Vorm Rewe-Laden und am U-Bahnhof um die Ecke stehen sie eigentlich ab neun Uhr morgens. Und beim Döner sitzen sie abends um elf noch. Die Gesichter grau, die Hand an der Bierflasche, in der anderen eine Zigarette. Der Tag ist lang und leer und statt zu Hause zu sitzen, wo “Vera am Mittag” virtuelle Leidensgenossen vorführt, trifft der arbeitslose Mann Mitte 50 in Ostdeutschland lieber echte Menschen, die wie er von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Sie stehen da, die vier, fünf Männer in alten Jeans und Jogginghosen, Windjacken übergeworfen oder Anoraks an aus Länden, die es schon lange nicht mehr gibt. Sie schwatzen über Fußball und die Kumpels, die heute nicht da sind. Sie vertreiben sich die Zeit, die sowieso zu nichts anderem zu gebrauchen ist.
“Die Erhöhung von ‘Hartz IV’ war ein Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie.”
Eine erfundene Szene, natürlich, die wir – siehe oben – notgedrungen mit einem gestellten Bild unter Zuhilfenahme recht teurer Models illustrieren mussten. Ausgedacht hat sie sich der Junge-Union-Bundesvorsitzende Philipp Mißfelder, der sie so genau imaginierte, dass er anschließend der Ansicht war: “Die Erhöhung von ‘Hartz IV’ war ein Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie.”
Das ist allerdings gelogen. Es gibt sie nicht in Deutschland, die Arbeitslosen, die Bier trinkend bei Wind und Wetter beisammenstehen, die nichts anderes tun als Flaschen sammeln und Flaschen leeren, die mehr Geld für Zigaretten ausgeben als für hochwertige Bio-Kost. Rainer Brückers, Bundesvorstand der Arbeiterwohlfahrt, weiß das ganz genau. Mißfelders Beschreibung zeige “eine völlige soziale Inkompetenz“, ist der Experte sicher. Arbeitslose und Hartz-4-Empfänger tränken grundsätzlich keinen Alkohol, gebe man ihnen etwas mehr Geld, tränken sie als logischerweise auch nicht mehr Alkohol. “Und das Rauchen schädlich ist”, hätte Brückers beinahe noch gesagt, “wissen auch Arbeitslose schon lange.”
Klar, dass Grüne und Jusos, traditionell eng verbunden mit dem Milieu der Flaschensammler und Kiosk-Trinker, sich dieser Kritik umgehend anschlossen. “Mißfelder ist ein Anschieber für diskriminierende Stimmungsmache. Seine Stammtischparolen gegen Arbeitssuchende sind unerträglich und müssen Konsequenzen haben“, sagte eine Brigitte Pothmer, die ihre Tätiogkeit als “Grünen-Arbeitsmarktexpertin” bislang hervorragend geheimgehalten hat. In acht Jahren politischer Tätigkeit bringt sie es auf 550 Erwähnungen in Google-News – immerhin doppelt so viele wie Pittiplatsch der Liebe, abstinenter Star des DDR-Fernsehens und Säulenheiliger unseren kleinen Eckensteher-Boards PPQ.
Pothmer kommt allerdings eher aus der Tierquäler-Ecke. “Als Wiederholungstäter dürfte ihm von seiner Parteiführung kein Pardon mehr gewährt werden”, fordert sie Konsequenzen für den Verstoß Mißfelders gegen die gute deutsche Polit-Sitte, niemals und unter keinen Umständen auch nur daran zu denken, die Wahrheit zu sagen. Der “Welpenschutz ist abgelaufen”, bestimmte die Hundezüchterin.
“Der Sozialchauvinismus der Jungen Union ist unerträglich”
Wie man von Goebbels lernt, den politischen Gegner zu besiegen, führt bei der Gelegenheit auch die Juso-Bundesvorsitzende Franziska Drohsel vor. “Alle ‘Hartz-IV’-Empfänger zu Alkoholikern und Nikotinsüchtigen zu erklären, zeigt deutlich Mißfelders fehlende soziale Kompetenz und sein mangelndes Verständnis für die Probleme der Menschen”, lässt sie sich von der FAZ zitieren. Zwar hat Mißfelder mit keiner Silbe “alle Hartz-4-Empfänger” zu irgendwas erklärt noch überhaupt von Alkohol- oder Nikotinsucht gesprochen. Aber wie Goebbels lehrt, gehört es sich in einer anständigen politischen Auseinandersetzung, dass dem Gegner erstmal etwas angedichtet wird, was man hernach als absolut ungeheuerlich verurteilen kann, gern auch gleich verallgemeinernd: “Der Sozialchauvinismus der Jungen Union ist unerträglich”, urteilte Drohsel.
Da ist dann auch der DGB nicht weit, denn sich aus dem Fenster lehnen, wenn unten die Kameraleute stehen, hat noch nie geschadet. NRW-SPD-Generalsekretär Michael Groschek forderte erstmal ein “klare Entschuldigung”, ohne zu verraten bei wem und wie sie zu überbringen ist. Vor Rewe hier bei uns um die Ecke haben sie tagsüber gar kein “Phönix” an, auch MDR Info läuft eigentlich kaum. Sein Kollege, ein DGB-Landesvorsitzender namens Guntram Schneider, machte es dann auch lieber globaler. Mißfelders Äußerung sei “unverschämt”. Sie zeige, “wie sehr Mißfelder Arbeitslose und ‘Hartz-IV’-Empfänger verachtet”. “Mit solch einer Haltung qualifiziert man sich für den Stammtisch“, glaubt der Politiker, dem noch mitzuteilen wäre, dass es einer Qualifikation für den Rewe-Stammtisch (rechts neben dem Eingang) nicht bedarf. Man geht einfach rein, kauft ein Bier und stellt sich dazu.
Quelle. politplatschquatsch.com
Es ist Freitag, gegen die Mittagszeit, und sie stehen wieder da und warten, vor der Osterkirche. Wie jeden Freitag. Es sind Bedürftige, Hartz IV-Empfänger, die kein Geld haben, um sich Essen zu kaufen. Deshalb stehen sie vor der Kirche, weil hier kostenlose Lebensmittel ausgegeben werden, von der Berliner Tafel, der neuen Armenspeisung. Sie warten geduldig; die meisten rauchen, viele der Frauen haben gefärbte Haare und lackierte Fingernägel.
Nun ist es jedem Menschen selbst überlassen, wofür er sein Geld ausgibt. Wem Henna und Zigaretten wichtiger sind als Nahrungsmittel, der gibt seine Barschaft eben für diese Dinge aus. Und schiebt Kohldampf. Oder lässt sich füttern. Für einen Alkoholiker zum Beispiel kann es eine rationale Entscheidung sein, seine letzten Pfennige in Schnaps zu investieren. Gutmenschen verstehen das.
Gutmensch ist auch die Pfarrerin der Osterkirche, von der die Armenspeisung organisiert wurde. Es ist dieselbe Pfarrerin, die sehr enttäuscht war, als zu ihrem interkulturellen Gottesdienst zur Einschulung der Erstklässler kein einziges Kind erschien, trotz der putzigen Einladungen. Im Kiez wimmelt es von Türken und Arabern, die ihre Kinder gerne im evangelischen Kindergarten parken, aber zu einem interkulturellen Gottesdienst gehen die natürlich nicht.
Doch zurück zu den Armen. Dass sie um Essen anstehen müssen, ist doch ein deutliches Zeichen dafür, dass Lohnersatzleistungen wie Hartz IV erhöht werden müssen, oder stimmt das etwa nicht? Der CDU-Politiker und MdB Philipp Mißfelder (Foto oben), Verfechter eines konservativen Leitbildes der Union, erregt gerade Aufsehen, weil er genau dies in Frage stellt. Anlässlich eines Frühschoppens des Halterner CDU-Ortsverbandes zum Thema “Wege aus der Konjunkturkrise” nannte Mißfelder die Anhebung des Hartz IV-Regelsatz für Kinder zum 1. Juli 2009 einen “Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie”.
Sofort regte sich Widerstand. Die Arbeiterwohlfahrt attestiert Mißfelder “eine völlige soziale Inkompetenz”. Auch die Sozialverbände, die Grünen und die Jusos sind aufgebracht. Brigitte Pothmer (Grüne) kritisiert Mißfelder heftig:
“Er ist ein Anschieber für diskriminierende Stimmungsmache. Seine Stammtischparolen gegen Arbeitssuchende sind unerträglich. Sein Welpenschutz ist abgelaufen.”
Doch auch ohne Welpenschutz weiß Mißfelder sich zu wehren. Er sagte, es sei ihm wichtig, dass das Geld tatsächlich bei den Kindern ankomme und hier habe er Zweifel. Er schlägt darum vor, die Erhöhung in Form von Gutscheinen anstelle von Bargeld auszugeben. Einen Gutschein für Zwieback kann der Vati nicht versaufen.
Schon der Ex-Grüne Oswald Metzger hatte erkannt:
“Sozialhilfeempfänger sehen ihren Lebenssinn darin, Kohlenhydrate oder Alkohol in sich hinein zu stopfen, vor dem Fernseher zu sitzen und das Gleiche den eigenen Kindern angedeihen zu lassen. Die wachsen dann verdickt und verdummt auf”.
Doch auch von der Deutschen Kinderhilfe erhält Mißfelder Rückendeckung. “An der Kernaussage kommen wir nicht vorbei”, so der Vorsitzende der Kinderhilfe, Georg Ehrmann. “Es ist Fakt, dass gerade in Hartz-IV-Familien ein großer Anteil der Eltern nikotin- und alkoholabhängig ist”. Er führt weiter aus, Armut werde in Deutschland falsch definiert. Es gebe vielmehr eine “Teilhabearmut” statt einer “Bargeldarmut”. Nicht umsonst ziele ein Großteil der Werbung auf diese soziale Gruppe ab. Sinnvoller sei es, die “Infrastruktur für Kinder so zu verbessern, dass sie Musikunterricht bekommen oder zum Sport gehen können”.
Doch solche Worte hören manche der Gutmenschen gar nicht gerne, weil sie als Sozialarbeiter, Therapeuten und Betreuer sehr gut von der falsch definierten Armut leben. Genau wie bei den “Integrationshelfern” und “Migrantenverbänden” ist hier eine gut geschmierte Industrie entstanden. Wenn es nach ihnen geht, sollen die Armen arm und hilflos bleiben, damit die Jobs für die Gutmenschen gesichert sind.
Doch so hilflos sind die gar nicht, wie das einleitende Beispiel zeigt. Sie verhalten sich wirtschaftlich sehr geschickt: Wenn ich das Essen umsonst erhalte, dann kann ich mir Zigaretten und gefärbte Haare leisten!