“Einige von Euch werden es wahrscheinlich schon gehört haben: Der bekannte Neonazi Timo Schubert hat sich ‘Hardcore’ als Wortmarke schützen lassen. Sollte das durchkommen, kann er in Zukunft so ziemlich jedes Hardcore-Label, jede Band und jeden linken Versand verklagen. Das wäre für die Szene eine Katastrophe.”
Seit Tagen brodelt die beunruhigende Nachricht im Netz: “Ein Rechter lässt sich den Begriff einer Musikrichtung urheberrechtlich schützen, die eigentlich aus dem linken Milieu kommt.” Nun befürchtet die linke Szene, obwohl die Auswirkungen dieses Eintrags bis dato keinesfalls klar zu sein scheinen, eine Klagewelle und ruft damit auch zahlreiche Myspace-User auf den Plan. In einem entsprechenden Bulletin von “Kein Bock auf Nazis!” wird seit gestern Mittag 13.58 Uhr gegen das Vorgehen von Timo Schubert mobil gemacht. Bis Ende März laufe noch die so genannte Widerspruchsfrist und gibt somit Anlass zur Hoffnung. “Als Erstes haben wir sofort über unseren Anwalt die Löschung des Eintrags beantragt. Es kann aber gut sein, dass dieser Antrag abgewiesen wird. Dann werden wir gemeinsam mit einigen Fanzines, Mailordern und Plattenfirmen Widerspruch einlegen. Das kann aber aufgrund der Anwaltskosten teuer werden”, beschreiben die Verfasser ihr bisheriges Vorgehen.
Jetzt erst recht!
Sie sind der Überzeugung, dass gerade in diesem Fall auch jeder Einzelne seinen Beitrag leisten kann und bieten deshalb ganz kurz und knackig einen Drei-Punkte-Plan in Sachen Eigeninitiative an:
“1. Informiere Deine Freunde, Bands, Klubs und Label. Schick diese Mail weiter. Verlinke unsere Webseite, damit alle auf dem Laufenden bleiben.
2. Schreib dem Deutschen Markenamt (info@dpma.de) eine nette, aber bestimmte Mail, was du von der Aktion hälst. Auf unserer Webseite findest du eine fertig formulierte Muster-Mail.
3. Wir haben jetzt erst recht ein T-Shirt mit dem Aufdruck ‘Hardcore’ in den Shop gestellt. Mit den Einnahmen des Hardcore-Retter-Shirts werden die anfallenden Anwaltskosten bezahlt. Also holt Euch das Teil unter: www. keinbockaufnazis. de“
Wenn das funktionieren sollte in unserem Land, dann haben wir verloren!!”
“Wir lassen uns nicht einschüchtern”, bieten sie dem Göttinger Neonazi, der derzeit als Schlagzeuger der Band “Agitator” aktiv ist, Paroli. Vor Klagen fürchte man sich jedenfalls nicht.Die Nachricht hat unter den Myspace-User unterdessen einen Sturm der Entrüstung verursacht. “Da bin ich selbstverständlich dabei”, “wenn das funktionieren sollte in unserem land, dann haben wir verloren!!” oder “Ich werde das mal ein bisschen rumerzählen und euch ein bisschen verlinken!!!” sind nur drei von vielen Kommentaren, die sich heute unter dem entsprechenden Bulletin, aber auch im dazugehörigen Blog auf der Myspace-Seite finden. 158 mal sind die Daumen unter dem Eintrag mittlerweile nach oben geschossen. Und auch andernorts wird nicht mit Kritik gespart. So äußerte sich Toni Peters vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum: “Mit der Markeneintragung wollen Neonazis ihren Versuch fortsetzen, linke Jugendkultur zu vereinnahmen”, ist er überzeugt und fügt hinzu: “Diese wollen nicht mehr nur mit Rechtsrock Geld verdienen, sondern auch in nicht rechten Musikszene kräftig ab kassieren.” Auch dem Cef des Punk- und Hardcore-Magazins “OX”, Joachim Hiller geht diese Aktion eindeutig zu weit. “Ich war überrascht, mit welchen Mitteln Neonazis inzwischen versuchen, die linke Musikszene zu schädigen”, gibt dieser auf radio-z.net zu verstehen. Er habe jedenfalls bereits Kontakt zu Plattenfirmen, Konzertagenturen und Bands aufgenommen, um gegen die Markeneintragung zu klagen.
Auch Readers Edition-Partner Holger Finn äußert sich in einem Beitrag zur Sache und fügt der Diskussion mit gewohnt spitzer Zunge hinzu: “Der Nazi-Typ will übrigens Klamotten und Banner mit Hardcore-Aufdruck vertreiben. Nach Palästinenser-Tüchern und schwarzen Kapuzenjacken aus der linken Szene kommen die Rechten nun also auch noch mit Hardcore-T-Shirts zu ihren Demos. Müssen sie jetzt nur noch ihre Gesinnung ändern. Dann können sie im linken Block mitlaufen.”
Beim Protest die Politiker nicht vergessen. In den letzten Jahren wurden Marken- und Urheberrecht so verändert, dass ein solcher Markeneintrag möglich ist. Es wird schwierig werden, “hardcore” als Gattungsbegriff zu klassifizieren und vor Gericht als alltäglichen Wortschatz durchzusetzen.
Eigentlich ein sehr nützlicher Fall. Endlich sieht die Bevölkerung, welche Konsequenzen Gesetze haben, die eigentlich verabschiedet wurden, um Reiche noch reicher zu machen. Man kann sich nur wünschen, dass dieses Verhalten Nachahmer findet. Das novellierte Urheber- und Markenrecht wurde so ausgelegt, dass es mit diesen Gesetzen möglich ist, den gesamten Geschäftsverkehr einschließlich der Presse lahm zu legen.
Es wurde eine neue langfristige Einnahmequelle für “Rechteverwerter” geschaffen, die ohne zu arbeiten, dauerhaft hohe Gewinne erwirtschaften. Darüber hinaus bestimmen die Rechteverwerter, wer überhaupt noch Marktteilnehmer ist. Wer aufmerkam Nachrichten liest, dem ist nicht entgangen, dass es einen regelrechten weltweiten Patent- und Markenkrieg gibt. Auf Platz 1 liegt übrigens IBM.