Der Vorstoß von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) in dieser Woche, Top-Mitarbeiter aus der Industrie als Lehrer einzusetzen, wurde von vielen Seiten torpediert. Voraus gegangen war die Bekanntgabe einer Studie des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, die besagt, dass eher die Abiturienten mit schlechteren Noten Lehrer werden. David Riha, pädagogisch-psychologischer Weiterbildner, äußert sich dazu im Interview.
Warum ist der Lehrerberuf so unattraktiv? An den Gehältern kann es nicht liegen, die sind im Schnitt höher als die von anderen Akademikern.
David Riha: Nach aktuellen Umfragen hat sich das Image des Lehrer-Berufes in den letzten Jahren zumindest deutlich verbessert und die Tätigkeit des Lehrers in der Bevölkerung wird wesentlich differenzierter beurteilt als früher. Gleichzeitig ist aber auch allgemein bekannt, dass es immer noch ein Beruf mit geringem Status, wenig Aufstiegschancen, wenig Gestaltungsräumen und insgesamt hoher Belastung ist. Es verwundert daher nicht, dass Abiturenten mit Bestnoten, die später neben einem guten Gehalt auch Leitungsverantwortung, hohen gesellschaftlichen Status und berufliche Weiterentwicklung wollen, andere Studienfächer wählen.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat in diesem Zusammenhang jetzt die Entsendung von Top-Mitarbeitern aus Unternehmen an Schulen gefordert. Was halten Sie von diesem Vorschlag?
David Riha: Schule sollte heute selbstverständlich praxisnah sein. Allerdings stellt sich hier die selbe Frage wie momentan an den Universitäten hinsichtlich der Lehrbefähigung von Professoren. Nur weil diese gute Wissenschaftler sind, heißt das nicht, dass sie auch unterrichten können. Ähnliches gilt meiner Ansicht nach für Top-Mitarbeiter. Der von Frau Schavan beispielhaft genannte Ingenieur, der an der Schule Mathe oder Physik unterrichten soll, verfügt wohl kaum über die pädagogische Qualifikation für eine erfolgreiche Wissensvermittlung im direkten Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Angesichts des Lehrermangels sollte man sich dieser Lösung aber meiner Ansicht nach auch nicht verschließen. Ich plädiere für eine verbindliche Weiterqualifikation solcher externen Fachkräfte.
Viele Bildungspolitiker sind indes gegen diese Lösung. Sie fordern, dass in Zukunft nur noch sehr gute Abiturienten zum Lehramtsstudium zugelassen werden. Wie stehen Sie dazu?
David Riha: Schulnoten lassen lediglich Rückschlüsse über den Ausbildungserfolg zu – nicht aber über den späteren Berufserfolg. Insofern ist die Verkürzung auf die Formel “Gute Abi-Note = Guter Lehrer” empirisch nicht zu halten. Darüber hinaus halte ich es für unklug, den Zugang zu einem momentan ohnehin zu wenig frequentierten Studium noch weiter zu beschränken. Meiner Ansicht nach sollte lieber in die Erhöhung der Attraktivität des Lehrerberufes investiert werden.
Wie müsste das konkret aussehen?
David Riha: Tja, da haben wir´s: Hier gibt es eben leider keine Wahljahr-tauglichen Supermaßnahmen, die mal eben alles schnell in Ordnung bringen. Langfristig gesehen muss nämlich nicht nur der Lehrerberuf verändert werden. Sondern das gesamte Bildungssystem. Diese Reformation nach PISA hat aber gerade erst begonnen und befindet sich nach meinen Beobachtungen noch immer in einem eher experimentellen Stadium. Das führt zu einer hohen Verunsicherung aller Beteiligten und zu einem Nebeneinander alter und neuer Strukturen. Um seinen neuen Aufgaben gerecht zu werden, benötigt das Bildungswesen eine gänzlich andere Organisation – in der eben auch Platz für die systematische Anerkennung von Lehrern, ihre berufliche Weiterentwicklung, ein kooperativeres Arbeiten im Team und kreative Gestaltungsspielräume ist.
Immer wieder hört man stattdessen von einem Bieterwettbewerb der Länder untereinander um gute Lehrer.
David Riha: Hier zeigt sich eben die übliche bauchnabelfixierte, kapitalistische Marktlogik der Abwerbung von Arbeitskräften – und das in einem Feld, in dem es um die Zukunft des Landes geht. Statt hinsichtlich einer gesamtdeutschen Bildungspolitik zusammen zu wirken und nachhaltig zu handeln, zeigen die Länder ein ebenso egoistisches wie kurzfristiges Denken und stellen unserem Land auf diese Weise ein erbärmliches Zeugnis aus. Zugleich wird deutlich, dass der Bundespolitik seitens der Länder eine Behebung des Problems nicht zugetraut wird – so dass es zu einer Art Selbstjustiz in Sachen Bildung kommt.
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Interview: Felix Kubach
David Riha ist Diplom-Psychologe und arbeitet als bundesweit nachgefragter pädagogisch-psychologischer Weiterbildner und Organisationsentwickler an Schulen sowie als Sexualpädagoge und Berater bei pro familia Brandenburg.
Das Problem sind nicht die “schlechten” Lehrer, sondern die schlecht erzogenen Kinder.
Wenn man den Kindergarten ablehnt und den Fernseher, Nintendo und die Wii als seinen Beitrag zur Erziehung ansieht und die lieben Kleinen nach einem komplizierten Plan von A nach B kutschiert, dann kommen eben Kinder dabei raus die keine Grenzen, keine Umgangsformen und kein Durchhaltevermögen und eben auch keinen Respekt vor Lehreren, Mitschülern und Mitmenschen kennen.
(ADHS = AnDere Haben Schuld)