“It’s good to blog” – so lautet die Überschrift des Leitartikels im Editorial des aktuellen Hefts von “Nature”. Wissenschaftler werden darin dazu aufgerufen, sich mehr in der Blogosphäre zu engagieren. Sogar eigene Forschungsergebnisse dürfen demnach auf Blogs bekannt gegeben und diskutiert werden.
“Es ist noch nicht lange her, da galten wissenschaftliche Weblogs bestenfalls als Zeitverschwendung. Mit großem Verständnis durfte man als Forscher jedenfalls kaum rechnen. Doch die Zeiten ändern sich und nun wird sogar an allerprominentester Stelle für Wissenschaftsblogs geworben: Im Editorial von Nature”, so bringt es ScienceBlogs auf den Punkt. Doch derart groß diese Neuerung auch gefeiert wird, so geht “Nature” doch wahrscheinlich nur einen längst überfälligen Schritt und gesteht Wissenschaftlern mit den neuen Spielregeln endlich auch offiziell Freiheiten zu, die jene zum Teil in ihren Meinungsäußerungen auf Diskussionsplattformen im Internet gehemmt haben dürften. Denn das seit jeher existierende strenge Presseembargo von “Nature” soll davon weitestgehend unberührt bleiben.
“enter the fray” – endlich “in den Kampf stürzen”
Wie bisher müssen Wissenschaftler von der aktiven Bewerbung ihrer Arbeit in den Medien und in der Öffentlichkeit vor deren Veröffentlichung Abstand nehmen. Gleichzeitig ist die Präsentation ihrer Arbeit auf Konferenzen jedoch gestattet. Da zunehmend Blog-Einträge über jene Konferenzen im Netz kursieren und Online-Debatten anregen (hier wird der schwelende Streit zwischen den Lagern der Klimawandel-Befürworter und den Klimaskeptikern beispielhaft angeführt), wird jetzt klargestellt: Der Wissenschaftler hat sehr wohl das Recht, sich auf betreffenden Blogforen “in den Kampf zu stürzen”, wie es im Editorial sehr schön beschrieben wird, in die Diskussion einzugreifen und eventuelle falsche Angaben zu korrigieren, ohne dabei die Sorge vor einem Bruch des Embargos haben zu müssen. Nur mit der Veröffentlichung der Gesamtdebatte sollte er – wie bisher – bis zur Veröffentlichung im “Nature” Magazin warten.
Natürlich steckt auch ein wenig Eigenwerbung für das eigene neu gestartete “Nature”-Blognetzwerk dahinter, wie sowohl der FAZ-Blog (“Planckton”)-Autor Joachim Müller-Jung als auch der Biologe und ScienceBlog-Autor Tobias Maier vermuten. Doch der Wunsch nach einer neuen Eigendefinition im Sinne einer sich im Internetzeitalter ohnedies nicht aufzuhaltenden Öffnung dürfte ebenso Pate gestanden haben. Das Brechen der Lanze für Blogs wird in den Kommentarspalten des “Nature”-Blognetwerkes jedenfalls einhellig begrüßt. Eine Kommentatorin stellt etwa erleichtert fest: “Es ist wirklich wichtig, klare Leitlinien für Dinge wie Blogging und von Wissenschaftlern geführte Kommunikation zu haben.”
Wider “halbgares Gegröle im Netz”
Joachim Müller-Jung sieht optimistisch einem allgemeinen Niveau-Gewinn der Beiträge entgegen: “Wenn der Aufruf zum fleißigen Bloggen wirkt, hat es halbgares oder pseudowissenschaftliches Gegröle im Netz hoffentlich schwerer in den einschlägigen Foren, es ist dann nämlich hoffentlich mehr Kompetenz unterwegs im Netz.” Und Tobias Maier freut sich: “Die Tatsache, dass Nature einen Leitartikel übers Bloggen veröffentlicht zeigt vor allem, dass Blogs von dem Verlag ernst genommen werden.”
Das Leitmotto der Autoren des aktuellen “Nature”-Leitartikels: “Es gibt gesellschaftliche Debatten, die viel zu gewinnen haben aus unzensierten Stimmen von Forschern” ist folglich von nun an Programm. Mit Klarstellung der Spielregeln für das Internet wird die Förderung der wissenschaftlichen Kommunikation, die das angesehene Wissenschaftsmagazin aus London als von jeher bestehende Kardinal-Regel benennt, umso glaubhafter.
Großartig! Sollte die etablierte Wissenschaft wirklich einmal ihre arrogante Attitüde ablegen und nicht alles was von Seiteneinsteigern kommt als “halbgares oder pseudowissenschaftliches Gegröle” zu behandeln? Je größer die Spezialisierung ist, desto bedeutender ist der wissenschaftliche Rang eines
Forschers und desto großer sind seine die Scheuklappen vor dem Blick in andere Disziplinen und auf das was sich außerhalb der festgefahrenen Bahnen tut. Meine Erfahrung ist, dass alle Wissenschaft erst dann richtigen Erkenntnissen näher kommt, wenn sie alle denkmöglichen auch hochkomplizierten Alternativen durchgespielt hat und am Ende ihre Ergebnisse für jeden vernünftigen Menschen nachvollziehbar präsentieren kann. Kurz gesagt: wer nicht weiß, dass wir alle mit Wasser kochen, kann wohl anderen was vormachen, kommt aber nicht zu verwertbaren Lösungen.