Heinz Erhardt zum Hundertsten: Über die vielleicht schuldhafte Unschuld des Humors

Wohlwollend würdigen die Kolumnisten heute den 100. Geburtstag des gleichfalls genialen wie harmlosen „Wirtschaftswunder-Willies“ (Fokus) Heinz Erhard. Seine saturierte Erscheinung wie sein harmloser bis latent sexistischer Humor wurden zum treffenden Symbol der sieben fetten Jahre in der Post-Holocaust-BRD, derer man sich auch heute noch gern zurück erinnert. Ist ihm, der

3225398674_3c1d8628a7.jpgWohlwollend würdigen die Kolumnisten heute den 100. Geburtstag des gleichfalls genialen wie harmlosen „Wirtschaftswunder-Willies“ (Fokus) Heinz Erhard. Seine saturierte Erscheinung wie sein harmloser bis latent sexistischer Humor wurden zum treffenden Symbol der sieben fetten Jahre in der Post-Holocaust-BRD, derer man sich auch heute noch gern zurück erinnert. Ist ihm, der Millionen zum Lachen gebracht hat und per ZDF-Zuschauer-Rating zum zweit beliebtesten deutschen Komiker nach Loriot gewählt wurde, irgendetwas vorzuwerfen?

Die Banalität des Witzigen

Der am 20. Februar 1909 geborene und am 5. Juni 1979 nur wenige Tage nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes verstorbene Komiker hatte sich zwar zeitweise der moralischen Unterstützung der NS-Reichsmarine in Sachen Musik und Unterhaltung schuldig gemacht, schaffte jedoch nach dem Krieg einen unbeschadeten, kometenhaften Aufstieg zum Spaßmacher der Nation. Dies gelang ihm neben seinem musikalischen Vermögen und einem nur außergewöhnlich zu bezeichnenden Talent im Umgang mit Metrum und Reim hauptsächlich deshalb, weil er mit seiner an der Schmerzgrenze balancierenden Harmlosigkeit den Trend zur kollektiven Verdrängung der Wirtschaftswunder-BRD bis ins Mark zu treffen wusste. Die sich hieraus ergebende Banalität des Witzigen ist ihm aus der Konsummentalität jener Jahre heraus nicht wirklich vorzuwerfen. Unterstellt man ein Recht zum Vergessen bei Cognac und Zigarren.

Die lyrische Potenz eines Celan – verwendet für Schüttelreime über Maden, Zahnärzte und Autos

Kaum wagt man da im gigantischen Schatten des Comedian- Ur- und Übervaters die Überlegung anzustellen, wie wohl ein Heinz Erhardt, ohne Zweifel ausgestattet mit der lyrischen Potenz eines Celan oder Benn, auf die kulturelle Entwicklung jener Jahre hätte Einfluss nehmen können, wenn er diese Potenz nicht für Schüttelreime und Sinnsprüche über Maden, Zahnärzte („Ein Zahnarzt ist ein Mann, der gegen Bezahlung Reißaus nimmt“) und Autos verwendet hätte. Oder sein beträchtliches darstellerisches Potential nicht in Possenklassiker wie „Drei Mann in einem Boot“ oder „Witwer mit fünf Töchtern“ investiert, sondern zugunsten einer wirklich beißenden Karikierung des Wohlstandsdeutschen in eine rasiermesserscharfe Humorwaffe verwandelt hätte. Stattdessen war es Erhardts offenkundiges Anliegen, nie mehr als eine leicht verdauliche Prise Selbstironie in seine überoptimistischen Späße zu packen. Wenn hier wohlwollend auf eine Persiflage des Spießbürgertums (spiegel.de) oder gar Anarchismus (tagesspiegel.de) erkannt wird, dann wohl eher, wegen der Ahnung eines durchaus denkbaren anderen Erhardts als wegen einer tatsächlich konturierten Kritik.

Das Lebenswerk als solches bleibt – cum grano salis

Freilich bleibt das Lebenswerk des Kapellmeistersohnes als fraglos herausragend zu würdigen. Humor, insbesondere leichter Humor, erfüllt zu allen Zeiten eine wichtige, lebensspendende Funktion und dient wie humorpsychologische Forschungen belegen in vielerlei Hinsicht dem Wohlbefinden und der körperlichen Gesundheit. Insofern kann und darf die Tätigkeit eines Erhardts (wie im Übrigen auch die eines Rühmanns) gerade ohne Berücksichtigung eines zeitgeschichtlichen Kontextes als unvergessener Meilenstein in die Geschichte des deutschen Humors gesehen werden. Nur aus einer vielleicht schon zu moralischen Betrachtungsweise stellt sich die Frage nach der Verantwortlichkeit des Komikers – zumal des hyperpopulären – im gesellschaftlichen Zeitbezug. Und ebendies ist hier das Körnchen Salz in einem Lebenswerk für das Lachen.

Photo: ok23 via flickr.com (cc – Lizenz)

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Sehr geehrter Herr Baumann,

    ich persönlich halte es für wenig Hilfreich, wenn man für alle Künster, die in der nazizeit gelebt haben die Frage stellt, ob diese denn auch für die Nazis gearbeitet hätten. Bei den allermeisten wird das sicher so gewesen sein. Schließlich war ja auch die Unterhaltungsindustrie gleichgeschaltet, so dass den meisten ja auch gar keine andere Wahl blieb.

    Beste Grüße,

    Rudolf Kipp