sind, dass Enttäuschungen programmiert sind und deshalb vor all zu großen Hoffnungen gewarnt werden muss. Und uns ist ebenfalls bekannt: wer viel macht, macht möglicherweise auch Fehler.
Obamas Fehler
Der Fehler jedoch, den Obama gestern mit der Ankündigung, noch 17000 zusätzliche US-Soldaten nach Afghanistan zu schicken, könnte ein folgenschwerer sein. Schon tönen auch deutsche Medien: Das wird “Obamas Krieg”. Als rücke das den neuen US-Präsidenten in ein ganz besonderes Licht! Wäre es denn ein Unglück, wenn ein US-Präsident einmal gänzlich ohne “eignen” Krieg bliebe? Was verspricht sich Obama von dieser Maßnahme bzw. meint er damit zu bezwecken? Immerhin schränkte der US-Präsident gestern selbst ein: er sei sich darüber im Klaren, dass ein Mehr an Militär allein die Probleme des bitterarmen Landes am Hindukusch nicht lösen könne. Warum schickt er dann aber mehr GI’s nach Afghanistan? Nach Jahrzehnten des Krieges und der Besatzung sind die Afghanen müde geworden. Und auch zornig. Sie wollen, dass endlich die Besatzungsmächte abziehen, dass Frieden einkehrt. Sogar der dem Westen und den USA stets sehr zugetane (und von diesen als Marionette eingesetzte) im Grunde ziemlich machtlose “Bürgermeister von Kabul” (Peter Scholl-Latour), der afghanische Präsident Hamid Karsai, verliert allmählich die Geduld und ruft die Besatzungsmächte empört auf, die Gewalt gegen Zivilisten endlich einzustellen. Längst hat auch Karsai begriffen, dass er (und auch der Westen) – so bitter es auch sein mag – mit den gemäßigten Kräften der Taliban über die friedliche Zukunft Afghanistan wird verhandeln müssen. Die Lösung des Problems Afghanistan kann letzten Endes nur aus dem Land selbst heraus gefunden werden. Die Besatzungstruppen – allmählich auch die immer mehr in den Krieg verstrickte deutsche Bundeswehr – müssen eine zivile Lösung der Probleme ermöglichen und dieser zeitnah selbst Platz machen. Ausländischen Besatzungstruppen sowieso waren den Afghanen, welche ansonsten fremden Menschen stets aufgeschlossen und äußerst gastfreudlich begegneten und begegnen, von jeher nicht wohlgesonnen.
Zwei Imperien scheiterten am Hindukusch. Scheitern auch die USA?
Zwei Imperien scheiterten bereits kläglich auf afghanischen Boden: das britische Empire und die einst mächtige Militärmacht Sowjetunion. Auch das US-amerikanische Imperium dürfte zunächst in Afghanistan und vielleicht in 20 oder 30 Jahren schließlich auch im eigenen Lande scheitern. Auch in Europa werden bereits immer öfters Fragen danach lauter, warum man die USA eigentlich immer noch als die Welt-Führungsmacht akzeptiert. Was qualifiziert die heutigen USA eigentlich dazu? Ein Land, in welchem es eine stattliche Prozentzahl an Menschen gibt, die an demokratischen Entscheidungen gar nicht teilnehmen können, weil sie überhaupt keine Wählerregistrierung haben bzw. eine erhalten. Ein Land, in dem schreiende Ungerechtigkeit herrscht und Armut en masse. Bei gleichzeitigem immensem Reichtum einer abgehobenen Oberschicht. Gewiß: die USA müssen nicht gänzlich und zwingend scheitern. Sie können auch anstreben, wie es Obama schon hat anklingen lassen – und zwar in jeder Beziehung – zu einem Land unter gleichen Ländern in der Welt werden zu wollen. Gesetzt dem Fall, man ändert in Washington die General-Linie. Auch wahr: Barack Obama hat damit angefangen, diesen Weg einzuschlagen. Das ist löblich. Doch mit der Entscheidung, nun noch weitere 17000 Soldaten (als Kanonenfutter, zur Beruhigung der “Falken” im eignen Land?), mehr an den Hindukusch zu entsenden, entfernt sich Obama definitiv ein ganzes Stück von diesem ( bisher richtigen) Weg ein (gefährliches) Stück weit. Warum? Was steckt dahinter? Bestimmte deutsche Medien sehen die europäischen Partner der USA mit der gestrigen Ankündigung Obamas vor dem heutigen Nato-Treffen in Krakow (Polen) in Zugzwang gebracht. In den Zugzwang, auch selbst mehr Truppen nach Afganistan zu schicken? Man hüte sich davor! Jedenfalls dann, will man dort nicht noch mehr ins Schlamassel geraten, als man bisher.
Über den Tellerrand schauen
Sicherlich: einfache Lösungen im Falle Afghanistan gibt es nicht. Allerdings ist es zuweilen ratsam, auch einmal Lösungsvorschläge anzuhören, die nicht so recht durchdringen im deutschen Mediendschungel. Wie etwa die Stimme (Hören Sie ein Interview) des früheren ARD-Korrespondenten und heutigen Politikberaters Christoph Hörstel. Hörstel ist ein ausgewiesener Kenner Afghanistans und Region im Allgemeinen. Zusammen mit afghanischen Partnern hat Hörstel schon vor Jahren einen (möglichen) Friedensplan (unter dem Motto: “Verhandeln statt Schießen – Den Afghanistan-Krieg beenden”) für Afghanistan erarbeitet und auch Bücher dazu veröffentlicht. Freilich: Hörstels Ansichten sind durchaus auch umstritten, doch beschäftigt man sich tiefer damit, sind einige seiner Erörterungen – wie auch Attac findet – beileibe nicht so einfach von der Hand zu weisen. Es lohnt sich der besseren Erkenntnis halber immer, so auch in diesem Falle, einmal über den Tellerrand hinauszuschauen und auch Stimmen außerhalb des Mainstreams bzw. abseits der Veröffentlichten Meinung wahrzunehmen. Sonst ist das Bild nicht recht klar, sondern einseitig und sogar verzerrt und die Meinung gewissermaßen nicht rund.
Obama hat sich da leider schon im Wahlkampf festgelegt, seine Entschlusskraft in Afghanistan und Pakistan im Kampf gegen die Taliban zu beweisen. Das hat ihm viele Stimmen eingebracht. Aus dieser Partie kann er, wenn er will, sich nur allmählich herauslösen – z.B. indem er seine Truppen nicht mehr auf Zivilisten schiepen lässt und
indem sie Kontakte mit den Taliban anknüpfen. Hilfreich ist bestimmt auch, wenn Merkel, Steinmeyer und Jung erklären, dass nicht meh Truppen sondern nur mehr Diplomatie eine Lösung bringen können. Deshalb sollten die deutscen Truppen in ihren Kasernen bleiben, während auf allen Kanälen das Gespräch mit dem Gegner gesucht wird.