Wilkommen beim “Opelball”!

Die Österreicher sind einiges gewohnt. Die Wiener allzumal. Die Restösterreicher verkraften sogar die Wiener. Und das seit Jahrhunderten. Wer den Zerfall eines Riesenreichs, in dem einst die Sonne nicht unterging, mit einem Achselzucken oder einem Heurigen in Grinzing wegtupft, den kann auch eine Weltwirtschaftskrise nicht erschüttern. 300 Milliarden Außenstände im

Die Österreicher sind einiges gewohnt. Die Wiener allzumal. Die Restösterreicher verkraften sogar die Wiener. Und das seit Jahrhunderten. Wer den Zerfall eines Riesenreichs, in dem einst die Sonne nicht unterging, mit einem Achselzucken oder einem Heurigen in Grinzing wegtupft, den kann auch eine Weltwirtschaftskrise nicht erschüttern.

300 Milliarden Außenstände im Osten? Ukraine, Rumänien, Ungarn vor dem Staatsbankrott? Das lässt sich regeln. Der österreichische Fußball steckt in einer schwereren Krise und wirklich schmerzhaft ist eigentlich nur verpasstes Abfahrtsgold bei den Olympischen Winterspielen. Aber die sind heuer nicht. Also keine Panik.

Außerdem: Das zweitwichtigste Jahresereignis nach Kitzbühel steht vor der Tür. Der Opernball. Und der verdrängt der Welten Harm durch Wiener Schmäh und Wiener Charme. Und so tanzen sie wieder. Und die Augen der breiten und vor allem weiblichen Öffentlichkeit tanzen mit. Wer gleitet am elegantesten übers Parkett. Wer imitiert am aufdringlichsten die Habsburger Dekadenz. Wer trägt welche Mode-Creation am beiläufigsten vors staunende Publikum. Wer benimmt sich am gekonntesten schlecht.

Insgeheim beneiden die Nachbarn im Norden immer schon diese austriakische Gelassenheit, die fatalistische Grandezza im Untergang. Unter den Geierfittichen der Finanzmisere macht sich aktuell vor allem in deutschen Landen das Fehlen der alpinen Ataraxia und des Donauwellen-Gleichmuts besonders schmerzlich bemerkbar.

Um der deutschen Bevölkerung den depressiven Frust, den Hang zu Hysterie und preussischer Lustlosigkeit zu nehmen, wurde vor etlichen Wochen im Berliner Kanzleramt eigens ein Fun-and-Event-Sekretariat eingerichtet, Leiter Olaf Scholz und Hubertus Heil. Dieser Tage nun verfiel dieses Gremium auf die glorreiche Idee, in Deutschland eine Konkurrenz zum Opernball einzurichten.

“Opelball” soll das gesellschaftliche Großereignis heißen, und es soll in Rüsselsheim, dem Stammsitz des Autobauers, stattfinden. Allerdings will man andere Akzente setzen als die Wiener, antizyklische sozusagen. Das Ganze soll in der Fastenzeit stattfinden. Finanzminister Peer Steinbrück soll die Rolle von “Mörtel” Lugner übernehmen und anstatt einer eingeflogenen Primadonna oder eines global gefürchteten Vamps soll Angela Merkel die nächsten Jahre als Dauergast in der Loge neben Steinbrück Platz nehmen.

“Ich will aber nicht Mausi sein!” soll Angela Merkel, laut meistens bestinformierter Kreise protestiert haben, doch nach einem Wochenend–Austria-Crash-Kurs für das ganze Kabinett weiß nun nicht nur die Kanzlerin, sondern Deutschlands gesamte Führungselite, dass Mozartkugeln kein Kriegsgerät sind, Cordoba nicht in Österreich liegt und Mausi Lugner auf dem Opernball nicht als Ehrengast in der Loge neben Mörtel Lugner sitzt.

Seither ist Angela Merkel mit ihrer Rolle einverstanden.

Statt Champagner und Shrimps sollen Selters und Industriebrezeln auf dem Opelball kredenzt werden. Der Erlös geht an die Opel-Belegschaft. Deutsche-Bank-Chef Ackermann und Steuergenie Zumwinkel wurden verpflichtet, im bescheidenen Einreiher statt in Smoking oder Frack zu erscheinen, um dem Fernsehvolk zu signalisieren: Wir leiden mit euch.

Aus Budgetgründen werden statt der Berliner Philharmoniker “Die Toten Hosen” zum Tanz aufspielen. Die Große Koalition gibt sich damit ganz volksnah und realistisch.

Doch der Teufel sitzt im Detail. Rüsselsheim hat leider keine Oper. Zum Glück konnte man Verpackungskünstler Christo dazu verpflichten, die Opelwerke mit 70.000 Quadratmetern weißer Fallschirmseide zu einer Kopie der Oper von Sidney umzugestalten. Kosten: 30 Millionen Euro. Hier zeigt sich wieder einmal das nordisch-germanische Grunddefizit: Man spart am falschen Platz, um am andern Ende die Lukrierungen mehr als nur zu verprassen.

Den Österreichern entlocken solche Pläne nur ein müdes, aber wie immer höflich verstecktes Lächeln.

Geschmacklosigkeiten teutonischer Art tolerieren die Hinterbliebenen der Doppelmonarchie seit Jahr und Tag mit abgebrühter Noblesse. Stirnrunzeln erntet allein die Tatsache, dass Thomas Gottschalk, Dieter Bohlen und Harald Schmidt, um ein wenig morbiden Flair zu verbreiten, zur Eröffnung des Opelballs das beliebte Wiener “Hobellied”, – verfremdet zum “Opellied” -, vortragen wollen.

Da das Lied aber aus dem Stück “Der Verschwender” stammt und das Fazit “am End waas kaaner nix” (Am Ende weiß niemand irgend etwas) lautet, verzichtet der Bund der österreichischen Kulturschaffenden großzügig auf eine Klage wegen Copyright-Verletzung.

“Es passt ja eh auf die Beteiligten!” meinte dessen Vorsitzender.

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